Francisco de Goya, Herbst oder Die Weinlese, 1786 – Kein anderes Getränk ist so sagenumwoben wie der Wein, dieses Getränk der Götter und jener Sterblichen, die sich für die Dauer von ein paar Gläsern des himmlischen Saftes göttlich fühlen wollen. Deshalb nennt man den Wein auch und passenderweise den Trank der Unsterblichen.
Keine andere Ernte in diesen frühen Tagen des Herbstes scheint poetischer, eleganter und derart schöpfungsbelassen. Hände berühren die Frucht im besten Falle, schneiden mit Schere oder Messer die Trauben vom Stock, die guten ins Töpfchen, die schlechten in Kröpfchen. Da und dort hat die maschinelle Lese Einzug gehalten, die Ernte geht schnell, kostengünstiger, aber ihr fehlt die Seele, und dem Wein danach vermutlich auch.
Goldene Tage sind es, bevor die Trauben zu Wein werden, vom Pressen über das Gären und den Ausbau bis hin zum Trinken nach ein paar Wochen oder ein paar Jahren. Und dann gibt der Wein alles zurück, all die Pflege, die ihm beim Werden zuteilgeworden ist, all die Sonne, die ihn beschienen, all den Regen, der ihn getränkt hat.
Wein, das ist ein erfolgreicher Dialog zwischen Mensch und Natur. Die Traube war einfach eines Tages vor 65 Millionen Jahren da, und vor 8000 Jahren begann der Mensch, sie zu veredeln und ihren gegärten Saft für sich selbst nutzbar zu machen, als Genuss, als Fluchtmittel auch. Dünn ist manchmal das Eis dessen, was er kultiviert hat. Da trägt es ihn und lässt ihn fast schon schwebend gleiten, dort bricht er unvermittelt ein.
Goya (1746–1828) kannte die Ambivalenz des Weines, seine Schaffens- und seine Zerstörungskraft. Und es ist nicht klar, ob der Wein ihn erlöste oder erkranken liess oder beides, zuerst Elysium, dann Elend. Goya war ab der späten Mitte seines Lebens ein kranker Mann, litt an Schwindel, Schwäche, später noch Taubheit, und nicht wenige Forscher schieben das dem Wein zu. Aber sicher ist nur: in vino veritas.

