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«Ich wollte der neue Führer sein»

«Ich wollte der neue Führer sein»

Erik Ahrens war einer der strategischen Köpfe von Deutschlands rechtsextremer Szene. Er schrieb den «Masterplan Remigration», machte Maximilian Krah zum AfD-Tiktok-Star, war Redner beim «Geheimtreffen von Potsdam» und arbeitete am Aufbau einer neuen «SS». Jetzt packt er aus. Und erzählt von seinem geplanten Buch: Es soll «Mein Kampf» heissen.

Berlin

Nach diesem Interview mit Erik Ahrens in Berlin tat ich etwas, was ich noch nie zuvor getan hatte: Ich rief die Cops. Genauer gesagt einen rund tausend Kilometer entfernten Schweizer Polizeiposten, und sagte, es bestehe die Möglichkeit, dass sich heute jemand in ihrer Gemeinde das Leben nehmen wolle – und zwar mit einer Armeewaffe.

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«Ich halte mich nicht für dümmer als Hitler oder Goebbels»: Ex-Neonazi Ahrens.
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Während des Gesprächs hatte mir Ahrens erzählt, er werde noch heute einen Schweizer Offizier als Neonazi outen. Dieser Mann habe ihm gesagt, er habe Schusswaffen bei sich zu Hause und werde sich noch am selben Tag «suizidieren», falls er geoutet werde. Als Ahrens sich von meinem Einwand nicht abbringen liess, dass man Menschen nicht in den Selbstmord treiben dürfe – aus welchen Motiven auch immer –, rief ich also die Polizei an. Der Beamte erklärte, er müsse ausschliessen, dass es sich bei meinem Anruf um «Swatting» handele – also den Versuch, einem unbescholtenen Bürger zum Spass ein Sonderkommando ins Haus zu schicken. Das könne ich verstehen, sagte ich. Ich wolle den Mann nicht anschwärzen, es gelte auf jeden Fall die Unschuldsvermutung, aber mein Interviewpartner habe nicht geklungen, als sei er zu Scherzen aufgelegt.

Erik Ahrens war bis vor wenigen Monaten eine zentrale Figur der rechtsextremen Szene. Das Mitglied der Identitären Bewegung (IB) galt als einer ihrer strategischen Köpfe hinter der medialen Inszenierung. Er arbeitete eng mit dem Gründer der IB Österreich, Martin Sellner, zusammen, entwickelte mit ihm Konzepte wie den «Masterplan Remigration» und baute für die AfD, insbesondere Maximilian Krah, eine starke Reichweite auf Tiktok und anderen Plattformen auf. Seine Rolle war die eines professionellen Propagandisten und Netzwerkers, der internationale Kontakte pflegte – zu rechten Ideologen, Think-Tanks und Aktivistengruppen in Deutschland, Österreich, Ungarn und darüber hinaus. Im Oktober berichteten Guardian, Spiegel und Standard, wie sich ein Aktivist der Nichtregierungsorganisation «Hope Not Hate» gegenüber Ahrens als reicher Erbe mit rechtsextremen Ansichten ausgegeben hatte. Im heimlich gefilmten Video bat Ahrens den Mann um Geld für den Aufbau einer rassistischen Propagandastruktur und einer neuen «SS». Erik Ahrens war auch Gast beim Treffen von Rechten und Rechtsextremen in Potsdam im November 2023.

Bereits vor einigen Monaten war mir aufgefallen, dass der 31-Jährige sich in seinen Youtube-Videos vom Rechtsextremismus wegzubewegen schien: Er begann seine Youtube-Follower in die Geheimnisse von Kokosnuss-Haaröl einzuweihen, platzierte eine Pride-Flagge in seinem Twitter-Profil und beschimpfte einen ehemaligen AfD-Weggefährten als von Russland bezahlten Kokser. Also schrieb ich ihm eine Nachricht. Dass ich ihn gerne treffen und interviewen würde. Das war im April. Es blieb still.

Am 12. August 2025 betrat Erik Ahrens die Redaktion des Recherchenetzwerks Correctiv, das über das Potsdamer Treffen berichtet und eine landesweite Protestwelle ausgelöst hatte, und unterzeichnete eine eidesstattliche Erklärung zu dem, was er an jenem Tag gesehen und gehört hatte. Vor zehn Tagen kam der Kontakt zu ihm dann doch zustande. Er sei bereit, mich zu treffen, sagte Ahrens am Telefon. Einzige Bedingung sei, dass dieses Interview nicht vor der Publikation von Correctiv erscheine. Denn er habe dem Medium Exklusivität in Bezug auf die eidesstattliche Erklärung zugesichert. Damit war ich einverstanden.

 

Weltwoche: Herr Ahrens, seit zwei Jahren wird in den Medien über das Geheimtreffen von Rechten und Rechtsextremen in Potsdam gestritten – war es harmlose Vernetzung oder ein Masterplan zur Remigration? Sie haben nun eine eidesstattliche Erklärung abgegeben. Was steht da drin?

Erik Ahrens: Zum Beispiel, dass für mich und die anderen anwesenden Rechtsextremisten immer klar war, was gemeint ist, wenn Martin Sellner über Remigration spricht.

 

Weltwoche: Und das wäre?

Ahrens: Anfang 2023 habe ich zusammen mit Martin Sellner für eine österreichische Tarnorganisation der Identitären Bewegung einen Fünf-Punkte-Plan zur Remigration ausgearbeitet. Ich habe damals die Website gebaut und den Plan formuliert. Es ging dabei im Kern darum, die Idee einer ethnischen Säuberung so zu umschreiben, dass sie juristisch nicht angreifbar ist. Man sprach zum Beispiel davon, den «Assimilationsdruck zu erhöhen» oder «Remigrationsanreize zu schaffen» – also eine Sprache zu wählen, die harmlos klingt. Tatsächlich lief es aber darauf hinaus, durch politischen und gesellschaftlichen Druck ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen mit Migrationshintergrund unwohl fühlen und von selbst gehen. Deshalb finde ich den Begriff Vertreibung unpassend – es ging weniger um direkte Zwangsmassnahmen als um eine indirekte Form der Verdrängung.

 

Weltwoche: Haben Sie die eidesstattliche Erklärung heute dabei?

Ahrens: Ich kann sie Ihnen zeigen.

 

Weltwoche: (Ahrens überreicht mir ein fünfseitiges Dokument, und ich beginne daraus vorzulesen) «Ich habe am 25. November 2023 an der Veranstaltung unweit Potsdams im Landhaus Adlon teilgenommen, die später durch die Berichterstattung von Correctiv bekannt wurde. Organisiert wurde die Veranstaltung von Herrn Dr. Gernot Mörig. Wie schon in der Einladung mitgeteilt, sagte Herr Dr. Mörig, dass auf der Veranstaltung Herr Sellner ‹ein Gesamtkonzept im Sinne eines Masterplans› vorstellen würde.»

Ahrens: Richtig.

 

Weltwoche: Das stand so in der Einladung?

Ahrens: Ja. Lesen Sie weiter. Irgendwo.

 

Weltwoche: «Auf Nachfrage der in Potsdam anwesenden Silke Schröder konkretisierte Herr Sellner, wen alles die Remigration betrifft. Es gebe bei Remigration drei Zielgruppen. Es gebe ‹die Asylanten›, es gebe ‹die Nichtstaatsbürger›, und es gebe ‹die Staatsbürger›, die nicht assimiliert seien. Die ‹Nichtstaatsbürger› hätten nur eine Aufenthaltserlaubnis, die man einfach auslaufen oder nicht erneuern könne. Die nicht assimilierten Staatsbürger seien das grösste Problem. Und Herr Sellner schlägt die Lösung vor. Diese könne man durch massgeschneiderte Gesetze und hohen Assimilations- und Anpassungsdruck dazu bewegen, das Land zu verlassen. Die Remigration in dem dritten Bereich sei kein Jahresprojekt, sondern ein Jahrzehnteprojekt.»

Ahrens: Lesen Sie weiter.

 

Weltwoche: Weiter sagen Sie hier, der Veranstalter Dr. Mörig habe eine Expertenkommission vorgeschlagen, die die Umsetzung des Remigrationskonzepts unter juristischen, logistischen und ethischen Aspekten ausarbeiten solle. AfD-Politiker Ulrich Siegmund sagte, er werde versuchen, das Projekt auf Landesebene voranzutreiben.

Ahrens: Was denken Sie, wenn Sie das lesen?

 

Weltwoche: Dass die Darstellung von Correctiv im Kern korrekt war.

Ahrens: Zu 100 Prozent. Die haben es natürlich ein bisschen theatralisch aufbereitet, weil sie haben es halt so dargestellt, als wäre das ganze Treffen nur um dieses Thema gegangen. In Wirklichkeit ging es auch um andere Projekte, gab es auch andere Vorträge. Und für mich war das damals auch keine grosse Enthüllung. Jeder, der Martin Sellner folgt oder mit ihm arbeitet, weiss genau, was mit «Remigration» gemeint ist. Der eigentliche Skandal ist, dass bürgerliche Personen aus der Mitte der Gesellschaft, etwa aus der CDU, sich mit solchen Leuten einlassen: Nach aussen wahren sie eine bürgerliche Fassade, während sie diesen hinter den Kulissen eine Bühne bieten und sich mit ihnen verbrüdern.

 

Weltwoche: Später wurde von den Veranstaltern und auch von Teilnehmern aus den Reihen der CDU vehement bestritten, dass davon die Rede war, auch deutsche Staatsbürger ausschaffen zu wollen. Sowieso wurde so ziemlich alles bestritten, was Sie in ihrer eidesstattlichen Erklärung ausführen.

Ahrens: Das fand ich alles Affentheater. Da habe ich mich gar nicht mit involviert in diese komischen Abwehrmanöver. Das war einfach auch unehrlich. Da waren halt bürgerliche Personen dabei, die nun ihr Image, ihr Eigentum und ihre Jobs retten wollten. Was wollten diese Clowns damit eigentlich erreichen? Das verstehe ich bis heute nicht. Manche glauben diese Lügen inzwischen wirklich selbst. Ich habe mit dem Gastgeber gesprochen, und der war wirklich überzeugt, dass gewisse Aussagen gar nicht gefallen seien. Aber ich war dabei: Der Begriff Remigration fiel mehrfach, es ging um das Buch «Remigration», der Vortrag handelte von Remigration. Und jeder, der wie ich oder die anderen Rechtsextremen mit Sellner zusammengearbeitet hatte, wusste genau, was damit gemeint ist: Remigration heisst Ausländer raus – und zwar auch eigene Staatsbürger mit Migrationshintergrund.

 

Weltwoche: Können Sie das, was Sellner «Jahrzehnteprojekt» nennt, genauer beschreiben?

Ahrens: Die Idee hinter dem Konzept ist, durch zahlreiche gesetzliche Einschränkungen gezielt Druck auf bestimmte Einwanderungsgruppen auszuüben, bis sie freiwillig gehen. Beispiele wären Kopftuchverbote, das Verbot von Schächten und Beschneidung, das Untersagen von Moscheen oder der Entzug von Sozialleistungen. Ziel ist es, das Leben für diese Gruppen so unbequem zu machen, dass sie lieber in ihre Herkunftsländer oder die ihrer Vorfahren zurückkehren. Es geht nicht um sofortige Massenausweisungen per Abschiebeflieger, sondern um einen schleichenden Prozess über Jahre oder Jahrzehnte. Diese Pläne finden sich in Sellners Buch, in seinem Potsdamer Vortrag, in mehreren Videos und in einem Kurs Sellners für die gemeinsame «Gegen-Uni». Auch der Fünf-Punkte-Plan zur Remigration, den ich 2023 schrieb, basiert darauf.

 

Weltwoche: Weiter heisst es in der Erklärung: «Herr Sellner sprach auch von einer Musterstadt in Nordafrika. Dort könnten mehrere Millionen Menschen leben. Dann habe man einen Ort, wo man Leute hinbewegen könne. Dort gebe es die Möglichkeit für Ausbildungen und Sport. Und alle, die sich für Geflüchtete einsetzten, könnten auch dorthin.»

Ahrens: Wissen Sie, das ist megazynisch, das mit «Ausbildung und Sport», denn damit soll das propagandistische Sujet bedient werden, dass es in Konzentrationslagern ja auch Freibäder gegeben habe und so weiter.

 

Weltwoche: Sie meinen das «Vorzeigelager» Theresienstadt, ein Konzentrationslager, wo man angeblich Sport treiben konnte?

Ahrens: Sellner macht die Anspielung bewusst, und er freut sich, damit durchzukommen, dass man ihm nicht nachweisen kann, dass er das so gesagt hat. Das ist seine grosse diebische Freude, etwas zu sagen, was offensichtlich für jeden eindeutig die Assoziation erweckt, aber dann sagen zu können: «Nein, ich habe das ja so nicht gesagt.» Der Typ ist verlogen durch und durch: Nicht mal im Privaten nimmt der Begriffe in den Mund, mit denen man ihn dann erledigen könnte.

 

Weltwoche: Warum waren Sie selbst eigentlich in Potsdam?

Ahrens: Ich habe dort meine Werbeagentur vorgestellt. Zusammen mit Arne Mörig, dem Sohn des Veranstalters, wollte ich rechte Youtuber finanziell abhängig machen und so kontrollieren. Die Idee: Wer die Werbung und das Geld steuert, kontrolliert den Inhalt. Mein Ziel war, ähnlich wie Alfred Hugenberg in den 1920ern, ein rechtes Medienimperium aufzubauen und die rechte Youtube-Szene – von Kanälen wie Ketzer der Neuzeit oder Feroz Khan mit jeweils rund 500.000 Abonnenten bis zu kleineren Accounts – finanziell unter meine Kontrolle zu bringen, um so Kandidaten zu pushen und langfristig Macht aufzubauen.

 

Weltwoche: Das hat geklappt?

Ahrens: Nein. Ich habe in Potsdam um Geld geworben und das dann nicht bekommen wegen dieser ganzen Story.

 

Weltwoche: Trotzdem sind Sie nun auf Correctiv zugegangen. Warum?

Ahrens: Ich bin ja froh, dass ich in diesem rechten Lager keinen nachhaltigen Erfolg hatte, sonst wäre ich da gefangen. Und das wäre furchtbar. Dafür bin ich Correctiv dankbar.

 

Weltwoche: Wie stark ist die Verflechtung von AfD und Identitärer Bewegung?

Ahrens: Die AfD ist keine einheitlich organisierte Gruppe, sondern eher ein Label. Die sind sich untereinander ja alle spinnefeind. Manche Abgeordnete arbeiten mit der Identitären Bewegung zusammen, andere nicht. Einige beschäftigen IB-Mitglieder, andere grenzen sich bewusst ab. Zu denen, die den Anschluss suchen, gehören etwa Franz Schmid aus Bayern oder Joachim Paul aus Rheinland-Pfalz. Björn Höcke hält offiziell etwas Distanz, sucht aber im Grunde ebenfalls die Nähe.

 

Weltwoche: Wie zeigt sich dieser Anschluss?

Ahrens: Der Anschluss zeigt sich zum Beispiel daran, dass man Leute beschäftigt, die früher bei der Identitären Bewegung waren, oder indem man deren Inhalte bewirbt. Ich glaube, Höcke hat sogar schon Sellners Buch empfohlen – das kann man vermutlich in seinem Telegram-Kanal nachlesen. Ausserdem lässt er sich in Schnellroda mit Götz Kubitschek fotografieren, was ebenfalls ein klares Signal ist. Es gibt Abgeordnete, die sich bewusst mit der IB und ihrem Umfeld assoziieren, und andere, die das ablehnen. Der Grund ist strategisch: Wenn man sich mit der IB verbindet, bekommt man Zuspruch aus dem Vorfeld – also dem Konglomerat aus Identitärer Bewegung, rechten Verlagen und angeschlossenen Youtubern –, muss dafür aber Kritik aus dem Mainstream aushalten. Umgekehrt bekommt man bei Distanzierung Applaus aus dem Mainstream, aber Ärger aus dem Vorfeld.

 

Weltwoche: Im November 2023 nahm ein britischer Journalist von «Hope not Hate» in Griechenland heimlich auf, wie Sie sagten, Sie würden mit genügend Geld eine neue SS aufbauen. Gleichzeitig waren Sie als Influencer für den Tiktok-Hype um den AfD-Kandidaten Maximilian Krah verantwortlich. Eigentlich wären Sie ein gutes Argument für ein AfD-Verbot.

Ahrens: Ja, total. Ich will auch, dass die AfD verboten wird. Die Partei vertritt vor allem abgehängte Bevölkerungsschichten und lebt davon, deren Ressentiments politisch auszuschlachten. Ihre Kernklientel sind abgehängte Boomer, die es in der FDP oder der CDU nicht geschafft haben, und junge Strassen-Nazis – Menschen, denen ich keine Verantwortung anvertrauen würde. Die Partei vereint Rückwärtsgewandtheit, Lügen, Ausländerfeindlichkeit und eine Russlandnähe und versucht damit, die gesellschaftliche Entwicklung zu blockieren.

 

Weltwoche: Das reicht doch nicht für ein Verbot einer Partei.

Ahrens: Sie haben den Wunsch nach absoluter Macht, aber ihnen fehlt der Mut, ihn offen einzufordern. Bei Höcke sieht man das gut: Er hat nicht die Eier, eine Diktatur für Deutschland zu fordern, identifiziert sich aber stark mit autoritären Führern wie Wladimir Putin. In Telegram-Beiträgen verteidigt er Putin emotional und spricht davon, der Westen habe ihn «verletzt». Es geht also nicht nur um geopolitische Überzeugungen, sondern um persönliche Identifikation mit Diktatoren. Gleichzeitig stellen sie sich selbst als Opfer einer unterdrückenden Demokratie dar, weil ihnen der Mut fehlt, den eigenen Machtanspruch offen zu vertreten.

 

Weltwoche: Wie steht es um die internationale Vernetzung der Identitären Bewegung?

Ahrens: Im Mai fand in Mailand der «Remigration Summit» der Identitären Bewegung statt, mit Teilnehmern aus Deutschland, Frankreich, Portugal, Spanien, Italien und anderen Ländern – ein europaweites Vernetzungstreffen. Auch bei der IB-Sommerdemo in Wien am 26. Juli waren Vertreter aus ganz Europa dabei.

 

Weltwoche: Aber das waren ja dann nur ein paar hundert Leute.

Ahrens: Die Identitäre Bewegung ist keine Volksbewegung, weil die Forderung «Ausländer raus» bei der Jugend kaum verfängt. Die meisten Aktivisten, knapp hundert Leute, kommen aus Dörfern oder Vororten, nicht aus Grossstädten, wo Junge meist diverse Freundeskreise haben. Ihr Posterboy, Dennis Braun alias Arminius, ist ein arbeitsloser Handwerker – typisch für das Profil vieler IB-Anhänger. In der Frontreihe stehen Lagerlogistiker, Handwerker, Leute ohne akademischen oder beruflichen Erfolg. In Grossstädten hat die Bewegung so gut wie keinen Rückhalt. Sie rekrutiert vor allem Sonderlinge.

 

Weltwoche: Was ist falsch daran, Handwerker zu sein?

Ahrens: Ich gucke auf niemanden herab, der wie der Schweizer Tobias Lingg von der Jungen Tat Lagerlogistiker ist. Oder der andere da, Manuel Corchia. Der verdient sein Geld als Hochzeitsfotograf und meines Wissens als Kameramann für den AfD-Landtagsabgeordneten Franz Schmid. Auch Corchia ist kein Chirurg oder intellektuelles Schwergewicht.

 

Weltwoche: Wo liegt das Problem?

Ahrens: Das ist der entscheidende Punkt: Das sind keine Intellektuellen, das sind keine gesellschaftlichen Eliten, sondern häufig sogar Abgehängte. Martin Sellner lebt von Spenden von begeisterten Boomern. Nun ist es aber so, dass diese Leute die Welt sozialdarwinistisch betrachten. Und wenn ich sage, ich kann das nicht ernst nehmen, dass sie in der Lagerlogistik arbeiten oder als Hochzeitsfotograf oder arbeitslos sind, oder dass Sellner sich immer von unten fotografieren lässt, damit er grösser wirkt, weil er nur 1,70 gross ist, dann spielt das für mich deshalb eine Rolle, weil ich diese Leute an ihren Ansprüchen und ihrem Gerede messe. Sie wollen die Elite sein, aber sie sind es nicht.

 

Weltwoche: Die Leute der Jungen Tat kennen Sie persönlich?

Ahrens: Ich habe die mal bei einem Aktivistenwochenende der Identitären Bewegung Schwaben getroffen.

 

Weltwoche: Was macht man an einem solchen Wochenende?

Ahrens: Wir haben ein Geländespiel gemacht, so nachts im Wald. Wo man sich so haut halt. Dann haben wir geboxt. Man haut sich eigentlich die meiste Zeit, oder man hält Vorträge.

 

Weltwoche: Was wird vorgetragen?

Ahrens: Ich habe einen Vortrag über die Rassentheorie gehalten.

 

Weltwoche: Wenn ich Sie richtig verstehe: Die Identitäre Bewegung wird von den Medien grösser gemacht, als sie ist?

Ahrens: Die Medien wissen nicht, wie sie dieser Szene effizient begegnen sollen. Ich werte niemanden ab, weil er Lagerlogistiker ist – aber in ihrem sozialdarwinistischen Weltbild gilt so jemand als unteres Glied in der Nahrungskette. Genau so muss man sie angreifen: ihre Widersprüche aufzeigen, ihre Minderwertigkeit und sie mit ihren eigenen Kriterien konfrontieren.

 

Weltwoche: Ihre «Minderwertigkeit»?

Ahrens: Ich finde, der Böhmermann macht das schon halbrichtig: Man muss diese Szene mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie werten Menschen nach Herkunft oder Aussehen ab und stellen sich selbst als überlegen dar – also sollte man sie an ihren eigenen Massstäben messen. Wenn man ihre Widersprüche sichtbar macht, entlarven sie sich selbst. Ein Beispiel ist die Doku «Nazis in Zwickau»: In den Kommentaren machen sich die Leute nur lustig, warum denn viele der Nazis slawische Nachnamen haben und so. Genau so muss man vorgehen: ihnen das Spotlight geben und sie mit ihren eigenen Aussagen konfrontieren. Man darf auch keine Angst haben, ihnen damit mehr Aufmerksamkeit zu geben. Mich hat das nämlich dazu gezwungen, mich selber im grossen Licht einer gewissen Öffentlichkeit neu zu betrachten und zu sehen, das sieht ja richtig scheisse aus.

 

Weltwoche: Halten Sie es für sich selbst gesund, sich umgehend in den nächsten Kampf zu werfen – den gegen Nazis?

Ahrens: Gesund ist es nicht. Aber man muss Feuer mit Feuer bekämpfen. Die Medien stellen diese Leute immer ein bisschen wie den Bösewicht im Film dar, der ja irgendwie der Coole ist. Diese Leute inszenieren sich gerne als sportlich und stark, aber in Wahrheit können die meisten gar nicht kämpfen. Beim IB-Treffen war ich nach sieben Jahren Pause trotzdem unter den besten drei Boxern. Für Leute, die sich im Netz ständig mit Boxhandschuhen darstellen, ist das eher peinlich. Man muss sie deshalb als das zeigen, was sie am meisten hassen: verdammte Loser.

 

Weltwoche: Wie kamen Sie in die Szene rein?

Ahrens: Meine Radikalisierung hat eine lange Vorgeschichte. Schon als Jugendlicher konsumierte ich rechtspopulistische Inhalte, fand deren Opferhaltung aber langweilig. Der schulische Umgang mit dem Holocaust hat mich nicht erreicht – ich bin selbst zu einem Viertel Grieche und wusste, dass auch die Türken eine Million Griechen ermordet haben. Andere Länder haben auch Völkermorde begangen, ohne dass das ständig thematisiert wird. Viele meiner Freunde in Frankfurt waren Migranten und stolz auf ihre Herkunft. Ich fragte mich: Warum sollte ich mich für meine schämen? Für klassische Anti-rechts-Botschaften war ich dadurch wenig empfänglich. 2020 sah ich in der rechten Szene dann eine Marktlücke: Viele dort waren inkompetent, und ich beschloss, mein Glück zu versuchen.

 

Weltwoche: Und dann?

Ahrens: Ich habe mir einen Twitter-Account gemacht, mich mit Leuten vernetzt und kam so irgendwann in Kontakt mit Martin Sellner. Er war schnell von mir begeistert, weil ich mich klar und intelligent ausdrücken konnte – etwas, das viele in der Szene nicht können. Dadurch hatte ich ein Alleinstellungsmerkmal, und Sellner wollte sofort ein Projekt mit mir starten: die Gegen-Uni, eine rechte Online-Akademie. 2021 war ich erst ein Jahr in der Szene und arbeitete bereits eng mit ihrem Kopf zusammen.

 

Weltwoche: Welche Rolle spielten Sie?

Ahrens: Ich war von Anfang an so etwas wie das Enfant terrible, weil ich immer mein eigenes Ding gemacht und meine eigenen Strategien verfolgt habe. Das führte zu einem ständigen Wechsel zwischen Hass und Bewunderung: Viele hassten mich, weil ich mich nicht einreihte – gerade in einer extrem konformistischen Szene. Leute wie Martin Sellner hingegen sahen mein Potenzial und betrachteten mich wie eine gefährliche Waffe, mit der man viel erreichen konnte. Ich habe Maximilian Krah auf Tiktok gross gemacht und die ersten Reels für Hans-Georg Maassen produziert. Bei Maassen waren es nur zehn Stück, weil der hatte nicht so viel Geld.

 

Weltwoche: Was kostete denn ein Reel bei Ihnen?

Ahrens: Ein paar hundert Euro.

 

Weltwoche: Und jetzt sind Sie aus der Szene rausgeraten?

Ahrens: Ich wollte der neue Führer sein, jetzt schreibe ich ein Buch darüber. Es heisst «Mein Kampf».

 

Weltwoche: Gab es das nicht schon einmal?

Ahrens: Ich dachte halt wirklich, ich sei so etwas wie die Wiederkehr Hitlers – nicht im metaphysischen Sinn, sondern als jemand, der zur richtigen Zeit die Gelegenheit nutzt. Der Hitler war eine Aussenseiterfigur, der mit neuen Ideen, Symbolen und Bewegungen alles übernommen hat. In meinen Selbstvorstellungen war das meine Aufgabe. Gleichzeitig war es auch ein Kampf gegen mich selbst, gegen den Zeitgeist und gegen die Welt. Ich war überzeugt, dass ich vor hundert Jahren mit meiner Methode Erfolg gehabt hätte – oder zumindest weit gekommen wäre. Ich halte mich nicht für dümmer als Hitler oder Goebbels.

 

Weltwoche: Warum hat es trotzdem nicht geklappt?

Ahrens: Heute kann man nicht mehr wie Hitler oder Goebbels an die Macht kommen – alle Grundpfeiler der Bundesrepublik sind darauf ausgelegt, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Vor hundert Jahren war die Bevölkerung emotional verschlossen und autoritär geprägt durch das Kaiserreich. Die Menschen waren ungebildet und national abgeschottet. Sie konnten keine Fremdsprache und waren höchstens zum Kämpfen im Ersten Weltkrieg in einem anderen Land gewesen. Da konnte man Ressentiments leichter mobilisieren. Heute erreicht man damit höchstens einen kleinen, abgehängten Teil.

 

Weltwoche: Heisst das, der Traum einer rechtsextremen Machtübernahme ist heute in Deutschland unrealistisch?

Ahrens: Das würde ich so sagen, ja. Aber darunter wollte ich es nicht machen. Was ich in meinem Buch beschreiben werde, ist Folgendes: wie ich da reingeraten bin. Wie ich mich immer weiter radikalisiert habe. Aber wie ich immer, sobald ich etwas erreicht hatte, merkte: Es ist sinnlos. Es verfliegt. Die rechtsextreme Weltanschauung ist im Grunde eine Anleitung zum Unglücklichsein.

 

Weltwoche: Wie meinen Sie das?

Ahrens: Nationalsozialismus, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus – das alles sind schlechte Weltanschauungen, weil sie negative Tendenzen verstärken und einen aus der modernen Gesellschaft ausschliessen. Eine gewisse Angst vor dem Fremden mag evolutionär veranlagt sein, erfüllt aber heute keine Funktion mehr. Wenn man diesen Reflex ideologisch verpackt und verfestigt, sortiert man sich selbst aus dem Zeitgeist aus, wird zum Aussenseiter, zum Sonderling, zum Loser. Ich warne davor nicht aus Moral, sondern weil man als Träger dieser Ideologie selbst darunter leidet.

 

Weltwoche: Das wäre fast schon ein Statement für eine Aussteigerplattform.

Ahrens: Solche Leute kann ich nicht ernst nehmen. Kennen Sie den Axel Reitz?

 

Weltwoche: Nein.

Ahrens: So ein Typ, der nannte sich «Hitler von Köln».

 

Weltwoche: Was ist bloss los in Deutschland?

Ahrens: Ein richtiger Affe. Sieht auch aus wie ein Affe. Der ist jetzt kein Nazi mehr. Der hat jetzt eben ein Aussteigerprogramm. Und von dem soll ich mir dann was erzählen lassen?

 

Weltwoche: Warum denn nicht?

Ahrens: Was will ich mir von Leuten sagen lassen, die dümmer sind als ich und weniger Biss haben? Ich bin mein eigenes Aussteigerprogramm. Ich habe selber entschieden, Nazi zu werden, und ich habe auch entschieden, keiner mehr zu sein. Diese ganzen Programme respektiere ich nicht – weder im Geschäft noch beim Boxen noch auf der Strasse. Das sind Opfer, ausnahmslos. Mein Aussteigerprogramm ist, dass ich hier sitze, über die Rechten rede, sie im Netz angreife und ihnen sage: «Wenn ihr mich aufhalten wollt, müsst ihr bereit sein, Stiche zu kassieren» – und das traut sich keiner von denen. Ich mach’s auf meine Art. Ich brauche keinen, der mich schützt oder rettet, und schon gar keinen, der sich «Hitler von Köln» genannt hat.

 

Weltwoche: Was muss man denn machen, damit man harte Fälle wie Sie da rauskriegt?

Ahrens: Man muss den Leuten vor Augen führen, dass sie sich mit Rechtsextremismus ihr eigenes Leben zerstören – nur so erreicht man sie. Das mit den Juden war mir damals, so wie ich unterwegs war, egal, das hat mich nicht berührt. Aber wenn ich sage: «Wenn du rechtsextrem bist, schadest du dir selbst», dann meine ich genau das. Man blockiert sein Potenzial, landet in einem Umfeld, das Kreativität und freies Denken abtötet, und kommt aus diesem Sumpf kaum wieder heraus. Wer konsequent bleibt, radikalisiert sich zwangsläufig immer weiter – dieser Weg endet fast immer in nationalsozialistischem Gedankengut. Ich selbst habe dank meiner Freundin den Ausstieg geschafft. Die meisten haben dieses Glück nicht.

 

Weltwoche: Wie hat Ihre Freundin das gemacht?

Ahrens: Mit mir geredet und mich nicht aufgegeben. Ich wollte vor einem Jahr noch, dass sie so eine Art Reichsfrauenführerin wird. Sie hat gelacht und hat es nicht ernst genommen. Es waren weniger Argumente. Es war mehr so, dass sie mir gezeigt hat, es gibt was Besseres, als Nazi zu sein. Aber wenn man einmal so tief drin ist, dann denkt man sich ja auch: Es gibt quasi keinen Weg zurück. Und ich weiss, dass es für mich in gewissem Sinne keinen Weg zurück gibt. Ich habe Lehramt studiert, aber ich werde niemals als Lehrer arbeiten können, selbst wenn ich wollte. Nie wieder. Und ich will es auch nicht. Es gibt keinen Weg zurück.

 

Weltwoche: Resozialisierung ist glücklicherweise ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Das können auch Nazis in Anspruch nehmen.

Ahrens: Ich lass mich nicht zum Sozialfall machen. Lieber werde ich kriminell.

 

Weltwoche: Was hat das denn mit einem Sozialfall zu tun, wenn man sagt: «Sie sollen wieder Lehrer sein können.» Sie müssten sich womöglich etwas Zeit nehmen und Ihre Geschichte aufarbeiten.

Ahrens: Lieber werde ich kriminell, als dass ich mich durch ein Aussteigerprogramm von irgendwelchen Sozialarbeitern wie so ein Ex-Junkie wieder eingliedern lasse. Das habe ich von 50 Cent gelernt: «Get rich or die tryin’.»

 

Weltwoche: Von Adolf Hitler zu 50 Cent – da muss man auch erst mal drauf kommen.

Ahrens: Das meine ich hundertprozentig ernst. Ich wollte als Rechter an die Macht. Und jetzt will ich mit Sicherheit nicht eine mittelmässige Lehrerexistenz.

 

Weltwoche: Warum eigentlich nicht eine «mittelmässige Lehrerexistenz»? Ist auf Dauer vielleicht gesünder als Führer?

Ahrens: Nicht für meinesgleichen.

 

Weltwoche: Was spricht denn gegen mehr Bescheidenheit und Demut?

Ahrens: Bescheiden ist okay, ich lebe sehr bescheiden, aber es geht um langweilig. Ich will nichts Langweiliges machen. Ich gehe lieber ins Gefängnis als in die Schule.

 

Weltwoche: Sie könnten doch als Lehrer in der Schule Kids zeigen, wohin das führt, wenn man sich radikalisiert. Einem wie Ihnen würden die vermutlich zuhören.

Ahrens: Die können ja mein Buch lesen. Also klar will ich denen das zeigen, aber doch nicht als Englischlehrer.

 

Weltwoche: Mal abgesehen vom Gefängnis: Was können Sie sich sonst so für Ihre Zukunft vorstellen?

Ahrens: Ich bin geschäftstüchtig und Marketing-affin. In den letzten Monaten habe ich zum Beispiel ein Fake-Only-Fans-Coaching verkauft – mit einem Schauspieler als Manager. Wir haben Rechten, also meinen Followern, beigebracht, wie man angeblich Only-Fans-Manager wird, obwohl ich selbst mit Only-Fans nichts zu tun habe. Genau das meine ich übrigens, wenn ich sage: kriminell. Die Rechten haben das Coaching gekauft, ich habe daran verdient – im Grunde ist das Betrug, aber das war mir egal. Jetzt werde ich öffentlich auflösen, dass es ein Fake war. Ich habe das inszeniert, genauso wie ich vorher Hans-Georg Maassen und Maximilian Krah auf Tiktok inszeniert habe.

 

Weltwoche: Wie sieht eigentlich Ihr Leben im Moment aus? Allzu viele Freunde werden Sie nicht mehr haben.

Ahrens: In der Szene, in der ich mich bewegte, hat man sowieso keine Freunde. Man ist nicht befreundet. Man ist Mittäter.

 

Weltwoche: Werden Sie bedroht?

Ahrens: Ständig. Aber bei jemandem wie Martin Sellner denke ich mir: Es gibt niemanden, der bereit wäre, für ihn Messerstiche zu kassieren. So sehr liebt den niemand. Niemand wird sich hinstellen und sagen: «Ich riskiere mein Leben für Martin Sellner.» Alles, was ich brauche, sind sechs Zentimeter Stahl. Damit bin ich sicher vor diesen Freaks. Weil keiner von denen ist bereit zu sterben für seine Weltanschauung. Ich darf mich nur nicht in eine Falle locken lassen.

 

Weltwoche: «Sechs Zentimeter Stahl» – Sie tragen jetzt ein Messer auf sich?

Ahrens: Genau.

 

Weltwoche: Beruhigend.

Ahrens: Ich glaube ja, dass sich diese rechten Tendenzen mit der Zeit von selbst überleben werden. In zwanzig, dreissig oder fünfzig Jahren wird es davon immer weniger geben. Bis dahin muss man den Deckel draufhalten. Eine echte Gefahr, dass sie an die Macht kommen, sehe ich nicht – die deutsche Gesellschaft will das im Grunde gar nicht.

 

Weltwoche: Die Wahrnehmung ist eine andere: Viele fürchten eine immer mächtigere AfD.

Ahrens: Die rechte Szene ist im Grunde capped out. Ihr bleibt der Zugang zu den gesellschaftlichen Eliten verwehrt, weil gebildete, erfolgreiche Menschen sich damit nicht offen identifizieren wollen. Solange man ihre Strukturen transparent macht – wie Correctiv –, schreckt das potenzielle Unterstützer ab. Sobald Leute aus der Mitte der Gesellschaft sich darauf einlassen, muss man sie konsequent sichtbar machen. Deswegen expose ich jetzt Rechte. Da kommt in den nächsten Monaten einiges. Ich weiss, wie man die angreift. Ich will die Rechten plattmachen – mit demselben Eifer, mit dem ich für die geschuftet habe. Heute werde ich einen Schweizer Neonazi im Netz exposen.

 

Weltwoche: Sie werden was tun?

Ahrens: Ich werde heute ein Video über einen jungen Mann aus der Schweiz veröffentlichen, der beim Schweizer Militär Dienst leistet und Teil meines Netzwerks war. Er wollte im Ausland mit mir meine Nazi-Strukturen aufbauen und ist immer noch in der Armee. Er ist bisher in den sozialen Medien nur unter einem Pseudonym aufgetreten, aber ich werde ihn mit Klarnamen und Bild öffentlich machen. Inzwischen hat er angekündigt, dass er sich mit einer seiner Waffen suizidieren wird, weil er dadurch wohl seinen Posten bei der Armee verliert. Mir ist das egal, weil ich will, dass andere so viel Angst bekommen, dass sie sich gar nicht erst auf diese Nazi-Szene einlassen.

 

Weltwoche: Der Mann hat gedroht, sich umzubringen?

Ahrens: Ich hoffe natürlich nicht, dass er sich etwas antut, aber ich halte seine Suizidankündigung für eine Schutzbehauptung, um mich davon abzuhalten, ihn zu exposen.

 

Weltwoche: Sie sollten nicht jemanden mit Foto und Namen im Netz blossstellen. Das ist Doxing. Das sind die Methoden derer, von denen Sie sich abgesetzt haben.

Ahrens: Der Mann hat gesagt, dass er jüdisches Leben in Europa vernichten will, und auf Twitter geschrieben, er wolle Russen zu einer Art Heloten machen, weil er Slawen als Untermenschen betrachtet. Jahrelang hat er unter Pseudonym Rassentheorien verbreitet und sich als blond und blauäugig inszeniert, obwohl er das gar nicht ist. Für mich ist er ein Hardcore-Rassist, Antisemit, Neonazi und Lügner. Deshalb werde ich ihn heute mit Namen und Gesicht öffentlich machen und die Informationen an die Kantonalpolizei sowie die Schweizer Armee weitergeben. Sollte seine Suizidankündigung ernst gemeint sein, ist das für mich umso mehr ein Grund, ihm die Waffen abzunehmen.

 

Weltwoche: Ich halte Doxing für falsch.

Ahrens: Meine bürgerliche Existenz ist ja in dem Sinne auch am Ende. Der Unterschied ist, dass ich bei der Wahrheit geblieben bin und nicht gelogen habe. Was will man über mich leaken? Ja, ich war Nazi, und ich bin es nicht mehr.

 

Weltwoche: Sie sind jetzt frei.

Ahrens: Ich habe mich frei gemacht. Und diesen Kampf führe ich weiter: Wer etwas zu verlieren hat, wird sich gut überlegen, ob er sich noch einmal auf solche Strukturen einlässt. Es kommt nicht jeder da raus, und nicht jeder hat die Energie wie ich, sich durchzuschlagen und aus Scheisse Gold zu machen.

 

Weltwoche: Und das bedeutet?

Ahrens: In den nächsten Monaten werde ich Rechte exposen und daraus case studies machen. Ich kenne sie aus internationalen Netzwerken – von Rassistenkonferenzen wie der «London Conference on Intelligence», die inzwischen in Budapest stattfindet. Dort treffen sich Professoren aus Verhaltenspsychologie, Genetik und anderen Disziplinen. Dahinter stehen Organisationen wie die Human Diversity Foundation von Emil Kirkegaard, Nachfolgerin des 1937 gegründeten Pioneer Fund, bekannt durch Figuren wie John Philippe Rushton und Richard Lynn, dem Autor der berüchtigten IQ-Weltkarte. Diese Teilnehmer sind Leute, die gesellschaftlich viel zu verlieren haben – und ich werde sie alle exposen. Wie schnell das geht, hängt davon ab, wie hoch gerade mein Aggressionslevel ist.

 

Weltwoche: Und dieses Level ist heute hoch?

Ahrens: Ja, deswegen wird der Schweizer Neonazi heute exposed.

 

Weltwoche: Weil ich aus der Schweiz bin?

Ahrens: Richtig. Diese Leute wollten Nazis sein. Ich habe sie nicht dazu gezwungen. Und jeder weiss, was das bedeutet – Angriffskrieg, Vertreibung, Vernichtung. Wer sich freiwillig in so eine Szene begibt und sagt: «Ich will, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, ich will ein Raubtier sein», der darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann auf ein echtes Raubtier trifft, das nach diesen Regeln spielt – nur ohne die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft. Jeder bekommt das, was er will im Leben. Wer Ideologien predigt, die auf Krieg und Vernichtung basieren und einen Todestrieb verherrlichen, darf sich nicht wundern, wenn er diese Gewalt auch selbst erfährt. Ich finde nicht, dass so etwas einen Platz in der Welt haben sollte.

 

Weltwoche: Würden Sie von sich selbst sagen, dass Sie einen Todestrieb haben?

Ahrens: Ich habe einen Lebenstrieb. Deswegen habe ich es auch rausgeschafft aus dieser Szene und die anderen nicht.

 

Einige Stunden nach dem Interview veröffentlichte Erik Ahrens ein halbstündiges Video, in dem er einen Mann aus der Schweiz als ehemaligen Gefährten und Neonazi bezeichnete. Darin diffamierte er den Mann wegen einer «Pornosucht» und anderer privater Dinge, die aus rechtlicher Sicht in der Öffentlichkeit nichts verloren haben – ebenso wenig wie dessen Bild und Name. Ob der Betroffene sich im Anschluss etwas angetan hat, ist unklar, ebenso, wie die Armee reagiert. Wenige Stunden nach der Veröffentlichung sperrte Youtube das Video aufgrund einer «rechtlichen Beschwerde».

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