Als wollte er sein Ableben keinesfalls hinnehmen, kündigte die Homepage des Musikers noch Tage nach seinem Hinschied unverdrossen das November-Konzert im Londoner Barbican Centre an. Hermeto Pascoal war lebensprall – wirklich inakzeptabel war nur der Tod. Als seine Ilza, mit der er 46 Jahre verheiratet war, im Jahr 2000 starb, schrieb er wie besessen an die 200 Kompositionen «Pra você, Ilza» (für dich, Ilza). Letztes Jahr, an ihrem 24. Todestag, brachte er ein Album mit einer Auswahl dieser Stücke heraus – ohne jegliche Trauerbeflaggung. Vielmehr sind es putzmunter sprudelnde conversaçãos – als wäre die Frau noch mitten unter uns. Tod, wo ist dein Stachel?
Latin Grammys
Musik war seine Sprache, besser noch: Musik war sein Dialekt. Er kommunizierte mit Tonfolgen, Geräuschen, Pfiffen, Gurgeln und Klatschen – halt allem, was in Ohren und Seelen haftenbleibt. Nicholas Payton schwärmte über den Instinktmusiker, «dass man selbst in den abstraktesten musikalischen Momenten die Verbindung zum Kern seiner Kultur spüren kann».
Hermeto Pascoal war schon körperlich eine einzige Explosion, als wäre er einem schrillen Cartoon entsprungen. Sein mächtiger Haarschopf spross in alle Himmelsrichtungen, ebenso wie sein Bart (den er auch als Instrument nutzte); er war ein Irrwisch, der auf seine Keyboards wie angestochen, aber mit mathematischer Präzision eindrosch. Er war überbordend, mal spielte er brasilianische Volkstänze, mal produzierte er mit Airto Moreira eine hinreissende Sambascheibe. Dann wieder turtelte er aufgedreht zwischen Avantgarde und Jazz, mal zappelig, mal dissonant, mal fratzenhaft. Ach ja: Alle Instrumente (Flöte, Saxofon, Gitarre und alles Sonstige) hatte er sich selbst beigebracht. Selbst echte Ferkel brachte er zum Quieken («Missa dos Escravos»). Gelegentlich klingt das wie ein aus dem Ruder gelaufener Kindergeburtstag im Zoo, ein andermal wie eine bumsfidele Dorfhochzeit auf Messers Schneide und dann wieder so verträumt, als hätte Satie seine Hände im Spiel. Wer also fest umrissene Erwartungen an Musik im Allgemeinen hegt, sollte grundsätzlich eher auf Distanz zum «Zauberer» – wie ihn alle in seiner Heimat nannten – gehen.
Eigentlich stammte er ja aus dem bettelarmen Nordosten Brasiliens, und er wäre wohl wie viele andere seiner Familie zur Feldarbeit verdonnert worden. Als Albino war er jedoch für die Arbeit in der Glutsonne ungeeignet und erkundete dafür zu Hause Vaters Akkordeon und was ihm sonst in die Finger kam. Der Rest ist Geschichte. Durch Witz, Neugier und Fantasie wurde er zu «one of the most important musicians on the planet», wie es Miles Davis einmal voller Ehrfurcht zusammenfasste. Am vergangenen Samstag starb Hermeto Pascoal mit 89 Jahren an Organversagen in Rio de Janeiro. Sein Sterben soll in eine grosse Party ausgeartet sein.
Wer weiss: Vielleicht sieht man sich ja doch demnächst in London.