Gesellschaft ohne Fehlertoleranz
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Tamara Wernli

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Wenn der Flirt eines deutschen Chefredaktors zur internationalen Angelegenheit wird.
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Toleranz ist doch nicht so tolerant, wie man heute denken würde. Denn auf der Liste der Dinge, die wir nicht mehr tolerieren, stehen offenbar auch Flirtversuche an Firmenfeiern unter Alkoholeinfluss.

Der Chefredaktor der Welt, Jan Philipp Burgard, trat kürzlich zurück, offiziell aus Krankheitsgründen. Die New York Times und das deutsche Medienhaus Correctiv stellten jedoch einen anderen Verdacht in den Raum: «unangemessenes» Verhalten gegenüber einer Mitarbeiterin auf der Weihnachtsfeier, angeblich wurde er darum von seinem Arbeitgeber Axel Springer zum Rücktritt bewegt. Es geht um ein «Nahegekommensein» auf der Tanzfläche; die Times spricht von einem Kussversuch unter Alkoholeinfluss. Die Mitarbeiterin war ihm nicht unterstellt. Das Portal Semafor schreibt, in der von Springer veranlassten Untersuchung habe Burgard erklärt, so viel getrunken zu haben, dass er sich nicht komplett an das Fest erinnern könne. Aktuelle Beschwerden wegen sexueller Belästigung oder Beweise für ein Fehlverhalten gebe es laut der Untersuchung keine. Seine Anwälte sprechen von nachweislich falschen Gerüchten.

Illustration: Fernando Vicente
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Illustration: Fernando Vicente

Es sieht also so aus: kein Abhängigkeitsverhältnis, keine nachweisbare Verfehlung, keine strafrechtliche Relevanz. Auch bleibt unklar, ob die Vorwürfe von einer betroffenen Frau stammen, ob überhaupt etwas gegen den Willen einer beteiligten Person geschehen ist. Oder ob es einfach ein missglückter Tanz auf dünnem Eis war. Im Vollsuff.

Viele lebenslange Beziehungen haben genau so auf einer Firmenfeier begonnen.

Ich will den Mann nicht verteidigen, vielleicht hat er ja eine problematische Libido. Ein stark betrunkener Chef macht auf einer Firmenfeier definitiv keine gute Figur — das scheint mir aber als Grund für einen Rücktritt nicht ausreichend gravierend (goldene Regel: Smarte Männer trinken nie so viel, dass sie Filmrisse haben und Dinge tun, die sie später bereuen. Das gilt für alle, aber vor allem für solche in Chefpositionen mit besonderer Verantwortung). Fehlverhalten gehören intern geklärt. Echte sexuelle Übergriffe müssen benannt und bestraft werden.

Aber: Wenn ein Flirtversuch bereits internationale Relevanz besitzt, kann man nur sagen: Bravo, du Prüderie, du hast es weit gebracht. (Wobei das Interesse zumindest halbwegs ableitbar ist: Springer besitzt Politico, ein wichtiges amerikanisches Nachrichtenportal.) Wenn aber jeder Flirtversuch im Arbeitsumfeld automatisch als «unangemessenes» Verhalten eingestuft wird, entmündigt man damit die Beteiligten. Als könnten sie nicht selbst entscheiden, ob sie einen Flirt wollen oder nicht. Flirts können schieflaufen, Signale können falsch verstanden werden. Aber nicht jede unbeholfene oder ungewollte Annäherung ist moralisch verwerflich. Flirten ist keine exakte Wissenschaft; es gibt Grauzonen. Und: Viele lebenslange Beziehungen haben genau so auf einer Firmenfeier begonnen.

«Unangemessen», ein dehnbares Wort. Jede Frau hat ihre eigene Messlatte. Viele empfinden körperliche Annäherung nicht automatisch als übergriffig – und oft kommt es schlicht auf den Mann an: Ist er interessant, nennt man es Flirt, ist er es nicht: Fehlverhalten. Die Gleichsetzung von (ungewolltem) Flirt und Übergriff halte ich für einen Rückschritt; man kriminalisiert eine normale menschliche Interaktion. Flirten bedeutet herumschäkern, Berührung, vielleicht einen Kussversuch inmitten einer gegenseitigen Annäherung. Und etwas völlig Verrücktes: Frauen besitzen die Fähigkeit, solche Nähe abzulehnen. Wir sind keine hilflosen Opfer.

 

Vielleicht wollte man sich bei Springer nach dem Abgang des Ex-Bild-Chefredaktors Julian Reichelt, der damals sexuelle Beziehungen zu Mitarbeiterinnen pflegte, präventiv absichern. Vielleicht ist das mediale Geraune über die Rücktrittsempfehlung schlicht substanzlos. Klar ist, solche Gerüchte liefern Medien dankbare Schlagzeilen. Öffentliche Verdachtsäusserungen ohne konkreten Schuldnachweis sind jedoch ungerecht — etwas bleibt immer haften. Und sie sind gefährlich, weil Medien so Kollateralschäden normalisieren.

Statt alltägliche menschliche Interaktion übermässig zu brandmarken, sollten wir das Spiel zwischen Mann und Frau wieder entkrampfen und allen eine kleine Fehlertoleranz zugestehen — vor allem wenn niemandem geschadet wurde. Sollten neue Informationen auftauchen, behalte ich mir selbstverständlich vor, meine Meinung zu revidieren.

 

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