Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Die Weltwoche

Fluch des Geldes

Unser Autor, der Regisseur des Dok-Dramas «Game Over» um den Niedergang der Credit Suisse, fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen, die er aus der Arbeit am Film mitnimmt.

Als Regisseur für Dok-Serien ohne jegliches Wissen über die Finanzwelt – und, um ehrlich zu sein, auch ohne jegliches Interesse an dieser Welt – sich dem Untergang der Credit Suisse anzunehmen, bedeutet ganz schön viel Grundlagenarbeit. Auch wenn die Geschichte, die ich in «Game Over – Der Untergang der Credit Suisse» erzähle, eine Geschichte von Menschen und nicht von Zahlen ist, musste ich doch ihre Codes verstehen, um dahinter die menschlichen Regungen zu suchen, die dieses Debakel erzählenswert machen.

Maya & Daniele
Ist die Verführung gross genug, dann kennt die Gier keine Grenzen: Regisseur Helbling.
Maya & Daniele

In der Folge meine fünf ganz persönlichen Erkenntnisse aus meiner Zeit in den Ruinen der Credit Suisse zu Geld, Bankern, der Credit Suisse selber – und der Schweiz.

 

1 – Marx hatte recht

Der perfekte Banker ist ein paradoxes Wesen. Banker haben einen eigenartigen Röntgenblick auf die Welt, der hinter den eigentlichen Dingen Zahlen sieht. Im Supermarkt sehen Ideal-Banker nicht einfach ein Brot, sie sehen ein global gespanntes Netz an sich dauernd verändernden Zahlen mit ihrem Wissen darum, wo der Kurs von Weizen aktuell steht, wie geopolitische Entwicklungen, das Wetter und Innovationen diesen Kurs beeinflussen werden und was die Veränderung dieses Kurses in Milliarden an Handelsvolumen nach der nächsten Ernte bedeutet.

Die Arbeit der Banker selber findet ausschliesslich in der Abstraktion der Welt statt.

Das gilt nicht nur für Weizen, sondern für alles, was die Welt an Dingen und Dienstleistungen zu bieten hat – von Rohöl bis zu künstlicher Intelligenz. Hätte ich ein Vermögen, ich würde komplett auf den Rat einer guten Bankerin hören.

Andererseits kommt zu diesem Röntgenblick auf die Welt in Zahlen auch eine seltsame Distanz zur Welt. Zahlen sind dann doch einfach nur Zahlen. Marx’ These, dass sich die Arbeitenden im Kapitalismus vom Produkt ihrer Arbeit, vom Prozess ihrer Arbeit und schliesslich auch von sich selber entfremden, scheint mir für Banker besonders zutreffend. Denn ihre Arbeit selber, verrichtet in den grossen Glastürmen der Finanzmetropolen, findet ausschliesslich in der Abstraktion der Welt statt, der Abstraktion auf Zahlen. Nahezu sinnbildlich stehen die Glastürme der Banker mitten in den pulsierendsten Metropolen, und doch scheint das Glas, das die unverstellte Sicht auf die Welt ermöglicht, ihnen die Teilhabe an der Welt um sich herum zu verbieten.

Absurde Arbeitszeiten, ein Konkurrenzdruck, der Pausen als Schwäche auslegt, und die schiere Geschwindigkeit der Märkte lassen keine Zeit übrig, um die perfekten Banker an der Welt teilhaben zu lassen. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Im schicken Glasturm keimt kein Weizenkorn. Banker können den Weizen handeln, aber ich glaube nicht, dass sie das Brot geniessen können.

 

2 – Der Fisch stinkt vom Kopf her

Die Automechanikerin könnte statt Motorenöl Sonnenblumenöl auffüllen, der Maler die Grundierung weglassen, die Apothekerin statt Medikamente Zuckerkügelchen aushändigen. Warum machen sie es nicht? Abgesehen von der Strafbarkeit: «Es gehört sich einfach nicht.» Alle drei könnten dadurch sparen, sich selber bereichern, aber tun es nicht. Warum haben denn einige Banker der CS sich zum Betrug hinreissen lassen? Wenn die Verführung gross genug ist, Hemmschwellen wie interne Strafen kaum vorhanden sind, dann kennt Gier keine Grenzen.

Bleiben die Kollegen stumm nach dem sexistischen Spruch? Brüllt der Chef nur rum?

Der CS-Banker Andrew Pearse verdiente um die drei Millionen Dollar pro Jahr, als er wissentlich beim «Tuna Bonds»-Skandal Mosambik ins Verderben stürzte, um noch ein paar Millionen mehr über Bestechung und sogenannte Kickbacks zu verdienen. Vor Gericht antwortete er auf die Frage nach dem Warum: «Gier. Es gibt kein anderes Wort dafür.»

Das stärkste Bollwerk gegen Gier ist die vermeintlich schwer fassbare «Firmenkultur». Ich glaube, Kultur ist gar nicht so mysteriös, wie alle tun. Sie setzt sich zusammen aus jeder einzelnen Aktion und Reaktion im Alltag. Das sind konkrete Handlungen. Bleiben die Kollegen stumm nach dem sexistischen Spruch? Wird nach dem Fehler Verantwortung übernommen und ernsthaft nach Lektionen daraus gesucht oder Verantwortung abgeschoben? Ist der Chef fähig, auch unter Druck anständig zu kommunizieren, oder brüllt er nur rum?

Ricky Chandler, der den Rekord für den langjährigsten Mitarbeiter der Credit Suisse mit 53 Jahren hält, sagte mir im Interview zutreffend: «Der Chef ist immer das Vorbild und das Beispiel.» Oder anders formuliert: Der Fisch stinkt vom Kopf her.

 

3 – «IBG YBG»: Kauderwelsch mit Absicht

Nein, ich habe keinen Schlaganfall über der Tastatur gehabt. «IBG YBG» ist das vielleicht schrecklichste und respektloseste Sprichwort im Banking, das ich kennenlernen durfte. Die Abkürzung steht für «I be gone, you be gone», zu Deutsch: «Ich bin dann weg, du bist dann weg.» Das «dann» steht für «wenn das Risiko uns einholt». Mit der Boni-Kultur hat das Bankwesen sich eine grosse Gefahr ins Haus geholt. Es kann dazu verführen, riskante Entscheidungen zu treffen, die kurzfristig viel Geld versprechen, aber langfristig zu katastrophalen Problemen führen werden.

AT1, UHNWI, CoCos – die Finanzwelt hat einiges an schwer zu entziffernden Codes zu bieten. Für die Stanford Professorin Anat Admati ist das kein Zufall. Je intransparenter das System, desto schwerer ist es zugänglich – und, in der Konsequenz daraus, desto umständlicher ist es, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Wer profitiert von diesem Kauderwelsch? Antwort: Banker vom Schlag «IBG YBG».

David Mathers, langjähriger Finanzchef der Credit Suisse, züchtet heute Orchideen. Urs Rohner, der die Geschicke der CS eine Dekade lang leitete, verweigert sich seit dem Untergang der Öffentlichkeit. Gerade eben haben zwölf anonyme CS-Manager der obersten drei Führungsebenen vor Gericht erstreiten können, dass sie ihre Boni trotz Untergang bekommen dürfen. «IBG YBG». Die UBS muss immer noch die Schäden der übernommenen CS aufräumen, und die Verantwortlichen trinken ein Cüpli im Ruhestand.

 

4 – Das Märchen von der «unsichtbaren Hand»

Hört mir auf mit der «unsichtbaren Hand» und den sich selbstregulierenden Märkten, die für das Gemeinwohl da sind. Nach der Finanzkrise 2008 haben Politik und Öffentlichkeit mit erschreckend ähnlichen Worten reagiert wie nach dem Untergang der CS. Dazwischen liegen fast zwanzig Jahre, und immer wurde erfolgreich gegen stärkere Regulierungen lobbyiert. Es scheint fast ein Gesetz zu sein, dass Geld zu Macht und Einfluss führt. Und doch kann ich diesen Gesetzesartikel nirgends in unserer Verfassung finden.

Unser Staat ist problemlos in der Lage, Bussen für Falschparken auszustellen, Familien für das verpasste Zahlen von sich auftürmenden Krankenkassenrechnungen zu drangsalieren und Randgruppen zu überwachen. Wie steht das bei den Leuten, die die Macht haben, mit falschen Entscheidungen das ganze Land in Gefahr zu bringen?

Im Zuge der PUK wurde die Liste aller «Enforcement»-Verfahren der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht gegen die CS der letzten zehn Jahre veröffentlicht. Auf dieser Liste sind nicht einfach zwei, drei Punkte, nein, es sind Dutzende. Und doch ist nichts passiert, und die Credit Suisse hat einfach weitergemacht. Das ist nicht normal, das ist nicht begreifbar. Das Negativbeispiel CS zeigt, dass bei genug grosser Verführung mehr Raffinesse für die Umgehung von Auflagen statt für deren Einhaltung verwendet wird – genannt: Selbstregulierung.

 

5 – Magie des Geldes?

Irgendwie hat sich mir bis heute nicht erschlossen, warum Leute unbedingt so schrecklich viel Geld haben wollen. Klar, alles muss immer schneller, grösser, stärker, effizienter und mehr sein, und wenn heute viel verdient wurde, muss morgen noch mehr verdient werden. Aber Geld alleine ist ja nichts. Ich stelle mir vor, dass jemand vielleicht einen verrückten Traum hat und unbedingt einen Ferrari haben will. Aber was, wenn er das erreicht hat? Anscheinend setzt dann kein «So, das war’s, vielen Dank und tschüss»-Moment ein.

Während der Arbeit an diesem Projekt hat sich bei mir nach einer Weile ein anderer Gedanke eingeschlichen: Vielleicht geht es gar nicht so sehr darum, viel Geld haben zu wollen, sondern ganz peinlich und kleinlich nur darum, mehr als «die anderen» haben zu wollen. Mehr als die Konkurrenz, mehr als die Mitarbeitenden.

So bleibt bei mir eine Erkenntnis zurück, die so alt ist wie die Märchen und Sagen. Wer Magie sucht, muss bereit sein, einen Preis dafür zu zahlen. Den Preis, in einem Hochhaus aus Glas von der Welt ausgeschlossen zu sein; den Preis, die Konsequenzen der eigenen Taten hinter «IBG YBG» zu verstecken; den Preis, nie genug haben zu dürfen.

Magie des Geldes? Quatsch: Fluch des Geldes!

 

«Game Over – der Fall der Credit Suisse»: Der Dokumentarfilm von Simon Helbling («The Pressure Game»), der auf dem gleichnamigen Buch von Arthur Rutishauser beruht, ist derzeit in Schweizer Kinos zu sehen und erscheint demnächst als vierteilige Serie.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.