Das 1972 vom Club of Rome publizierte Buch «Die Grenzen des Wachstums» schlug ein wie eine Bombe. Sofort war das Thema der begrenzten Ressourcen in aller Munde. Und obwohl sich alle im Buch gemachten Voraussagen über zu Ende gehende Rohstoffe als falsch erwiesen haben, geniessen diesbezügliche apokalyptische Warner weiterhin hohes Ansehen.
Credit: Ingram Publishing / Alamy Stock Photo
So bekommen wir tagtäglich zu hören, dass eine ständig wachsende Weltbevölkerung unausweichlich zu einer Verknappung unserer natürlichen Ressourcen führen müsse. Dagegen zeigen Marian L. Tupy und Gale L. Pooley vom Cato Institute in Washington in ihrem 2022 erschienenen Buch «Superabundance», dass bis heute das Gegenteil der Fall ist: Gerade weil immer mehr Menschen auf diesem Planeten leben, haben wir pro Kopf immer mehr Ressourcen zur Verfügung. Wie soll das möglich sein?
Als Erster hat der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Julian Simon schon in den 1970er Jahren verstanden, dass Rohstoffe ohne das Wissen, wie man sie nutzen kann, praktisch keinen wirtschaftlichen Wert haben. Erst durch den menschlichen Erfindergeist werden Rohstoffe zu brauchbaren Ressourcen. Und weil neues Wissen potenziell grenzenlos ist, können auch die Ressourcen praktisch unbegrenzt wachsen.
Lohn der Arbeit
Diese Zusammenhänge haben die Autoren von «Superabundance» untersucht. In einem ersten Schritt haben sie die Verfügbarkeit von Ressourcen anhand eines Zeitpreises gemessen: Dabei wird ausgedrückt, wie lang eine Person arbeiten muss, um eine bestimmte Ressource kaufen zu können. Mit dieser universell anwendbaren Methode haben Tupy und Pooley einen Warenkorb von fünfzig Gütern, «The Basic 50», in 42 Ländern im Zeitraum von 1980 bis 2018 untersucht. Weil diese Länder 80 Prozent der Weltwirtschaft repräsentieren, bezeichnen die Autoren diese Untersuchung als globalen Durchschnitt.
Für alle betrachteten Güter (Nahrungsmittel, Metalle, Energieträger, Rohstoffe) haben Tupy und Pooley berechnet, wie sich der Ressourcenreichtum pro Kopf weltweit entwickelt hat. Erstaunlicherweise ergab sich dabei das Resultat, dass im Jahr 2018 von allen fünfzig untersuchten Gütern pro verdientem Dollar deutlich mehr gekauft werden konnte als 1980 – im Durchschnitt konnte ein einzelner Mensch pro Lohneinheit 252 Prozent mehr Güter kaufen. Das heisst mit anderen Worten, dass wir heute global pro Kopf im Schnitt 3,5-mal mehr Ressourcen zur Verfügung haben als 37 Jahre zuvor.
Natürlich gibt es grosse Unterschiede bei den verschiedenen Gütern. So konnte der persönliche Reichtum bei Zinn als dem Schlusslicht der Tabelle im globalen Durchschnitt nur um den Faktor 1,3 gesteigert werden. Beim Erdgas aus den USA betrug dieser Faktor 2,5, beim Rindfleisch 3,3, bei der Baumwolle 5,0 und beim Spitzenreiter Uran waren es sogar 7,7 – und nochmals: Von jedem der fünfzig untersuchten Güter stand nach 37 Jahren mehr zur Verfügung.
Genau wie bei den einzelnen Gütern weisen auch die verschiedenen Länder eine sehr grosse Variabilität der Steigerung ihres persönlichen Ressourcenreichtums auf. Mit riesigem Abstand an der Spitze finden wir dabei China: Ein durchschnittlicher Chinese konnte 2018 mit demselben Ausgangslohn gut vierzigmal mehr kaufen als 1980 – das entspricht einer phänomenalen Zuwachsrate von 3930 Prozent (siehe kleine Grafik links)! Im zweitplatzierten Südkorea belief sich diese Steigerung auf 1167 Prozent, in Indien betrug sie 455 Prozent, in den USA 240 Prozent (kleine Grafik Mitte), in der Schweiz (rechts) 216 Prozent und beim Schlusslicht Mexiko nur noch 69 Prozent.
Neben dem hier besprochenen globalen Warenkorb «The Basic 50» haben die Autoren von «Superabundance»noch einen zweiten ebenfalls global gültigen Warenkorb mit 37 Gütern in 28 Ländern seit 1960 untersucht. Darüber hinaus stellten sie noch zwei Warenkörbe mit Daten ausschliesslich aus den USA zusammen, weil sie so noch längerfristige Zeiträume betrachten konnten: Damit waren sie imstande, bis 1900 und sogar bis 1850 zurückzurechnen.
Expansion mit Industrialisierung
Als Resultat dieser Analysen kam heraus, dass die Zuwachsrate an Ressourcen pro Kopf umso grösser wurde, je weiter sie historisch zurückgingen. Daraus kann man folgern, dass die Ressourcenverfügbarkeit seit dem Beginn der Industriellen Revolution in der Mitte des 19. Jahrhunderts langsam, aber stetig zu wachsen begonnen hat. Und somit lässt sich folgendes Fazit ziehen: Verglichen mit 1980 kann ein globaler Durchschnittsbürger pro verdientem Dollar 3,5-mal mehr Ressourcen kaufen; verglichen mit 1960 ist es sechsmal mehr. Und ein durchschnittlicher amerikanischer Arbeiter kann 16-mal mehr kaufen als 1900 und 59-mal mehr als 1850.
Bis jetzt ging es immer um den Standpunkt der Ressourcenverfügbarkeit pro Kopf, also um eine persönliche Sicht («Personal resource abundance»). Ergänzt wird diese Sicht im Buch noch durch die Fragestellung, wie sich die Entwicklung dieses persönlichen Reichtums im Verhältnis zum Wachstum der Bevölkerung verhalten hat – denn ein wachsender Reichtum pro Kopf bei schrumpfender Bevölkerung hat nicht denselben Wert, wie dasselbe Wachstum pro Kopf bei wachsender Bevölkerung. Deshalb haben Tupy und Pooley noch einen zweiten Zusammenhang untersucht, den sie «Population resource abundance» nennen – also die Ressourcenverfügbarkeit pro Bevölkerung.
Dieser Ressourcenreichtum der Bevölkerung wird berechnet, indem die Zuwachsrate des persönlichen Ressourcenreichtums mit der Zuwachsrate der Bevölkerungsgrösse multipliziert wird. Das jährlich aufdatierte Resultat dieser Rechnung zeigen Tupy und Pooley auf der Website Humanprogress.org unter dem Stichwort «Simon Abundance Index» (siehe grosse Grafik auf zur Story).
Grundlage für die Berechnungen dieser Grafik ist der eingangs besprochene Warenkorb «The Basic 50» mit dem Startjahr 1980. Die Grafik zeigt indexierte Werte, der Ausgangspunkt 1980 geht von 100 Punkten aus. Der neueste Wert für das Jahr 2024 kommt so zustande: Der persönliche Ressourcenreichtum ist in der Zwischenzeit um 238 Prozent gestiegen, die Weltbevölkerung ist um 83 Prozent gewachsen. Der indexierte Wert für 2024 resultiert demnach aus der Multiplikation von 338 mal 1,83 gleich 618 – mit anderen Worten: Unser persönlicher Ressourcenreichtum, gemessen an der Bevölkerungsentwicklung, ist seit 1980 um sagenhafte 518 Prozent gestiegen!
Wäre die Bevölkerung in dieser Zeit aber nicht gewachsen, wäre dieser Index 2024 nur bei 338, und hätte die Bevölkerung sogar abgenommen, wäre die Zahl entsprechend kleiner als die Steigerungsrate des persönlichen Reichtums. Aus all dem sollte klarwerden, dass dieser Index die beste Messmethode darstellt, um die Frage zu beantworten, ob eine wachsende Bevölkerung zu Ressourcenknappheit führt.
Immer wieder Rückschläge
Die Grafik zeigt aber nicht nur, dass wir heute viel reicher an Ressourcen sind als 1980, sondern auch, dass diese Entwicklung nicht gradlinig verlaufen ist: Wie schon in den kleinen Ländergrafiken der Vereinigten Staaten und der Schweiz zu erkennen, ist auch in diesem Index ein erster Rückgang von 2000 bis 2010 zu sehen. Noch mehr aber sticht der Rückschlag wegen der Corona-Pandemie nach dem Höchstwert von gut 700 Punkten ins Auge: Ganz offensichtlich erfährt die Entwicklung unseres materiellen Wohlstands immer wieder Rückschläge, die wir jedoch bisher immer wieder ausgleichen und letztlich sogar ins Positive wenden konnten.
Martin Schlumpf ist Musiker und Publizist (Nebelspalter, schlumpf-argumente.ch)