Ob Klimakrise, Handelskonflikte oder Technologiedurchbrüche – niemand kann vorhersagen, wie sich die Welt entwickelt. Für Unternehmen ist dies eine gewaltige Herausforderung, denn der Erfolg von Strategien und Investitionen hängt entscheidend von diesen äusseren Faktoren ab. Schon früh begann etwa das Energieunternehmen Shell, alternative Szenarien zu entwerfen, um basierend auf möglichst klaren Vorstellungen investieren zu können. Dieses Vorgehen gehört heute zum Standard – in der Wirtschaft genauso wie in der Wissenschaft.
Info-Grafik: TNT-Graphics AG
Damit habe ich mich schon während meiner Masterarbeit an der ETH intensiv beschäftigt: mit den Klimaszenarien des Uno-Weltklimarats (IPCC). Damals ging es um grosse Fragen: Wird die Welt stärker global vernetzt sein oder in regionale Blöcke zerfallen? Werden wir Nachhaltigkeit ernsthaft verfolgen oder weiter auf fossile Energien setzen? Und was heisst das für den globalen Klimaschutz?
Jahre später stosse ich bei Deloitte auf Szenarien, die sehr ähnlich konzipiert sind. Kein Zufall: Beide Ansätze haben denselben Ursprung in der Shell Scenario Planning Group, die seit den 1970er Jahren das Szenariodenken geprägt hat. Diese Gruppe bildete nachfolgend eine Unternehmensberatung, die später zu Deloitte stiess. So führt heute Deloitte dieses in der Praxis sehr hilfreiche, etablierte Denken in Szenarien weiter.
Zwei grosse Fragen
Im Kern drehen sich globale Szenarien um zwei Fragen:
Wird sich die Deglobalisierung akzentuieren und zerfällt die Welt in regionale Blöcke?
Werden Klima- und Umweltprobleme proaktiv angegangen oder wollen wir uns lediglich reaktiv an die fortschreitende Erwärmung und immer stärkere Zerstörung der Umwelt anpassen?
Entlang diesen Fragen ergeben sich vier mögliche Zukünfte:
— Resiliente Regionen: reaktive Anpassung in abgeschotteten Wirtschaften
— Globale Anpassung: reaktive Anpassung bei weltweitem Handel
— Globale Kooperation: proaktives Handeln durch globale Allianzen
— Dezentrale Transformation: proaktives Handeln, getragen von Regionen.
Gerade vor dem Hintergrund einer instabilen Weltlage und sich sprunghaft ändernder Regeln ist die Lektion für Unternehmen klar: Strategien müssen auch unter wechselnden Bedingungen tragfähig sein. Szenarien helfen dabei, Schwachstellen aufzudecken – und Wege zu finden, Risiken in Chancen zu verwandeln.
Zukunftsbilder
Wichtig ist auch, branchenspezifische Unbekannte einzubeziehen. Besonders der Umgang mit dem raschen technologischen Wandel kann entscheidend sein – er bestimmt, wie Märkte sich verändern und ob Unternehmen ihre Chancen rechtzeitig nutzen. Deshalb ist es zwingend, die Szenarien jeweils für das eigene Unternehmen anzupassen. Wenn die zwei wichtigsten Unsicherheiten bestimmt sind, ergeben sich daraus wie im Bild vier relevante Szenarien.
Für jedes der Szenarien sollten Chancen und Risiken erstmals qualitativ bewertet werden. Für die relevantesten Risiken und Chancen empfiehlt sich dann eine Quantifizierung. Dabei wird durchgerechnet, wie CO2-Preise oder Zölle die Kosten und Einnahmen beeinflussen. Daraus lassen sich Strategien ableiten, die in unterschiedlichen Zukunftsbildern bestehen.
Darum geht es letztlich: nicht die Zukunft vorherzusagen, sondern widerstandsfähig zu werden. Wer Szenarien nutzt, sieht weiter – und stellt sicher, dass das Unternehmen auch in einer Welt im Wandel Kurs halten kann.
Bastien Girod ist Partner bei Deloitte Schweiz.