Wenn es Tag wird in der Kalahari im südlichen Afrika, zeigt sich ein gar possierliches Bild. Aus den Löchern von Erdbauten kriechen die Erdmännchen, setzen sich aufrecht auf den Boden und lassen sich den Bauch von der Sonne wärmen. Pro Bau leben bis zu dreissig Tiere aus mehreren Familien. Die etwa dreissig Zentimeter grossen und sehr schlanken Erdmännchen gehören zu den Schleichkatzen. Mit ihrem silberbraunen Fell sind sie gut der steinigen, trockenen Landschaft angepasst.
Credit: robertharding / Alamy Stock Photo
Bald schon machen sich die Erdmännchen ans Fressen. Die empfindliche Nase dicht am Boden, schnüffeln sie nach Insekten, Spinnen und anderem Kleingetier. Dann wird mit den starken Vorderpfoten im Erdreich gegraben und mit Klauen und Schnauze gepackt, was lecker erscheint.
Tüchtiger Wächter, tapferer Krieger
Erdmännchen werden auch selber zur Beute. Habicht und Adler, Schakal und Fuchs jagen den kleinen Säuger. Um sich vor Attacken zu schützen, organisieren die Erdmännchen einen Sicherheitsdienst: Wenn die Kolonie an der Sonne sitzt oder auf Futtersuche ist, hält eines Ausguck. Auf einem Hügel steht der Wächter wie ein Mensch auf den Hinterbeinen und beobachtet stundenlang Himmel und Horizont, bis ihn ein Kollege ablöst.
Erspäht der Wächter am Himmel einen Greifvogel, warnt er mit grellem Schrei; die Gruppe verschwindet blitzschnell in den Löchern. Nähert sich jedoch ein Bodenfeind, ertönt als Warnruf ein Bellen. Ist der Feind bereits so nahe, dass ein Spurt zum nächsten Höhleneingang nicht mehr möglich ist, gehen die Erdmännchen zur Verteidigung über.
Hochaufgerichtet und mit gesträubtem Fell schreitet die Truppe in enger Formation dem lauernden Schakal entgegen. Knurrend, keckernd und spuckend versucht der David den Goliath einzuschüchtern. Kommt es trotz der tapferen Kampagne zum gegnerischen Angriff, wirft sich das Erdmännchen auf den Rücken, streckt dem Feind die krallenbewehrten Pfoten entgegen und faucht mit entblösstem Gebiss. Falls bei einem Luftangriff die Flucht nicht mehr möglich ist, werfen sich die Alttiere auf ihre Jungen, um mit ihrem Körper den Nachwuchs zu schützen.
Dass sich die Erdmännchen mit den artfremden Erdhörnchen vertragen, hat einen egoistischen Grund. Die Erdhörnchen sind tüchtige Bauarbeiter und buddeln im steinigen Untergrund gigantische Höhlensysteme. Ein in der Kalahari vermessenes Labyrinth reichte auf einer Fläche von 25 mal 32 Metern auf mehreren Etagen drei Meter tief und hatte neunzig Eingänge. Obschon die Erdmännchen mit ihren starken Vorderpfoten selber gut graben können, quartieren sie sich gern als Untermieter bei den Erdhörnchen ein.
Jagdunterricht
Aufsehen erregte 2006 die Studie eines britischen Forscherteams: Erdmännchen lehren ihren Nachwuchs, wie man Beutetiere fängt und tötet, wobei sich der Lehrer laufend dem Ausbildungsstand des Schülers anpasst und dieser wiederum sein Alter signalisiert. Die Jungtiere beginnen mit einem Monat, die Erwachsenen auf der Futtersuche zu begleiten. Da sie noch keine Beute machen können, fordern sie die Grossen mit Bettelrufen zum Füttern auf. Die Lehrer bringen ihren Schülern nun schrittweise das Fangen und Töten bei. So legen sie den Jungen erst einen toten Skorpion vor die Füsse. In einer nächsten Lektion wird ihnen ein lebender Skorpion präsentiert, den der Lehrer vorher aber entschärft, indem er ihm den Giftstachel ausreisst.
Je älter das Jungtier wird, desto seltener bringen ihm die Erwachsenen tote oder kampfunfähige Beute. Um das Alter der Jungen und damit den vermutlichen Ausbildungsstand zu erkennen, horchen die Lehrer auf den Bettelruf, der sich mit zunehmendem Alter charakteristisch verändert.
Herbert Cerutti ist Autor und Tierexperte.