Die Schweiz gibt’s nur noch auf dem Dorf
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Die Schweiz gibt’s nur noch auf dem Dorf

In den Städten ist kaum mehr Platz für Tradition und Brauchtum. Dabei sollten wir die Bedeutung der Heimat für unsere Identität nicht unterschätzen.

Am vergangenen Wochenende ist das Eidgenössische Trachtenfest über die Bühne gegangen. Nach 1939 und 1974 fand es zum dritten Mal in Zürich statt. Mit 150.000 Besucherinnen und Besuchern wurden die Erwartungen der Organisatoren mehr als übertroffen. Wie aufmerksame Beobachter allerdings feststellten, kamen die Menschen fast ausschliesslich von auswärts. Die Zürcher Bevölkerung machte sich rar. Etwas bitter konstatiert die NZZ: «Für die Zürcher Bevölkerung wäre es eine wunderbare Gelegenheit gewesen, um freundeidgenössisch ins Gespräch zu kommen.»

Weh dem, der keine Heimat hat.

 

«Für Kinder und Nationalisten»

Doch «Tradition erleben» oder «Heimat weitertragen», wie es im Mottokatalog des Trachtenfestes hiess, ist wohl nicht mehr unbedingt die Sache der Städter. Das liess sich in den vergangenen Jahren auch bei vergleichbaren Anlässen schon beobachten: Bei Trachten- und Jodelfesten, echter Volksmusik, Kienbesenumzügen, Alphornanlässen oder Schwingfesten und Alpaufzügen ist die Landbevölkerung inzwischen weitgehend unter sich. Hat sich die Schweiz aufs Dorf zurückgezogen? Die Frage ist berechtigt. Die Antwort lautet: In den Städten ist Tradition kein Thema mehr, geschweige denn ein Bedürfnis. Die moderne Stadt lebt von Aufregung, Dynamik, Abwechslung, ständig neuen Reizen und Kicks.

Da ist kein Platz für Tradition und Brauchtum. Die unkontrollierte Zuwanderung hat diese Entwicklung noch verstärkt. Was soll auch ein Kongolese mit einem Kienbesen anfangen oder ein Afghane mit einem Alphorn? Städte sind heute Zuwanderungskonglomerate – ohne grosse Eigenheit, mit immer weniger Tradition und Geschichte.

Die geistige «Segregation» unserer Eliten verstärkt diese Entwicklung. Vor einiger Zeit gab es im Basler Literaturhaus eine Veranstaltung zum Thema «Heimat». Nicht besonders überraschend waren Verfechter des Heimatgedankens erst gar nicht eingeladen worden. Den Leitgedanken formulierte die slowakisch-schweizerische Schriftstellerin Irena Brezná so: «Heimat im üblichen Sinne ist etwas für Kinder und Nationalisten. Ein denkender, erwachsener Mensch hat kaum eine feste Vorstellung von diesem diffusen Wort.» Solche Töne wirken abgehoben, zynisch und dreist gegenüber jenen, denen Heimat oder Tradition oder beides noch wertvoll ist.

Bevor man sich sorg- und bedenkenlos über Heimat, Tradition, Trachten und Volksgut im Allgemeinen lustig macht, sollte doch wohl auch mal deren historischer Wert bedacht werden – auch wenn das unter Umständen keine «modernen» Gedanken sind. Ohne Traditionen, Brauchtum und gelebte Vergangenheit wären wir nicht das, was wir sind: nicht als Individuum, nicht als Familie, nicht als Kanton und nicht als Nation. Traditionen, Brauchtum und Volksgut haben über die Jahrhunderte Verbindlichkeiten und Gemeinsamkeiten für uns alle geschaffen – und damit eine sichere Gefühlsbasis der Zugehörigkeit. Ihnen ist, bewusst oder unbewusst, eine identitätsstiftende Kraft inne.

 

Verlust der Biografie

Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch einmal derer erinnern, die ihre Heimat verlassen mussten und über die herben Folgen dieses Verlusts Zeugnis abgelegt haben. Jean Améry floh vor dem Faschismus aus Wien, das Heimatrecht war ihm genommen worden. Er notierte: «Ich war kein Ich mehr und lebte nicht mehr in einem Wir. Ich hatte keinen Pass und keine Vergangenheit und keine Geschichte.»

Heimatlosigkeit ist so auch Identitätsdiffusion; man ist amtlich niemand mehr und gehört offiziell auch nirgends mehr hin. Die Vertreibung aus der Heimat bedeutete für Jean Améry nicht nur Heimatverlust, sondern auch die Zerstörung seiner Biografie. Ebenso knapp wie drastisch formuliert der Schriftsteller: «Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben.» Ähnlich formulierte es Stefan Zweig in seinem Buch «Die Welt von gestern». Der Verlust der Heimat bewirke eine «Gleichgewichtsstörung». «Und ich zögere nicht, zu bekennen, dass seit dem Tage, da ich mit eigentlich fremden Papieren oder Pässen leben musste, ich mich nie mehr ganz als mit mir zusammengehörig empfand.»

Die gesellschaftliche und politische Entwicklung der letzten Jahre lässt das wieder aktueller werden. Volkskundler und Gesellschaftswissenschaftler weisen in diesem Sinne darauf hin, dass Traditionen und Volksgut Sicherheit und Rückhalt in einer Welt bieten können, die zunehmend unsicher, gefährlich und verworren erscheint. Interessanterweise spüren das offenbar vor allem junge Menschen und wenden sich Bräuchen, Trachten und Traditionen zu. 

Heimat ist vertraute Nahwelt, die, wie es der Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger einmal formuliert hat, «verständlich und durchschaubar ist, als Rahmen, in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles, abschätzbares Handeln möglich ist».

Einst hat Friedrich Nietzsche, der ja lange Jahre in der Schweiz gelebt hat, geradezu drohend formuliert: «Weh dem, der keine Heimat hat!» Mit Ausrufezeichen, wohlgemerkt.

 

Walter Hollstein war Professor für Soziologie in Berlin und Bremen. Pracht der Tracht: Seite 86

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