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MARKUS GISLER

Die Schule des Smalltalks

In den Ferien, beim Spiel mit Unbekannten, ist das Gespür für die richtigen Fragen entscheidend.
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Zuletzt waren meine Partnerin und ich zum Golfen in Agadir. Angenehmes Klima, aber ziemlich viel Volk. Der Caddy-Master teilte uns mit jeweils einem anderen Paar in einen Vierer-Flight ein. Mit unbekannten Golfern zusammenspielen zu müssen, sorgt jeweils für Nervosität. Sind die Leute freundlich? Sind sie interessant? Oder gehören sie zur Sorte der Tempogolfer, die mürrisch werden, wenn man den Ball ab und zu ins Juchhe befördert? Selber gehören wir nicht zur Golfelite, wir sind also auf ein gewisses Mass an Nachsicht angewiesen. Die zugeteilten Paare waren plus/minus in unserem Alter. Daraus liess sich schliessen: keine 250-Meter-Longhitter. Beruhigend.

Die Schule des Smalltalks

Bei zufällig zusammengesetzten Flights ist für eine vergnügliche Runde die Kunst des gehobenen Smalltalks entscheidend. Wenn man Glück hat, trifft man auf spannende Leute, die gute Geschichten erzählen können. Man muss bloss das Gespür für die richtigen Fragen haben. Der Klassiker funktioniert in etwa so: Man lobt den einen oder anderen guten Schlag, hilft beim Suchen und teilt die Freude mit einem gelungenen Putt. Generell kommt Mann mit Mann ins Gespräch und Frau mit Frau. Männer sind üblicherweise eher wortkarg, reden allenfalls über ihre neuen Golfschläger, über Fades und Draws, über schöne Golfplätze und die letzte Reise. Sachliche Themen also. Frauen sind die Golfschläger ziemlich egal, sie erzählen mehr über sich, die Familie, die Kinder. Soziales und Emotionales dominieren.

Das erste Paar, dem wir zugeteilt wurden, stammte aus Bayern, Gitte und Albert. Er eher zurückhaltend; sie war, wie mir meine Partnerin nach der Runde erzählte, sehr gesprächig. Bei Loch elf nach dem Abschlag, Albert und ich lagen ziemlich nahe beieinander, wagte ich die Frage: «Was war dein Job, als du noch gearbeitet hast?» – Er knapp: «Ingenieur.» – «Maschinenbau?» – «Ja.» – «Autoindustrie?» – «Ja, Zulieferer, ich leitete eine Firma in Ungarn, zehn Jahre lang.» – «Wie kamst du nach Ungarn?» – «Ein guter Freund besass die Firma, und die hatte Probleme. Er bot mir ein fürstliches Gehalt und sagte, ich müsse alles neu aufgleisen. Management auswechseln, Produkt verbessern, Produktion optimieren,» – «Warst du erfolgreich?» – Anfänglich waren wir nur ein Dutzend Leute, als ich nach zehn Jahren aufhörte, war der Personalbestand auf 700 gewachsen.»

Albert war «aufgetaut». Beim nächsten Loch – wir standen beim Abschlag und schauten unseren Frauen zu, fragt er: «Kennst du Migros?» – Ich war erstaunt über die Frage und sagte: «In der Schweiz kennen alle die Migros.» Albert: «Die machen doch diese Kaffeebällchen für ihre Kaffeemaschinen, die ohne Aluminium auskommen. Die Verkäufe laufen schlecht, offenbar ein Flop.» – Ich: «Ja, die Konsumenten haben nicht angebissen.» – Albert: «Genau, deshalb habe ich ein Patent entwickelt, um diese Kaffeebällchen in normalen Nespresso-Maschinen zu verwenden. Migros hätte den Absatz verdreifachen können. Aber der zuständige Mann wollte nicht, er hatte Angst.» Wäre eine gute Geschichte für einen Journalisten, dachte ich.

Am nächsten Tag spielten wir allein, doch am übernächsten trafen wir auf Paolo und Conchetta aus Mailand. Was uns sofort auffiel: Paolo trug weisse Shorts und dazu hellblaue Kniesocken. Kniesocken dachte ich, um Himmels Willen! Meine Partnerin machte auf charmant und lobte seinen Modegeschmack und die coolen Socken. «Grazie mille», lächelte er, «der neuste Trend.» Die beiden waren im gleichen Hotel wie wir untergebracht, also wurde das Hotel sofort ein Thema. «Ganz nett», meinte Conchetta, «aber diese französische Küche hier ist mit unserer italienischen nicht zu vergleichen.» – «Ma certo», bestätigten wir. Und Paolo ergänzte: «Wir waren letztes Jahr in Südafrika, in Stellenbosch, das war klasse. Da gibt’s auch richtige italienische Köche.»

Zwei Tage später wurden wir mit Barry und Carole aus dem englischen Bath in den gleichen Flight eingeteilt. Überaus freundliche Leute, er wohl so um die Mitte siebzig, sie etwas jünger. Auch Barry war Ingenieur. Er hatte Verpackungsmaschinen entwickelt und damit eine erfolgreiche Firma gegründet. Er konnte vor allem in die USA exportieren und erreichte Umsätze von vierzig Millionen Pfund. Als die Nachfolge bevorstand und ein Verkauf an eine grössere Gruppe die beste Lösung war, wandte sich Barry an eine Londoner Bank. Der zuständige Banker entwickelte kriminelle Energie und zweigte substanziell Geld in die eigene Tasche ab. Jetzt sitze er in der Kiste, siebzehn Jahre seien ihm aufgebrummt worden.

 

Barry muss in jungen Jahren ein guter Golfer gewesen sein. Jeden Ball traf er perfekt, immer noch hatte er diesen lockeren, runden Schwung, als wäre Golf die einfachste Sportart überhaupt. Unser Spiel beobachtete er genau, und nach vielleicht sechs oder sieben Löchern trat er nahe an mich heran und flüsterte mir leise ins Ohr: «Deine Frau trifft ja den Ball nicht immer sauber. Du solltest ihr sagen, dass sie näher an den Ball stehen und den Schläger fester greifen sollte.» – «Lieber Barry», sagte ich, «in diese Falle tappe ich nicht. Du weisst doch, nichts gefährdet eine Beziehung mehr, als wenn der eigene Mann seine Frau korrigiert.»

Damit sind wir beim heikelsten Gesprächsthema auf dem Golfplatz. Tipps sind gutgemeint, aber zerstören jede noch so sorgfältig aufgebaute Gesprächsführung. Im Nu wird das Klima eisig. Für Tipps und Korrekturen – das ist die Grundregel – sind die Golf-Pros zuständig. Wie also verhält man sich, wenn ein Flight-Partner oder -Partnerin den Ball regelmässig rechts und dann wieder links ins Aus haut und sich das Helfersyndrom meldet?

Dann gilt die eiserne Regel des Smalltalks. Dann heisst es, eisern den Mund zu halten.

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