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Daumen nach unten

Tamara Wernli

Daumen nach unten

Digitales Kolosseum oder wie Vorurteile und überstürzt agierende Politiker die Gesellschaft prägen.

Der Sänger Gil Ofarim liess vor Gericht die Katze aus dem Sack – er gestand, nicht die Wahrheit erzählt zu haben. Vor zwei Jahren beschuldigte der 41-Jährige fälschlicherweise ein Leipziger Hotel und einen Mitarbeiter des Antisemitismus; nach Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Realität anders aussah. Ofarim hat sich mittlerweile beim Mitarbeiter entschuldigt.

Illustration: Fernando Vicente
Daumen nach unten
Illustration: Fernando Vicente

Aber weg von Ofarim, hin zu einem Phänomen, das wir alle nur zu gut kennen: der schnellen Meinungsbildung und den Überreaktionen in der heutigen Gesellschaft. Noch bevor die Untersuchungen begonnen hatten, war das öffentliche Urteil längst gefällt: Hotel und Mitarbeiter galten als schuldig. Menschen demonstrierten vor dem «Westin», in den sozialen Medien brodelte die Empörung, selbst renommierte Zeitungen spielten mit. Einige Politiker forderten sogar öffentlich die Entlassung des Mitarbeiters und heizten die Entrüstung weiter an – allesamt reagierten sie, ohne ausreichende Fakten oder Hintergrundinformationen.

Ist es nicht menschlich, seine Empörung über eine Untat kundzutun? Manchmal wollen wir doch einfach unser Mitgefühl zeigen, bevor die ganze Faktenlage auf dem Tisch liegt. Unsere Emotionen sind dann so erfolgreich, dass sie die rationale Bewertung eines Vorfalls komplett überdecken. Psychologen könnten dafür eigentlich einen neuen Begriff erfinden – «Emotions-Bias»; wenn unsere Gefühle vorschnelle Urteile fällen (Experten sprechen von «Availability Bias» und «Confirmation Bias»; wenn Menschen schnelle Urteile aufgrund leicht verfügbarer Informationen treffen beziehungsweise nach Informationen suchen, die ihre bestehenden Meinungen bestätigen).

Manchmal wollen wir doch einfach unser Mitgefühl zeigen, bevor die Faktenlage auf dem Tisch liegt.

Die sozialen Medien haben viele Vorteile, aber als moderne Kampfarenen tun sie ihr Übriges, um diese Entrüstungskultur zu fördern. Informationen sind in Sekundenschnelle verfügbar, und wenn wir nicht sofort reagieren, gibt es keine Likes, keine Shares, kein Abo! Ohne ständige Anerkennung fühlen sich einige gewiss wie Aussenseiter. Ähnlich wie damals im Kolosseum im antiken Rom, wo Verbrecher, vermeintliche Verbrecher, Kriegsgefangene und Sklaven zwecks Unterhaltung der Zuschauer in die Arena geschickt wurden, um gegeneinander oder gegen exotische Tiere zu kämpfen, werden Betroffene heute auf den digitalen Schauplatz gezerrt, während die Menge tobt, sich moralisch überlegen fühlt und nach mehr Drama verlangt. Wir haben uns, so scheint’s, nicht grossartig weiterentwickelt. Der Unterschied zu damals ist, dass in den heutigen Kampfschauplätzen Millionen ihre Daumen nach unten recken und Betroffene unter Befriedigung der Massen zum Abschuss freigegeben werden.

All das heisst nicht, dass man einer Person nicht glauben sollte. Natürlich muss man hinhören, kann solidarisch sein und dem Betroffenen Glauben schenken. Einfach alles anzuzweifeln, ist gewiss auch keine Lösung. Aber Solidarität geht auch ohne übereifrige Skandalisierung. Manchmal ist es nicht das Dümmste, sich mit vorschnellen öffentlichen Verurteilungen zurückzuhalten und etwas Distanz zu wahren, bevor die Sachlage geklärt ist.

Politiker sind besonders gefragt. Es ist keine Hexerei, zu betonen, dass eine gründliche Untersuchung abgewartet werden muss, bevor sie ihr Statement abgeben; vielleicht könnten sie ja mal die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit und Unschuldsvermutung unterstreichen und erwähnen, dass Vorverurteilungen unschuldige Personen ziemlich in die Bredouille bringen können. Das bringt nicht viele Likes auf X (Twitter), langfristig aber dürften sie damit mehr Vertrauen in der Gesellschaft gewinnen als mit überstürzten Stellungnahmen, die wirklich keinem weiterhelfen.

Was kann die Gesellschaft aus dem Schlamassel lernen? Mehr kritisches Denken und Medienkompetenz würden nicht schaden. Bildungsanstalten könnten vermehrt darauf abzielen, Schülern beizubringen, nicht alles für bare Münze zu nehmen, was serviert wird, und kritisch zu hinterfragen. Öffentliche kontroverse Debatten könnten auch mal ohne das digitale Getöse geführt werden. Allerdings: Die sozialen Medien sind nun mal unumkehrbar Teil unserer Realität. Und es gibt ja nicht umsonst dieses Sprichwort, das mit dem Geist und der Flasche.

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