Golf, es ist hinlänglich bekannt, ist ein eigenes Universum, das erstaunlich viele Parallelen zum tatsächlichen Universum besitzt. Beide sind ein Mysterium, voll von Unerklärlichem, Unbeantwortbarem, von Ordnung bei gleichzeitigem Chaos.
Jeder Golfschlag ist ein Urknall. Zuerst schwingt da irgendwas, dann explodiert es und prescht in die Planck-Zeit, diese 5,4 · 10 hoch minus 44 Sekunden, in denen keiner weiss, was genau passiert. Erst danach tauchen wir in die Gewissheit der Physik, insbesondere des Reflexionsgesetzes, in dem der Einfallswinkel gleich dem Ausgangswinkel ist, und wissen, ob wir punkto Ausdehnung ein Straight-, ein Slice- oder ein Fade-Universum geschaffen haben.
Taudalpoi
Ein trudelnder Asteroid
Wer nicht gerade ein Single-Handicap-Spieler ist, weiss viel mehr über die Ungewissheit beim Ballflugmuster als über die Beschaffenheit eines Universums. Der Unstete unter den Golfern glaubt auch nicht an den Einstein-Satz, dass Gott nicht würfeln würde. Zu oft hat er erlebt, dass ein meist griesgrämiger Golfgott die Geschicke leitet. So bleibt jenem Spieler, der mehr als andere auf Glück angewiesen ist, nur die Hoffnung.
Der einzige Unterschied zwischen dem Golfuniversum und dem tatsächlichen ist, dass das Golfuniversum nicht von dunkler Energie angetrieben wird, sondern von Hoffnung, oder besser gesagt Hoffnungen. Die grösste Hoffnung ist, dass es klappt, und zwar für einmal achtzehn Löcher lang.
Für viele Golfer, die meisten, ist das Spiel ein Flight auf dem Fairway der utopischen Philosophie. Sie fragen sich alle dasselbe, sie denken über dasselbe nach: Wie bringe ich mein Golf in die Sphären einer besseren, also einer erfolgreicheren Welt, die endlich Schluss macht mit dem Hickhack in der Gegenwart?
Das Tröstende ist, dass auch der andere einst sich durch die Täler des Unvermögens gequält hat.
Sie tun alle dasselbe, um von der Hoffnungslosigkeit zur Hoffnung zu gelangen, von der Dystopie zur Utopie. Mehr Stunden beim Pro, öfters auf die Driving-Range, Bunkerschläge so lange, bis der Schweiss den Sand grau färbt. Der Golfer weiss, dass der liebe Gott vor den geglückten Schlag die Mühsal gesetzt hat. Und dann glückt ein Schlag, die Utopie ist zur Realität geworden, vielleicht sogar noch ein zweiter, die Hoffnung weicht der leisen Gewissheit, dass das Golf nicht mich, sondern ich das Golf beherrsche. Dieser Zustand der relativen Glückseligkeit hält bis zum nächsten Blackout, also nie sehr lange.
Das Tragische und gleichzeitig Tröstende dabei ist, dass oft ein Golfer danebensteht, bei dem die eigene Utopie schon Gegenwart ist. Der, wie man so sagt, die Dinger einfach raushaut. Das Tragische dabei ist, dass man Schlag für Schlag erfährt, wie man scheitert; das Tröstende ist, dass auch der andere einst sich durch die Täler des Unvermögens gequält, die Talsohle aber überwunden hat.
Geheimnis des gelungenen Schwungs
Es nutzt auch nichts, einen neuen Driver zu kaufen, in der Hoffnung, Länge zu gewinnen und vor allem Richtung. Man schraubt am Hosel-Adapter herum und hofft, den Slice zu begradigen, und dann steht man da, und heraus kommt derselbe Murks wie beim alten Driver, wenn überhaupt. Das sind Momente, bei denen man in der Düsternis der Hoffnungslosigkeit übers Aufhören nachdenkt oder übers Zerstören.
Einige gehen auch ins Fitness und machen dort golfspezifische Übungen, weil ihnen einer, irgendeiner, gesagt hat, seit er dies tue, schlage er weiter und stabiler. Mag sein, mag nicht sein; nutzt es nichts, schadet es nichts, könnte man sagen. Oder die Hoffnung stirbt nie vor dem Schwung, erst danach.
All die Strohhalme der Hoffnung, die doch einst blühen sollen und an die man sich klammert. All die Videos auf Youtube, um dem vermeintlichen Geheimnis des gelungenen Schwungs auf die Spur zu kommen. All die fruchtbaren Trockenübungen im Garten und die furchtbar karge Ernte auf dem Platz. All die Ratschläge, die weniger guten und die nutzlosen.
Howard Carpendale, der Sänger, hat mir einst einen Ratschlag gegeben, in Samedan. Sein Golf war gerade noch weiter unten als Südafrika von hier, und er ging zu einem Pro, einem jungen Schotten. Er solle mal zeigen, wie er schwinge, sagte der Pro. Howie stellte sich hin und schwang. «Give it more space», riet der Pro. Seither spielt Howie nicht gut, aber viel besser als schlecht.
Natürlich ist einzig die Übung in der Lage, die Hoffnung auf den Weg einer stetigen Erfüllung zu bringen. Es ist ja so, dass man irgendwann doch ein wenig besser Golf spielen kann, aber nie so gut, wie man möchte, was heisst, dass man nie aufhört zu hoffen. Auch die Superstars hoffen auf eine erfüllte Hoffnung, mit dem Unterschied allerdings, dass sie im Golfuniversum eine ganze, stabile Galaxie sind und wir nur ein trudelnder Asteroid.
Vorwärtstempo einer Schildkröte
Wer die Hoffnung beim Golf verloren hat, spielt entweder befreit auf, weil auch im Fatalismus einiges an Kraft steckt und Gelingen auch. Oder er wird, je nach Veranlagung, zu einem peinlichen, selbstmitleidigen Wesen, einem Stoiker, einem demütigen Sisyphos, der dem Absurden mit Würde begegnet, zu einem Ex-Golfer oder, seltener, einem, der Pause gemacht hat vom Prinzip Hoffnung und es von Neuem versucht.
Es gibt dieses Buch des Philosophen Ernst Bloch (1885–1977), das metaphysisch dem Wesen der Hoffnung auf der Spur ist. Titel: «Das Prinzip Hoffnung». Es geht im Grunde darum, dass der Mensch auch von dem lebt, was noch nicht ist, aber möglich werden kann, etwa eine glückliche Ehe, die Spontanremission von Hämorrhoiden oder eben die Kunst, regelmässig mit einem Schläger einen Ball so zu treffen, dass er halbwegs so fliegt, wie man das möchte.
Nie fühlt man sich verlassener als auf einem Golfplatz. Nie aber, gelegentlich, auch besser.Bloch tröstet, indem er einem nahelegt, dass Utopien viel mehr sind als Fantasien. Dass es reale Potenziale sind, bereits in der Welt angelegt, gleichsam als Motor für eine bessere Zukunft. Deshalb darf man die Hoffnung nie verlieren, deshalb sagt der Volksmund, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Wer nicht mehr hofft, handelt kaum mehr.
Was Bloch nicht sagt, ist, dass Hoffnung sich gelegentlich im Vorwärtstempo einer Schildkröte bewegt und dass sie manchmal ein Arschloch sein kann. Weil die Hoffnung die Hoffnung nährt, um dann doch wieder ins Hoffnungslose abzugleiten. Da macht man fünf ordentliche Schläge, läuft ruhig und mit geradem Rücken an den nächsten Abschlag, der einen nicht nur einen Ball kostet, sondern mehr als das bisschen Selbstvertrauen, das man gerade hatte. Nie fühlt man sich verlassener als auf einem Golfplatz. Nie aber, gelegentlich, auch besser.
Der Ball fliegt trotzdem beschissen
Natürlich hilft einem bei einem Turnier am letzten Loch, wenn man es nicht schon vorher vermasselt hat, auch Ernst Bloch nicht. Man kann sich dann noch so sehr einreden, dass Utopien wahr werden, wenn man daran glaubt, und hofft, man kann alles nochmals durchgehen, und man kann sogar während des Schwungs das Gefühl haben, gerade alles richtig zu machen. Und der Ball fliegt trotzdem beschissen.
Wäre Bloch ein Golfer gewesen, hätte er seine Schrift über das Prinzip der Hoffnung vielleicht mit weniger hoffnungsvollem Impetus verfasst. Nicht vielleicht, wahrscheinlich. Weil es doch einfacher scheint, auf ein Happyend von des Menschen Weg im Weltenlauf zu hoffen als auf eine Runde Golf ohne die Schwingungen der Hoffnungslosigkeit.