Es war irgendwo in Amerika an einem öffentlichen Event, da meldete sich eine junge Transperson zu Wort. Sie sprach offen darüber, wie unsicher sie sich im Umgang mit Medikamenten fühlte, die ihren Körper dauerhaft verändern würden. Die Menge hielt den Atem an, als Charlie Kirk antwortete – ruhig, respektvoll, ohne jede Häme. Er dankte ihr, dass sie ihre Erfahrungen teile, und riet ihr behutsam, vorsichtig zu sein. Zuerst solle sie verstehen, was in ihrem Inneren vorgehe, und mit Menschen sprechen, die ihr wirklich zuhören. «Mein Wunsch ist es, dass du eines Tages lernen kannst, den Körper anzunehmen, in dem du geboren wurdest.» Man muss Kirks Rat nicht teilen. Doch da war nichts Extremes, nichts Hasserfülltes. Und doch macht diese Haltung ihn für viele gefährlich.
Illustration: Fernando Vicente
Charlie Kirk ist jetzt tot. Erschossen. Die einen sind entsetzt, die anderen feiern das Attentat offen. Einige sprechen von «Notwehr» angesichts seiner «extremen Positionen», Weitere finden es «gut», die Welt sei nun sicherer. Andere posten Bilder auf X, um sich darüber lustig zu machen. Was hier sichtbar wird, ist auch das Produkt einer Rhetorik, die den politischen Gegner längst nicht mehr als Menschen wahrnimmt.
Kirk, 31, zweifacher Familienvater, war ein konservativer Aktivist, der sich den härtesten Debatten unserer Zeit stellte – über Geschlecht, Identität und Einwanderungspolitik. Er suchte den direkten Austausch mit Menschen aus dem gegenteiligen politischen Spektrum, oft auf den Campus amerikanischer Universitäten. Sein Prinzip: gewaltfreier Diskurs, bei dem das bessere Argument zählt. Mit seiner riesigen Reichweite in den sozialen Medien bot er seinen Gegnern eine ebenso grosse Bühne, ihre Sicht darzulegen – viel demokratischer geht es nicht mehr.
Jeder, der sich heute öffentlich äussert, kann zur Zielscheibe werden.
Statt ihn mit besseren Argumenten zu widerlegen, belegte man Kirk mit maximalen Etiketten wie «Nazi» oder «Rechtsextremist» – ein Vorgehen, das längst üblich ist bei allen, die eine andere Weltanschauung vertreten. Jede Kritik wird sofort als «Attacke» oder «Ismus» gebrandmarkt, schnell ist die Rede von «Gefahr für die Demokratie». J. K. Rowling gilt als «transphob» und «Gefahr für Transmenschen», weil sie biologische Tatsachen benennt. Kontrovers ist heute nicht mehr nur, wer extreme Thesen vertritt – es reicht schon, Ansichten zu äussern, die von der Mehrheit der Gesellschaft getragen werden.
Durch die inflationäre Benutzung solcher Begriffe, die der Ausgrenzung dienen und Gegner vom Diskurs disqualifizieren sollen, stumpfen Menschen ab – bis tatsächliche Gewalt irgendwann als gerechtfertigt erscheint. Das Mantra «Worte sind Gewalt» wird von der gleichen politischen Seite ständig wiederholt. Doch wenn Worte schon als Gewalt gelten, welche Steigerung gibt es dann zu tatsächlicher Gewalt? Auch gilt das Mantra meist nur für die Gegenseite; dass man politische Kontrahenten mit seinen eigenen Worten selbst permanent zum absolut Bösen dämonisiert, wird kaum reflektiert. Viele Menschen basteln sich eine Fastfood-Moral: Es gibt nur Gut oder Böse. Und man muss nicht mal lange darüber nachdenken.
Die Folge? Wer als «Gefahr» markiert wird, darf offenbar aus Sicht so mancher auch beseitigt werden – man selbst bleibt dabei trotzdem der «Gute», der ja Schlimmeres verhindert: Jetzt sagt derjenige wenigstens keine gefährlichen Dinge mehr. Wer nur in der eigenen Echokammer lebt, entfernt sich so weit von der Realität, dass unliebsame Ansichten unerträglich werden. Selbst Abweichler aus den eigenen Reihen werden diffamiert – ein Biest, das sich selbst frisst.
Attentate auf Politiker gab es schon immer. Neu ist vielleicht, dass selbst an sich vernünftige Menschen vor lauter Hass oft nicht mehr merken, wie radikal ihre eigene Wortwahl geworden ist. Diese sprachliche und moralische Eskalation, gepaart mit der systematischen Dämonisierung abweichender Meinungen, schafft ein Klima, in dem Gewalt zunehmend vorstellbar wird.
So schockierend dieses Attentat ist, überraschend ist es jedenfalls nicht. Jeder, der sich heute öffentlich äussert, kann zur Zielscheibe werden. Wie sich das ändern liesse? Da die Entwicklung schon zu weit fortgeschritten ist, sehe ich derzeit keinen Ausweg. Und bedaure es, diesen dunklen Schluss hier ziehen zu müssen.
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