Wäre die Zivilisation den Frauen überlassen geblieben, wir lebten noch immer in Schilfhütten. Eine Frau kann sich heute, wenn sie sich einen Helm überstülpt, in ein von Männern erfundenes Vorstellungssystem einklinken. Es ist heuchlerisch, wenn Feministinnen über den Kapitalismus herziehen, während sie dessen Annehmlichkeiten geniessen.» Die amerikanische Autorin Camille Paglia ist eine der wenigen Intellektuellen, die den Feminismus kritisieren. In «Die Masken der Sexualität» zählt sie die pauschale Abscheu gegen das Patriarchat zu dessen nervtötendsten Auswüchsen – schliesslich sei es genau diese «patriarchale Gesellschaft», die sie als Frau frei gemacht habe. Bei den Schilfhütten bin ich mir nicht sicher. Aber wer das Patriarchat verteufelt und gleichzeitig dessen Errungenschaften geniesst, hat das System vielleicht nicht ganz durchschaut.
Illustration: Fernando Vicente
Es ist 2025 – und Frauen sind an der Macht: In Island, Mexiko, Lettland oder Italien stellen sie die Regierungschefinnen. In Deutschland wurden zuletzt mehr Frauen als Männer in Vorstände berufen. Sie führen Konzerne, Universitäten, Behörden. In vielen Paarhaushalten haben die Damen die Hosen an. Und dennoch: Für viele ist es zum Hobby geworden, das Patriarchat für alles Negative auf der Welt verantwortlich zu machen; dieses nebulöse Konstrukt, das angeblich einzig dem Zweck dient, Frauen zu unterdrücken. Toxisch, repressiv, kapitalistisch. Die Chefin der Grünen Jugend in Deutschland, Jette Nietzard, sagte kürzlich bei Watson: «Sowohl der Kapitalismus als auch das Patriarchat beruhen auf Ausbeutung.» Frauen müssten «mittelmässige Männer strukturell ausnehmen, um erfolgreich zu sein». Unter dem Hashtag hFuckThePatriarchy kursieren unzählige Videos: «Das Patriarchat will uns einreden, dass wir zu emotional sind.» Oder: «Das Patriarchat will uns eintrichtern, dass wir nicht hübsch aussehen.» «Für Gerechtigkeit und gegen alle patriarchalen Strukturen, die uns als Frauen kleinhalten!»
Was fehlt, ist oft nicht Gleichberechtigung – sondern Selbstbewusstsein.
Wirklich? Wer genau hält dich klein, wer hindert dich an deiner Verwirklichung? Diese Aussagen beschreiben eine Realität, die längst überholt ist. Wir leben nicht mehr im Patriarchat. Ja, es gibt Männer, die sich Frauen als schmückendes Beiwerk wünschen oder sie als hormongesteuert belächeln, auch solche, die in ihren Familien patriarchale Strukturen streng ausleben. Aber das ist nicht die Norm. Auch gewisse patriarchale Denkmuster existieren weiter, aber daran sind nicht nur Männer schuld. Wenn Frauen sich am Arbeitsplatz oder im Alltag abwertend behandelt fühlen und darauf mit Passivität reagieren, verfestigen sie diese Muster ungewollt selbst. Wer sich bevormundet oder kleingehalten fühlt, darf ruhig Kontra geben: «Hey Bürschchen, lass es stecken.»
Dass die Gesellschaft in vielen Aspekten männerdominiert war, ist unbestritten. Aber das war keine böswillige Verschwörung gegen Frauen; vieles ergab sich aus den unterschiedlichen Geschlechterrollen. Frauen waren immer Teil der Gesellschaft – nicht Opfer eines Masterplans. Sie erwarteten auch von Männern, dass diese in den Krieg ziehen, Holz hacken, das Heim schützen. Das System hatte Fehler, es musste modernisiert werden, die Gesellschaft wandelt sich. Doch sehen viele nur die Schwächen, dabei hat das System Errungenschaften hervorgebracht, von denen beide Geschlechter profitieren. Das Patriarchat hat auch mir die Freiheit geschenkt, unabhängig zu sein. Nicht direkt, aber es hat die Grundlage gelegt für Entwicklungen – von Infrastruktur über Technik bis zur Pille –, auf der Frauen sich aus der Abhängigkeit der Männer befreien und selbst entscheiden konnten, wie sie ihr Leben gestalten wollen.
Indem man ständig auf das blickt, was Männer tun, haben oder sagen, erhebt man sie zum Mass aller Dinge. Weibliche Lebensentwürfe werden daran gemessen – als wäre der männliche Weg automatisch der bessere. Spoiler: Ist er nicht. Viele Frauen wollen ihn gar nicht gehen. Und das ist gut so. Statt ständig gegen ein selbsterschaffenes, undifferenziertes Feindbild zu kämpfen, wäre es zielführender, die eigene Stärke herauszustellen: selbstbestimmt, klug, unabhängig. Wer Frauen als wehrlose Patriarchatsmarionetten darstellt, spricht ihnen genau das ab. Was fehlt, ist oft nicht Gleichberechtigung – sondern Selbstbewusstsein im Umgang mit Widerständen.
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