Bizarre Lust an «True Crime»
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Bizarre Lust an «True Crime»

Tamara Wernli

Bizarre Lust an «True Crime»

Wie ich lernte, meinen Ehemann (nicht) zu vergiften.

Ich habe ein verborgenes Talent: Ich löse jeden Mordfall in unter 48 Stunden. Lachen Sie ruhig, aber es gibt keine True-Crime-Serie, von «Medical Detectives» über «The First 48 – Am Tatort mit den US-Ermittlern» bis «Serienmörder – im Kopf des Killers», die ich nicht mindestens doppelt durchgearbeitet habe. Ich weiss, dass die Täter meist näherstehen, als einem lieb ist. Wenn jemand plötzlich reges Interesse an Lebensversicherungen zeigt – selten Zufall. Blutspurenanalyse? Beherrsche ich dank Dr. Mark Benecke, dem tätowierten Kriminalbiologen mit Nickelbrille und morbidem Charme, im Schlaf. Und falls Sie sich je gefragt haben, wie man den Gatten vergiften könnte, ohne dass es forensisch auffällt – ich liefere die Antwort. Nur für den Fall.

Illustration: Fernando Vicente
Bizarre Lust an «True Crime»
Illustration: Fernando Vicente

Mit dieser Faszination bin ich nicht allein. Studien zeigen: Über 90 Prozent der True-Crime-Fans sind weiblich. Ein Blick auf Netflix-Startseiten in meinem Umfeld betätigt: Während Männern anhand ihres Konsumverhaltens oft Action und Comedy vorgeschlagen wird, reihen sich bei Frauen Serien über Serienmörder und Vermisstenfälle aneinander. Wenn sich ausgerechnet Frauen intensiv mit Gewaltverbrechen beschäftigen, ist das dann eine Art Masochismus?

Wenn sich Frauen intensiv mit Gewaltverbrechen beschäftigen, ist das eine Art Masochismus?

Die Psychologin Corinna Perchtold-Stefan von der Uni Graz verweist beim MDR auf zwei Erklärungen: Frauen seien in der Regel empathischer – sie können sich besser in andere hineinversetzen. Zudem dienen ihnen True-Crime-Formate als mentale Vorbereitung auf Extremsituationen. «Je mehr Informationen wir über ein Thema haben, desto sicherer und selbstbewusster fühlen wir uns – zumindest subjektiv», sagt sie. True Crime wird so zu einer Art innerem Notfalltraining: ein Versuch, Täterpsychologie zu verstehen, um sich selbst besser schützen zu können. In einer ihrer Studien gaben denn auch 70 Prozent der Befragten an, die Motive der Täter verstehen zu wollen. Für Perchtold-Stefan ein Hinweis auf beides: Die weibliche Empathie und das Prinzip der defensiven Wachsamkeit gegenüber etwas, das potenziell bedrohlich ist.

Ob Empathie wirklich der Hauptgrund für True-Crime-Liebe ist? Ich bin skeptisch, denn was viele packt, ist nicht das Mitgefühl für die Opfer, sondern die Faszination für das Böse. Mich interessiert das Dunkle, das Abgründige, die oft nicht beantwortbare Frage: Warum tut ein Mensch so etwas? Sicher stimmt: True Crime erlaubt einem, sich mit dem Worst Case auseinanderzusetzen, aus sicherer Distanz vom Sofa aus. Und gibt einem dabei vielleicht sogar ein Stück Kontrolle zurück, je nachdem kann man von mentalem Wappnen sprechen. So gesehen, wäre es eher ein Akt der Selbstermächtigung als des Masochismus. Und diese Geschichten sensibilisieren. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich verlassene Waldwege oder Kameras in Parkhäusern registriere, Fluchtwege im Blick behalte oder für einen Notfall genau weiss, wo mein Handy in der Tasche steckt (oder eben auch, dass Arsen geschmack- und geruchlos ist und früher kaum nachweisbar war. Disclaimer: Diese Information stammt aus Kriminalanalysen – nicht aus Wie-töte-ich-meinen-Ehemann-Anleitungen). True Crime hat mich nicht ängstlich gemacht, aber aufmerksamer. Ein bisschen Wachsamkeit hat noch niemandem geschadet.

 

Und dann gibt es noch die extreme Variante der Faszination, die sogenannte Mörderromantik: Frauen, die sich zu Killern hingezogen fühlen. Auch hier steckt der Wunsch dahinter, einen gefährlichen Mann zu verstehen. Für manche kommt der Reiz hinzu, ihn zu zähmen, oder die Vorstellung, eine besondere Verbindung zu haben. Prominentes Beispiel ist Ted Bundy, der in den siebziger Jahren über dreissig Frauen ermordete und dennoch Liebesbriefe, Verehrerinnen im Gerichtssaal und sogar eine Ehefrau hinter Gittern bekam. Für manche war er nicht ein Monster, sondern ein missverstandener Charismatiker.

Natürlich hört man auch kritische Stimmen. Echte Verbrechen können Angst schüren, sagen einige, ein verzerrtes Weltbild fördern. Sich dauernd mit Mord und Leichen zu berieseln, sei nicht gerade Balsam für die Psyche. Das stimmt, aber wie bei vielem gilt: Jeder kennt sich selbst und muss selbst entscheiden, was er sich zumuten will. Ob Fenster in psychologische Abgründe oder Crashkurs in Forensik – am Ende bleibt True Crime vor allem eines: fesselnde Unterhaltung.

 

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