Marc Baumann lebt mit Vollgas. Seit 2023 treibt der 33-Jährige aus Mettmenstetten als CEO und Gründer der Plattform 51 die Krypto-Revolution voran – nicht als Mitläufer, sondern als Vordenker. Mit seinem Unternehmen arbeitet er eng mit führenden Krypto-Firmen zusammen. Sein Newsletter, Pflichtlektüre für Insider der Szene, erreicht über 35 000 Abonnenten weltweit, dient als Quelle für renommierte Wirtschaftszeitungen wie die Financial Times – und macht ihn zur gewichtigen Stimme der sogenannten Web3-Szene. Bei Bitcoin Suisse in Zug tauchte er 2018 in die Welt der digitalen Währungen ein. 2024 fand sich der leidenschaftliche Bergsteiger, Marathonläufer und Ironman im schillernden Miami wieder – im Zentrum des globalen Bitcoin-Booms. Wir erreichen ihn per Telefon.
Copyright 2025. All rights reserved.
Weltwoche: Krypto, Bitcoin, Ethereum dominieren derzeit die Schlagzeilen der Finanzwelt, explosionsartige Kursanstiege, Rekorde purzeln fast im Tagesrhythmus. Herr Baumann, ist es gerade eine gute Zeit, um in Krypto-Währungen zu investieren? Oder ist das Ganze zu volatil? Wie beurteilen Sie die Lage?
Marc Baumann: Wir befinden uns in einem Bullenmarkt, aber nicht in irgendeinem – ich spreche von einem Superzyklus. 2024 und 2025 markieren den institutionellen und regulatorischen Durchbruch von Krypto. Institutionelles Kapital fliesst in Krypto-Währungen, die grössten Banken weltweit – Morgan Stanley, JP Morgan, Goldman Sachs, sogar die Schweizer UBS – setzen auf Blockchain. Stellen Sie sich vor, Morgan Stanley erlaubt als erste Grossbank seinen 15 000 Beratern aktiv Bitcoin-ETFs zu pitchen. Kürzlich haben zehn der grössten Banken angekündigt, gemeinsam ein globales Stablecoin-Netzwerk für Dollar, Euro, Pfund oder auch den Schweizer Franken zu bauen. Krypto, Bitcoin ist kein Hype mehr, sondern Mainstream.
Weltwoche: Warum ist jetzt ein, wie Sie sagen, «Superzyklus»? Wo sehen Sie die zentrale Ursache für die Kursexplosion von Bitcoin und Co.?
Baumann: Der Unterschied zu früheren Zyklen liegt in der Breite und Tiefe der Akzeptanz. Krypto galt lange als Nischenphänomen – Nerds in dunklen Kellern, Libertäre, ein paar risikofreudige Investoren. Heute sehen wir, wie die grössten Akteure der Welt einsteigen: Zentralbanken, Staaten, Konzerne, Finanzinstitute. Die Schweizer und die Norwegische Nationalbank haben über mit Investitionen in den Finanzdienstleister Strategy indirekt Hunderte Millionen in Bitcoin investiert. Unternehmen oder Staaten wie El Salvador kaufen Bitcoin in Milliardenhöhe. Die USA und China haben eine Bitcoin-Reserve angelegt und halten je über 20 Milliarden US-Dollar in Bitcoin. Das ist ein fundamentaler Wandel. Dazu kommen die regulatorischen Fortschritte: In den USA hat die Regierung von Donald Trump mit dem Genius Act und dem Clarity Act klare Regeln für Stablecoins und Blockchain-Projekte geschaffen. Das hat einen Investitionsboom ausgelöst. Stablecoins, also die digitalen Versionen von Fiat-Währungen wie Dollar oder Franken, bewegen bereits Hunderte Milliarden. Die grössten Banken und Vermögensverwalter bauen aktiv auf der Blockchain. Swift, das grösste Interbankensystem der Welt, hat unlängst angekündigt, mit dreissig globalen Banken eine eigene Blockchain zu bauen. Es geht nicht mehr um Spekulation, sondern um eine neue Infrastruktur der globalen Finanzwelt. Wir stehen am Anfang einer Revolution, die das Geldsystem, wie wir es kennen, umkrempelt – schneller, effizienter, dezentraler.
Weltwoche: Wenn Sie einem fünfjährigen Kind Bitcoin erklären müssten, was würden Sie sagen?
Baumann: Bitcoin ist digitales Geld, das niemand kontrollieren oder wegnehmen kann, keine Bank, kein Zwischenhändler.
Weltwoche: Krypto-Währungen schiessen gerade wie Pilze aus dem Boden. Welche würden Sie empfehlen? Und wovon sollten Private eher die Finger lassen?
Baumann: Bitcoin und Ethereum sind die unangefochtenen Marktführer, seit über einem Jahrzehnt. Bitcoin sehe ich als digitales Gold, als eine digitale Wertanlage – die erste, neutralste, dezentralste Krypto-Währung. Niemand kann sie kontrollieren, manipulieren oder wegnehmen, und die Anzahl Bitcoin ist begrenzt: Das macht sie krisensicher und eine Alternative zu Wertspeicher wie Gold. Ethereum ist das digitale Öl – ein Betriebssystem für die zukünftige Finanzwelt. Es ist die Basis für Smart Contracts, dezentrale Finanzanwendungen (DeFi), Stablecoins – und vieles mehr. Unternehmen wie Deutsche Bank, JP Morgan, BlackRock, PayPal oder Revolut setzen auf Ethereum. Dann gibt es Tausende von spekulativen Kryptowährungen ohne reale Anwendungsfälle. Der Grossteil davon wird in den nächsten Jahren wertlos sein.
Weltwoche: Kritiker sagen, Krypto sei eine Blase, pure Spekulation ohne echten Nutzen. Andere monieren den Energieverbrauch – Bitcoin schlucke mehr Strom, als überhaupt produziert werden könne. Was entgegnen Sie?
Baumann: Die Blasendiskussion ist so alt wie Bitcoin selbst. Ja, Krypto bewegt sich in Zyklen, wir sehen extreme Höhen, dann Korrekturen. Das war bei der Dotcom-Blase so, das wird bei KI so sein. Aber das lenkt ab von der Revolution unter der Haube: der Blockchain-Technologie. Der heutige «Killer-Use-Case» sind Stablecoins: digitale Währungen, die an Fiat-Währungen wie Dollar oder Franken gebunden sind. Heute bewegen Stablecoins 300 Milliarden Dollar, 99 Prozent davon in US-Dollar. In Schwellenländern wie Venezuela, Türkei oder in Nigeria nutzen Menschen Stablecoins zum Zahlen und um ihr Vermögen gegen Währungsabwertung zu schützen. Das heisst, Menschen ohne Zugang zu Banken können plötzlich den Dollar kaufen, Geld verschicken, in globale Märkte investieren. Das ist real, das passiert jetzt. Zum Energieverbrauch: Das Argument ist überholt. 2021 gab es in der Schweiz einen parlamentarischen Vorstoss von SP-Politiker Roger Nordmann, Bitcoin wegen des Stromverbrauchs zu verbieten – totaler Unsinn. Bitcoin verbraucht etwa 0,1 Prozent des globalen Stroms, die Hälfte davon kommt aus erneuerbaren Quellen wie Wasserkraft. Vergleichen Sie das mit dem Energieverbrauch von Banken, Rechenzentren, Goldminen. Die entscheidende Frage ist: Was ist uns ein globales, dezentrales, effizientes, transparentes und manipulationssicheres Geldsystem wert? Da geht es nicht um Tiktok-Videos oder Google-Suchen, sondern im Kern um die Grundlage der zukünftigen Finanzinfrastruktur.
Weltwoche: Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich? Das «Krypto Valley» in Zug sorgte vor wenigen Jahren noch für Schlagzeilen.
Baumann: Die Schweiz war ein globaler Pionier. 2015 liess sich die Ethereum Foundation in Zug nieder, 2018 veröffentlichte die Finma als erste Aufsichtsbehörde weltweit verbindliche ICO-Guidelines. Das Zuger «Krypto-Valley» wuchs in der Folge zu einem der grössten Ökosysteme. Mit Persönlichkeiten wie den Bundesräten Schneider-Ammann oder Ueli Maurer hatte die Branche starke politische Fürsprecher. Doch in den letzten paar Jahren wurde die Schweiz zu vorsichtig. Alles musste erst in ein regulatorisches Korsett passen, bevor Innovation zugelassen wurde. In Singapur, Dubai und nun auch in den USA ging es schneller: mehr Risikokapital, eine Wachstumsmentalität, weniger Zögern. Heute hat die Schweiz eine solide Infrastruktur, aber sie verliert in globalen Rankings an Boden, die Innovation findet mit ein paar wenigen Ausnahmen anderswo statt. Leider hat die Schweiz dadurch eine grosse Chance verpasst, den Finanzplatz ins digitale Zeitalter zu führen und eine Führungsrolle einzunehmen.
Weltwoche: Sie sagten, die amerikanische Politik, also Donald Trump, spielt eine wichtige Rolle rund um den Bitcoin-Höhenflug. Der Präsident ist unberechenbar – was, wenn er plötzlich Bitcoin verbieten würde?
Baumann: Das ist extrem unwahrscheinlich. Trump hat die strategische Bedeutung von Krypto für die USA erkannt. Er hat nicht nur eine nationale Bitcoin-Reserve aufgebaut und regulatorische Klarheit geschaffen, sondern auch Stablecoins als geopolitisches Instrument etabliert. Stablecoins wie Tether, mit 180 Milliarden Dollar im Umlauf, sind digitale Dollar-Exporte. Seit dem Genius Act müssen amerikanische Stablecoins mit US-Treasuries, amerikanischen Sicherheiten, hinterlegt werden – was die Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen steigert und die USA billiger finanzieren lässt. Ein genialer Schachzug. Der Staat spart damit Zinsen und muss kein neues Geld drucken, die Privatwirtschaft profitiert von risikofreien Renditen. Vorteile, dessen Trump sich bewusst ist. Und generell wäre ein Verbot von Bitcoin oder Stablecoins, als würde man das Internet verbieten – politisch und technologisch kaum durchsetzbar. China hat es mehrmals versucht – aber Bitcoin läuft weiter, weil es dezentral ist. Das macht Bitcoin so einzigartig. Selbst wenn Trump eine 180-Grad-Kehrtwende vollführen würde – was ich nicht glaube –, würde Bitcoin überleben.
Weltwoche: Welchen Einfluss hat die künstliche Intelligenz, das andere grosse Techthema derzeit, auf Krypto-Währungen?
Baumann: Beides ist revolutionär, und sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Blockchain ist für Werte, was das Internet für Informationen war. Vor dem Internet waren Informationen zentralisiert – Zeitungen, Bibliotheken, Regierungen kontrollierten den Zugang. Das Internet hat diesen Zugang demokratisiert und digitalisiert. Blockchain tut dasselbe für Geld und Vermögenswerte: programmierbar, teilbar und global zugänglich, ohne Mittelsmänner oder Datensilos. KI wird das Internet mit Agenten fluten – Programme, die autonom Verträge schliessen, Güter kaufen, Zahlungen tätigen. Dafür brauchen sie eine native Zahlungsinfrastruktur– wie eben Stablecoins und «Blockchain Wallets», keine Kreditkarten oder Bankkonten. Firmen wie Cloudflare, die 20 Prozent des Web-Traffics kontrollieren, lancieren bereits Stablecoins. Google und Stripe entwickeln Protokolle, die KI-Agenten mit digitalem Geld vernetzen. Das beschleunigt die «On-Chain-Ökonomie» – eine Welt, in der alles tokenisiert wird, also via Blockchain übermittelt: Geld, Aktien, Fonds, Anleihen, sogar Informationen. Die Technologiebörse NASDAQ arbeitet aktiv an der Tokenisierung von Kapitalmärkten.
Weltwoche: KI-Agenten verknüpft mit der Blockchain-Technologie – können Sie das ausführen?
Baumann: Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Stellen Sie sich eine Börse vor – aber nicht für Aktien, sondern für Ereignisse: Wahlen, Inflation, Friedensverhandlungen. Genau das macht Polymarket, ein dezentraler Krypto-Wettmarkt, der auf der Blockchain läuft. Menschen setzen echtes Geld auf reale Ereignisse, und schaffen damit transparente, globale Prognosemärkte. Jetzt hat die Betreiberin der New Yorker Börse zwei Milliarden Dollar in Polymarket investiert, um diese Event-Daten weltweit an Banken und Hedgefonds zu vertreiben. Der Clou: Informationen selbst werden handelbar. KI liefert Prognosen, Blockchain sorgt für Vertrauen und Abwicklung. Damit entsteht eine neue Infrastruktur, in der Märkte nicht nur Vermögenswerte, sondern Erwartungen in Echtzeit abbilden. Die Symbiose von KI und Blockchain wird die Weltwirtschaft in den nächsten zehn Jahren umkrempeln – schneller, als wir denken.
Weltwoche: Und was macht das mit dem Bitcoin? Wohin geht die Reise? Der Wert liegt aktuell bei klar über 100 000 Dollar.
Baumann: Bitcoin wird oft mit Gold verglichen – als globaler Wertanker jenseits staatlicher Kontrolle – und steht heute bereits dort, wo viele ihn erst in Zukunft vermutet hätten: Bei rund 10 Prozent der Marktkapitalisierung von Gold. Je nach Schätzung liegt diese bei 24 bis 28 Billionen Dollar – das entspricht rund 120 000 bis 140 000 Dollar pro Bitcoin. Genau dort stehen wir heute. Und doch ist das wahrscheinlich erst der Anfang. Denn: Die ETF-Zuflüsse belaufen sich bereits auf Milliarden, und die institutionelle Nachfrage nimmt massiv zu.
Weltwoche: Was würden Sie im Umgang mit Krypto-Währungen raten? Auch Laien, die Angst haben, sich die Finger zu verbrennen.
Baumann: Mein Rat: Seien Sie skeptisch, aber auch offen. Krypto ist kein Hype mehr, sondern eine neue Infrastruktur für das digitale Zeitalter. Ja, es gibt Risiken. Aber auch enormes Potenzial. Lesen Sie das Bitcoin-White-Paper, das Buch «Digital Gold» von Nathaniel Popper, nutzen Sie seriöse Quellen – und sprechen Sie mal mit Ihrer Bank, viele bieten Kryptos ja schon an. Morgan Stanley empfiehlt, je nach Anlagestrategie bis zu 4 Prozent des Portfolios in Bitcoin zu investieren. Klar ist: Wer von Blockchain die Augen verschliesst, läuft Gefahr, morgen den Anschluss zu verpassen.