Es gibt politische Projekte, die man nach einigen Jahren in ein Regal stellt mit der Aufschrift: «War gutgemeint.» Und dann gibt es das Gebäudeenergiegesetz (GEG) in Deutschland, besser bekannt als Heizungsgesetz. Dieses gehört in ein anderes Regal – eines, auf dem steht: «War gutgemeint. Hat aber alles kaputtgemacht.» Zwei Jahre nach seinem Beschluss sieht die Bilanz aus wie eine alte Ölheizung, der man seit Jahren keine Wartung mehr gegönnt hat: Sie russt, sie stinkt, und der Schornsteinfeger hebt nur noch die Hände.
Die Ampelregierung aus SPD, Grünen und FDP wollte 2023 der Wärmewende Dampf machen. Neu eingebaute Heizungen in Deutschland sollten zu 65 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeist werden. Während die Öffentlichkeit noch über Technologieoffenheit in der Heizungsfrage diskutierte, gab der damalige grüne Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck den Takt vor: Hin zur Wärmepumpe als Standardlösung – als eigentliches Mittel der Wahl zur Energiewende wurde sie zum Maskottchen des grünen Aufbruchs. In Neubauten sollte sie sofort eingebaut werden, in bestehenden Gebäuden, sobald eine sogenannte kommunale Wärmeplanung vorliegt – irgendwann, irgendwie.
Heute, Ende 2025, erscheint dieser politische Kraftakt wie ein besonders zähes Kapitel aus dem Lehrbuch gutgemeinter Planwirtschaft. Die nach der Ampelkoalition angetretene neue Koalition aus CDU, CSU und SPD verkündete denn auch ohne Zögern bei ihrem Amtsantritt: «Wir werden das Heizungsgesetz abschaffen.» SPD-Fraktionsvize Armand Zorn spricht davon, «Fehler der letzten Legislatur nicht zu wiederholen». Doch wie bei einem überhitzten Kessel gilt: Wenn der Druck einmal zu hoch war, hilft auch ein vorsichtiger Dreh am Ventil nicht mehr. Das Ding ist kaputt.
Der Markt bestätigt das mit erschütternder Klarheit. Die Ampelkoalition plante noch 500 000 installierte Wärmepumpen pro Jahr. Die Realität: Für 2025 erwartet die Branche rund 250 000 Einheiten – gerade einmal die Hälfte des Zielwerts. Heizungsbauer Mario Schunk, der bundesweit fast zwanzig Standorte führt, beschreibt den Absturz in einer Fernsehsendung plastisch: «2023 habe ich noch fast hundert Wärmepumpen verkauft, dieses Jahr werden es vielleicht zehn.» Zehn – eine Zahl, die mehr über den Zustand der Wärmewende aussagt als tausend Regierungsreden.
20 Grad im Hobbykeller
Dabei ist Schunk keiner, der Klimaschutz für eine Verschwörung hält. «Natürlich ist es sinnvoll, klimafreundlich zu heizen», sagt er. «Aber die Leute sind massiv verunsichert.» Und Verunsicherung ist das tödlichste Gift einer jeden Investition. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz bestätigt das täglich. Nach ihrer Einschätzung sei die Verunsicherung so gross, dass viele gar keine Entscheidung mehr träfen. «Es herrscht Ratlosigkeit», berichtet Energieberaterin Laura Vorbeck: «Die Angebote machen einen Vergleich für Laien fast unmöglich.» Klingt nach Hütchenspiel – womit die politische Kommunikation endgültig gescheitert ist.
Hinzu kommt ein Bürokratieapparat, der den Mut sogar robustester Eigentümer erlahmen lässt. Vor dem Einbau muss die sogenannte BzA vorliegen, die Bestätigung zum Antrag auf Förderung. Dann folgen Formulare in verschiedenen Farben, Prüfberichte, Nachweise, Fristen, Anträge bei der Staatsbank KfW – und am Ende gibt es Geld erst, wenn alles abgeschlossen ist. Der Staat nennt das «Anreiz».
In der Realität passiert das Gegenteil. Wolfgang Gründinger erlebt das täglich, er arbeitet für den Berliner Energiewendepionier Enpal, der von der Solaranlage bis zur Wärmepumpe alles auf Lager hat: «Wer eine Wärmepumpe einbauen und dafür staatliche Förderung beantragen will», berichtet Gründinger, «muss nachweisen, dass jeder Raum im Haus – wirklich jeder – bei minus zehn Grad Aussentemperatur auf zwanzig Grad Innentemperatur beheizt werden kann. Dabei will niemand im Hobbykeller dauerhaft zwanzig Grad.» Doch die Vorschrift verlangt den Nachweis. Das heisst: grosse Heizkörper und mehr Bürokratie – für eine Förderung, die eigentlich Effizienz belohnen sollte.
Die Branche schlägt angesichts solcherlei Unsinn seit Monaten Alarm. Die Chefin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, Kerstin Andreae, sagt nüchtern: «Das Gesetz muss so formuliert sein, dass auch private Eigentümer es verstehen.» Der Sprecher des Bundesverbands der Heizungsindustrie, Markus Staudt, geht weiter: «Wir haben das Ziel unterstützt, aber die Rahmenbedingungen wurden nicht verbessert. Verlässlichkeit ist extrem wichtig.» Verlässlichkeit – ein Wort, das im politischen Berlin inzwischen so selten vorkommt wie ein günstiger Fachhandwerker.
Die ökonomische Bilanz des Heizungsgesetzes ist ein eigenes Kapitel der Ernüchterung. 2024 war der deutsche Wärmepumpenmarkt derart eingebrochen, dass man sich in Brüssel verwundert die Augen rieb: minus 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Während Europa im Schnitt einen Rückgang von rund 22 Prozent verzeichnete, hat Deutschland den Doppelschlag aus mangelnder Akzeptanz und politischer Unsicherheit abgeliefert. Werke, die 2022 und 2023 Kapazitäten für den erwarteten Boom ausgebaut haben, stehen heute mit halbleeren Fertigungslinien da. Mitarbeiter, die eigens von der darbenden Automobilzulieferindustrie abgeworben und umgeschult wurden, bangen um ihren Arbeitsplatz. Einige Hersteller kündigen bereits Stellenabbau an, andere verschieben Investitionen.
Anderswo geht es besser: Die Niederlande haben seit 2018 Neubauten vom Gasnetz abgekoppelt – ein einfacher, klarer Schritt. Ab 2026 sollen Hybridwärmepumpen zum Standard werden, ein Modell, das den Übergang erleichtert. Frankreich ging noch direkter vor: Fossile Heizungen sind dort in vielen Segmenten schlicht verboten. Mit dem Programm «MaPrimeRénov’» hat Paris eine eindeutige Förderstruktur geschaffen, die jeder kennt. Das Ergebnis: Frankreich lag auch 2024 europaweit an der Spitze beim Absatz von Wärmepumpen.
Und Italien? Dort zeigte die ehemalige Regierung, was passiert, wenn der Staat grosszügig mit Förder-Euro um sich wirft: Der «Superbonus 110 %» löste eine Sanierungswelle aus, wie Europa sie seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Zwar stöhnen heute die Staatsfinanzen, doch für die Wärmewende war das Programm ein Turbo. Der Unterschied zu Deutschland ist frappierend: In Italien baute man, in Frankreich regelte man, in den Niederlanden vereinfachte man – in Deutschland verwirrte man.
Den Trabbi zum Tesla machen
Inzwischen sucht die neue Bundesregierung fieberhaft nach einem Ersatzgesetz. Technologieoffen soll es sein, flexibler, einfacher, stärker CO2-orientiert – kurz: das genaue Gegenteil des alten GEG, nur mit denselben Zielen. Der Plan klingt, als wolle man einen Trabbi in einen Tesla verwandeln, aber bitte ohne Neuteile. Bis 2026 muss Deutschland die EU-Vorgaben umsetzen, die Wärmeplanung der Kommunen hinkt hinterher, und der Markt ist weiterhin im Schockzustand.
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Das Heizungsgesetz hat nicht Klarheit geschaffen, sondern Chaos. Es hat keinen Fortschritt erzeugt, sondern Stillstand. Es hat die Energiewende nicht beschleunigt, sondern auf dem Standstreifen geparkt – Warnblinklicht inklusive. Eine Studie der Wirtschaftsberater von Deloitte vom September bringt es so auf den Punkt: Die unternehmerischen Gestaltungsspielräume müssten erweitert werden, «um die Wärmewende zu meistern und letztlich die Klimaziele zu erreichen. Dazu zählen stabile Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und gezielte Subventionen.» An allem allerdings hapert es. Der Satz, der das alles zusammenfasst, stammt von Heizungsbauer Schunk: «Die Politik hätte einfach mal zuhören müssen.»
Hat sie aber nicht. So bleibt das Heizungsgesetz nicht als Motor, sondern als Mahnmal der Energiewende zurück. Ein politisches Lehrstück darüber, wie man ein Land verunsichert, eine Branche ausbremst, Milliardeninvestitionen lähmt – und gleichzeitig das erreicht, was niemand wollte: eine Bilanz der Zerstörung – politisch, wirtschaftlich und ganz konkret für die Menschen, die in diesem Land einfach nur sinnvoll heizen wollen.
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