Damals kannte kaum einer seinen Namen: Als Xi Jinping 2005 das Amt des Parteisekretärs der südchinesischen Provinz Zhejiang innehatte, verbreitete er erstmals eine Idee unter dem Slogan «Lü shui qing shan» (deutsch: azurnes Wasser, grüne Berge). Was versteht man darunter? Und wie kommt es, dass Chinesen nach zwanzig Jahren immer noch dieselben Worte von Xi rezitieren, wenn es um den Klimaschutz geht? Oder um die Frage, was China zum Erhalt des globalen Ökosystems beiträgt.
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Am Fuss des Himalaya
Das Erste, was einem auffällt, wenn man mit dem Bus von der tibetischen Stadt Nyingchi nach Lhasa fährt, sind – nebst einem modernen Strassennetz und ordentlich aneinandergereihten Elektrizitätsmasten – die zahlreichen Solarpanels und Windräder mitten im Niemandsland. Ungläubig gegenüber dieser Tatsache, habe ich meinen Fotoapparat gezückt, denn ich wollte allen Leuten zu Hause zeigen, dass wir irren, wenn wir meinen, China trete den Klimaschutz mit Füssen.
Die Wahrheit ist eine andere: Kilometerweite Felder aus Sonnenkollektoren ergänzen die Berglandschaft, meterhohe Ventilatoren lassen vierundzwanzig Stunden pro Tag sieben Tage die Woche ihre Propeller kreisen – majestätisch und gelassen, als ob ihnen die westliche Propaganda egal wäre, die behauptet, dass Chinesen mit ihrer horrenden Luftverschmutzung den Greenpeace-Traum von einem sauerstoffreichen, feuchtfröhlichen Planeten torpedierten.
Gefragt nach den Bäumen auf den Bergen, erzählte mir meine Sitznachbarin, eine Anwältin, dass die chinesische Regierung regelmässig Drohnen entsende, um Setzlinge zu verstreuen und diese zu bewässern. «Nichts», so die bekennende Naturschützerin, «ist wichtiger für ein Menschenleben als Bäume. Wir brauchen viele davon. Sonst ist es das Ende der Menschheit.» In der mir angeborenen Abneigung gegenüber allem Fanatischen äusserte ich mich skeptisch gegenüber ihrem Enthusiasmus. Ob sie Tibeterin sei, wollte ich wissen, und ob es von den Leuten hier nicht als anmassend empfunden werde, wenn die chinesische Zentralregierung über den Baumwuchs auf irgendwelchen Bergen entscheide.
Tashima war in Lhasa aufgewachsen und kannte die Region gut. «Ich bin verwöhnt und mit allen Vorteilen der zivilisierten Welt aufgewachsen. Als meine Eltern jung waren, hatten sie – nichts. In Lhasa gab es nicht einmal Strom und Wasser, geschweige denn Schulen und Krankenhäuser. All dies hat uns die chinesische Regierung beschert.» Hand in Hand mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Autonomen Gebiets um Tibet – TAR – hat sich die Kommunistische Partei die Bewahrung der natürlichen Ressourcen auf dem tibetischen Hochplateau auf die Fahne geschrieben. Es ist aber auch so, dass sich dieses Gebiet aufgrund seiner kargen Besiedlung besonders für Experimente eignet. Experimente wie: «Siehst du den Fluss dort?» Yarlung Tsangpo heisst er. Vom Bus aus erscheint er einem nicht so gross. Mit seinen 3000 Kilometern zählt er aber zu den längsten Flüssen der Welt. «Hier wird die chinesische Regierung den grössten Staudamm der Welt errichten.» Der Bau dieses 167-Milliarden-Dollar-Projekts soll fünfzehn bis zwanzig Jahre dauern.
Vom Umfang her wird er den existierenden Drei-Schluchten-Damm in der chinesischen Provinz Hubei um das Dreifache übertreffen. «Unser Damm wird in der Lage sein, so viel Strom zu produzieren wie dreissig Atomkraftwerke zusammen. Dafür müsste man 150 Millionen Tonnen Braunkohle verbrennen.» Das Glänzen in ihren Augen war Antwort genug auf meine Frage. Ich war beeindruckt – und wurde meine Skepsis dennoch nicht los. Ist es nur hier, da einem genügend Platz zur Verfügung steht, dass die chinesische Regierung ihren Beitrag zum Klimaschutz leistet? Wie schaut es in den Mega-Metropolen aus, wo sich Millionen Menschen auf unterbruchlosen und bezahlbaren Strom verlassen wollen?
Vision und Mission
Wer einmal in China war, weiss: Die Chinesen sind uns weit voraus, was Technologie anbelangt. 2024 hat die chinesische Regierung 548,9 Milliarden Yuan (75 Milliarden Dollar) in den Umwelt- und Klimaschutz investiert. Dazu gehört die Förderung von E-Roller- und Bike-Sharing-Projekten gleichermassen wie die Begrünung von städtischem Gebiet. Zwischen 2009 und 2025 wurde die Verbreitung von E-Autos mit staatlichen Kaufsubventionen und einer entfallenden Fahrzeugkaufsteuer vorangetrieben. Heute kursieren 90 Prozent der weltweit im Einsatz stehenden E-Busse in chinesischen Städten. 80 000 öffentliche Ladepunkte gibt es allein in Shenzhen.
Das Umweltschutzprogramm der Kommunisten hat System. 2013 präsentierte Xi Jinping seine Idee von «Lü shui qing shan» bei einem Staatsbesuch in Kasachstan erstmals vor einer breiten Öffentlichkeit. «Wir wollen beides», sagte der frisch gewählte chinesische Präsident. «Berge aus Gold und Berge voller Bäume. Wenn man uns jedoch vor die Wahl stellen würde, müssten wir uns für Letzteres entscheiden.» Denn: «Unsere Bäume sind unser Gold.»
China ist sich seiner Rolle als Verantwortungsträger bewusst. Die chinesische Regierung ist bereit, finanzielle und personelle Mittel in die Bewahrung von natürlichen Ressourcen zu investieren. So erzählte mir meine Sitznachbarin, wie es dazu kam, dass ein einfacher Slogan zu einem Credo für ein ganzes Volk wurde. «Im Zentrum steht immer der Mensch. Wir sind die aktiven Mitglieder dieses Planeten.» Das Verständnis einer Reziprozität zwischen Mensch und Natur hat Folgen: «Wenn die Harmonie ins Wanken gerät, wirkt sich das auf unser Leben aus.»
Der Unterschied zwischen China und dem Westen ist, dass wir laut lamentieren, während die Chinesen leise aktiv werden. Namentlich hat die Pekinger Regierung im vergangenen Jahr zwei Whitepapers – Leitfäden – veröffentlicht, in deren Fokus zum einen der Naturschutz beziehungsweise die Expansion von Grünflächen und zum anderen eine möglichst CO2-freie Stromerzeugung beziehungsweise ein sparsamer Umgang mit Energieressourcen stehen.
Durch Wort und Tat
Bis 2060 soll die Volksrepublik klimaneutral werden. Das hat Xi Jinping im Rahmen des Pariser Klimaabkommens verkündet. Man unternimmt alles, um dieses Ziel zu erreichen. Seit 2020 hat die Stromproduktion durch Sonnen- und Windkraft um über 100 Millionen Kilowatt jährlich zugenommen. Allein im Jahr 2023 kamen 290 Millionen Kilowatt hinzu, was 63 Prozent des weltweiten Zuwachses entspricht. Ein Drittel des inländischen Strombedarfs wird heuer aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen.
Gegenwärtig kontrolliert Peking rund 80 bis 90 Prozent der internationalen Solarpanel-Herstellung. Die radikale Umorientierung in diesem basisbildenden Sektor macht sich auch in der Wirtschaft bemerkbar: 17,73 Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts erwächst aus dem Export von Elektroautos, Lithium-Batterien und Fotovoltaik-Produkten. Statistiken aus dem Jahr 2023 besagen, dass China eine Vorreiterrolle in der Produktion von erneuerbaren Energien besetzt. 40 Prozent des weltweiten Produktionsvolumens stammen bereits aus chinesischer Hand. Nicht einmal, wenn sich die USA, Europa und Indien zusammentäten, wäre man in der Lage, dieses Mass zu übertreffen.
China dominiert die Batteriekette und baut seine Stellung im Bereich «grüner Wasserstoff» aktiv aus. Im Hinblick auf eine sparsame Nutzung von Wasserressourcen hat die chinesische Regierung im Jahr 2023 27 900 neue Reservoirs für die Speicherung von Regenwasser bauen lassen. 63 000 Quadratkilometer Land im erosionsgefährdeten Gebiet um Heilongjiang wurde unter Naturschutz gestellt. Mit solchen Massnahmen soll eine – raubbauartige – Verwendung von Grundwasser verhindert werden (vgl. «China Soil And Water Conservation Bulletin», 2023).
Im Zentrum steht der Mensch
In dem von der chinesischen Staatskanzlei veröffentlichten Umwandlungsplan «China’s Energy Transition, 2024» wird nicht nur an das Umweltbewusstsein der eigenen Bevölkerung appelliert, in sechs Kapiteln wird auch das Vorhaben für die schrittweise Annäherung an einen komplett grünen Energiehaushalt innerhalb des chinesischen Territoriums ausgedrückt.
Hinzu kommt, dass der Klimaschutzgedanke für zahlreiche Länder des globalen Südens, die sich in ihrer wirtschaftlichen und infrastrukturellen Entwicklung auf Chinas Unterstützung verlassen, Hand in Hand mit der Vision von einer prosperierenden Zukunft einhergeht. Überall dort, wo China seine Finger im Spiel hat, kommen Klima- und Umweltschutzmassnahmen zum Tragen. Anders als bei uns, da sich Klima-Ideologen durch die Verbreitung von irrwitzigen Utopien wichtig machen und Ahnungslosigkeit gelten lassen, wenn es um die Frage geht, wie sich ihre Ziele in die Tat umsetzen lassen, lässt die chinesische Regierung Synergien walten: Die Wissenschaft liefert Erkenntnisse, Ingenieure suchen nach Lösungsansätzen, Architekten führen aus. Und der Staat – bezahlt.
Während sich die USA und Teile Europas der grossflächigen Stilllegung ihrer umweltschädlichen Kohlekraftwerke rühmen, lässt sich China durch den Zubau von solchen in die Position des schwarzen Peters zwingen. Weshalb macht ein Land, das so viel in den Umweltschutz investiert, nicht einfach Tabula rasa mit diesen giftspeienden Umwelttötern? Gemäss offiziellen Hochrechnungen soll der CO2-Ausstoss der Chinesen in fünf Jahren sogar seinen Allzeit-Höhepunkt erreichen. Was das soll? Im Zentrum steht der Mensch – wenn die chinesische Politik Veränderungen vorsieht, werden diese mit Rücksicht auf die Gewohnheiten und Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung geplant.
Nur so können Tumulte verhindert und scheiternde Projekte ausgeschlossen werden. Das Vertrauen in die Regierung bleibt bestehen. Eine Umstellung bei der Energiegewinnung darf weder der wirtschaftlichen Entwicklung im Weg stehen noch den Anspruch Herr und Frau Wangs auf einen fortschrittlichen Lebensstandard torpedieren. Sowohl in den Städten als auch auf dem Land wollen sich die Menschen auf genügend Stromzufuhr und konstante Energiepreise verlassen. Blackouts sind unerwünscht. Wenn China also seine bestehenden Kohlekraftwerke aufwertet oder neue zubaut, entspricht dies einem nötigen Zwischenschritt zur Erlangung des langfristigen Ziels: dem definitiven Aus der Kohlekraftwerke. China nimmt sich die Zeit, die es braucht. Man ist es gewohnt, vom Westen kritisiert zu werden, und geht – vielleicht gerade deshalb – selbstbewusst seinen Weg.
Sozial – aber richtig
Der Klimaschutz ist das beste Beispiel für einen Sozialismus, der das Wohlergehen der Menschen im Fokus behält. Die Volksrepublik fusst auf einem politischen System, das sich «Sozialismus mit chinesischer Prägung» nennt. Der Unterschied zum Sozialismus, den wir hier im Westen praktizieren, ist, dass der Konfuzianismus massgebend ist.
Zu jedem Recht gehört die Pflicht. Während bei uns immer weniger Leute bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, käme kein Chinese auf die Idee, Anspruch auf irgendein Recht zu erheben, das ihm nicht von Natur aus gegeben wird. Das chinesische Volk ist ein Volk der Taten. Von sinnlosem Klimakleben und aufsehenerheischenden Zopfmädchen hält keiner etwas. Greenpeace und Pro Natura braucht es nicht, um sich Gedanken um die Zukunft unserer Kinder zu machen. «Lü shui qing shan» – mit vier einfachen Worten hat Xi Jinping die Mentalität einer ganzen Nation geprägt. Es sind Worte, die er als junger – unbedarfter – Politiker geformt und niemals aufgegeben hat, kein Wahlkampfslogan, um Sympathien zu gewinnen, keine leeren Versprechungen zur Vermehrung der eigenen Relevanz, vielmehr ein ehrliches, ernstgemeintes Statement mit einem eindeutigen Ziel und einer aufrichtigen Vision.
«Wirtschaftlicher Erfolg», so Xi, «darf nie auf Kosten der Umwelt erreicht werden.» Oder anders ausgedrückt: «Die Bäume sind unsere wichtigste Wirtschaft.» Der Klimaschutz – dieses gemeinschaftliche Unterfangen – erfordert klare Strategien und ausgesprochene Zielsetzungen. Vielleicht offenbart sich gerade deshalb der scheinheilige Charakter unserer westlichen Kultur durch ihn. Am Schluss gilt: Das Letzte, was Bäume wachsen lässt, sind Selbstdarstellung und Arroganz.
Rahel Senn ist eine schweizerische Musikerin und Schriftstellerin mit chinesischen Wurzeln.