Die Kreislaufwirtschaft steht an einem Wendepunkt. Noch immer werden in der Schweiz jedes Jahr Hunderttausende Tonnen Kunststoffabfälle verbrannt oder exportiert – obwohl sie sich technisch wiederverwerten liessen. Der Markt sucht nach funktionierenden Lösungen, die wirtschaftlich und ökologisch überzeugen. Genau hier setzt die BOXS AG im aargauischen Buchs mit ihren Tochterfirmen UpBoards AG und Recoplast AG an: Sie zeigen, dass Recycling und Upcycling nicht beim Granulat enden muss, sondern zu hochwertigen, wiederverwertbaren Endprodukten führen kann. Das Ziel ist klar: Kunststoff soll nicht länger Abfall sein, sondern Ausgangspunkt einer geschlossenen Wertschöpfungskette.
@ Beni Basler / Foto Basler Aarau
Sinnvolle Wertschöpfungskette
Wenn Raphael Markstaller, Gründer von BOXS, und Beat Bolzhauser, Geschäftsführer von UpBoards und Recoplast, über Kunststoff sprechen, klingt das alles andere als nach Abfall. Für sie ist Plastik ein Wertstoff. Die beiden teilen eine klare Mission: Aus schwer verwertbaren Mischkunststoffabfällen sollen hochwertige, langlebige Produkte entstehen. Zudem soll die Herstellung in der Schweiz sowie in angrenzenden Märkten ausgebaut werden. «Wir schaffen aus einem Abfallprodukt ein industriell einsetzbares Material», sagt Raphael Markstaller. Was einfach klingt, ist das Resultat von Jahren technischer Entwicklung und strategischer Aufbauarbeit.
Mit der Übernahme der Recoplast durch BOXS im vergangenen Oktober ist zusammengewachsen, was nun in der gleichen Fabrikhalle in Gretzenbach (SO) zusammenarbeitet. Die Integration von Recoplast ermöglicht eine vertikale Vereinigung, die kurzfristig die Versorgungssicherheit steigert und mittelfristig Preise stabilisieren kann. «Unter dem Dach der BOXS AG können wir unsere Kompetenzen bündeln und Synergien gezielt nutzen», erklärt Bolzhauser. Ziel sei es, den gesamten Kunststoffkreislauf von der Sammlung bis zum Endprodukt in einer Hand zu halten.
Patentiertes Verfahren
Die Integration schafft Klarheit: Recoplast sammelt betriebsinterne Kunststoffabfälle von verschiedenen Kunden wie Sika, verarbeitet sie und liefert sie als Granulat zurück – der perfekte Recycling-Kreislauf durch Shreddern, Compoundierung und Granulieren. UpBoards hingegen kauft Haushaltplastikabfälle, reinigt sie, wertet sie auf und formt daraus hauptsächlich Platten, aber auch andere Produkte. Mit einer Anlage können pro Jahr rund 100 000 Quadratmeter Recyclingplatten hergestellt werden. Dafür werden 1600 Tonnen Plastikabfall verwertet und 3200 Tonnen CO2 eingespart. BOXS entwickelt das Know-how ständig weiter. Damit entsteht insgesamt eine Wertschöpfungskette, die nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch Sinn ergibt. Abfall wird zur Ressource – und die Schweiz zum Produktionsstandort für intelligente Recycling-Technologie.
Die UpBoards-Platten sehen auf den ersten Blick unspektakulär aus – grau, stabil, industriell. Doch sie erzählen eine kleine Revolution. Produziert werden sie aus gemischten Kunststoffabfällen, also genau aus jenem Material, das sonst in der Verbrennung landet. In Gretzenbach verwandelt UpBoards diese Fraktionen in Integralschaum- und Sandwichplatten, die witterungsbeständig, feuchtigkeitsabweisend, verrotungsfest, leicht zu reinigen und zu 100 Prozent rezyklierbar sind.
Materialkreisläufe regional schliessen
«Es ist wirklich ein richtiges Upcycling», sagt Bolzhauser. Aus mehrschichtigen Folien, Produktionsresten oder Sammelsack-Kunststoffen entstehen neue Produkte – nicht minderwertiger, sondern stabiler und langlebiger als zuvor. Das Verfahren ist patentiert, energieeffizient und nahezu emissionsfrei. Die Pilotanlage läuft seit 2023 im Vollbetrieb und dient als Basis für die geplante Skalierung.
Gleichenorts produziert die Schwesterfirma Recoplast, die seit über zwei Jahrzehnten Kunststoffe aufbereitet. Hier wird gewaschen, getrocknet, agglomeriert und granuliert – ein technischer Prozess, der entscheidet, ob am Ende hochwertige Granulate und Platten entstehen. «Unsere Aufgabe ist es, aus komplexen Abfallströmen wieder ein homogenes Material zu machen. Nur wenn das Granulat stimmt, stimmt auch die Platte», erklärt Beat Bolzhauser.
Durch die Verbindung mit UpBoards werden Transportwege verkürzt, Materialkosten gesenkt und Prozesse abgestimmt. Das Ergebnis: ein geschlossener Kreislauf, der mit Schweizer Abfall Schweizer Produkte herstellt – und am Ende alles wieder in die Produktion zurückführen kann.
Die Einsatzmöglichkeiten der Platten sind vielfältig: Bau, Möbel, Industrie, Gartenbau oder Fahrzeugkonstruktion. UpBoards ersetzt Holz, PVC oder Metall und eröffnet neue Anwendungen – etwa im Schalungsbau oder bei Containerböden. «Wir sprechen mit Kunden, die nachhaltige Alternativen suchen, aber keine Kompromisse bei der Qualität eingehen wollen», sagt Markstaller.
Schon heute laufen Tests mit grossen Bauunternehmen, Möbelherstellern und Handelsketten. Auch im B2C-Bereich ist UpBoards präsent: Im Webshop lassen sich Platten und Produkte für Handwerker oder Privatkunden bestellen, vom Hochbeet bis zur Sitzbank. «Wir wollen zeigen, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur ein industrielles Konzept ist, sondern im Alltag funktioniert», so Markstaller.
Das Werk in Gretzenbach dient als Blaupause. Die zweite Produktionslinie ist für 2026 geplant, eine mehrschichtige Fertigung ab 2027. Gleichzeitig will die BOXS-Gruppe ihre Technologie in weiteren Regionen etablieren – mit Partnern, die lokale Anlagen betreiben. «Unsere Vision ist, Materialkreisläufe regional zu schliessen. Das spart CO2, senkt Kosten und schafft Wertschöpfung vor Ort», erklärt Bolzhauser.
BOXS sieht sich dabei weniger als Produzent, denn als Technologieanbieter. Das Unternehmen entwickelt, patentiert und lizenziert Verfahren, die weltweit eingesetzt werden können. Das Interesse ist gross – von der Bauindustrie bis zu Markenfirmen, die ihre Verpackungsabfälle in eigene Produkte zurückführen wollen.
Recycling ist für BOXS kein Idealismusprojekt, sondern ein Geschäftsmodell. Die Nachfrage nach CO2-armen Materialien wächst, ebenso der regulatorische Druck. «Wir müssen zeigen, dass Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich funktioniert», betont Markstaller. UpBoards und Recoplast liefern den Beweis: Ihre Produkte sind preislich konkurrenzfähig, langlebig und vollständig rückführbar. Zudem dokumentieren sie die Materialherkunft und die CO2-Bilanz transparent, was ein wichtiger Vertrauensfaktor ist. Laut Ökobilanz spart jede Tonne Kunststoff, die nicht verbrannt, sondern zu Platten verarbeitet wird, rund 95 Prozent CO2 ein. Das entspricht über drei Tonnen weniger Emissionen pro produzierter Tonne Material.
Vom Pilot zum industriellen Modell
Trotz allen Erfolgen ist der Weg kein einfacher. Kunststoffabfälle sind heterogen, der Transport aufwendig, und die Anlagen müssen präzise auf Rohstoffschwankungen reagieren. Doch genau hier liegt die Stärke des Systems: Die UpBoards-Technologie ist robust und tolerant gegenüber Verunreinigungen – ein entscheidender Vorteil gegenüber herkömmlichen Verfahren. Bolzhauser ist überzeugt, dass die Zeit auf ihrer Seite ist: «Der Bedarf an rezyklierten Kunststoffen wird weiter steigen, und wir sind bereit, diesen Trend mitzugestalten.» Der Markt entwickelt sich rasant, angetrieben durch Nachhaltigkeitsziele, CO2-Gesetzgebung und wachsenden Druck auf Hersteller, die Kreisläufe zu schliessen.
BOXS AG, UpBoards und Recoplast zeigen, dass Recycling mehr sein kann als nur Entsorgung. Es kann ein eigenständiges industrielles System werden, das Ressourcen schont, die Emissionen reduziert und die lokale Wirtschaft stärkt. «Alles aus einer Hand» ist dabei nicht nur ein Slogan, sondern ein Konzept, das funktioniert: vom Kunststoffsammelsack bis zur fertigen Bauplatte. Was als technische Vision begann, wächst nun zur industriellen Realität zusammen. Wenn die Expansion und die Nachfrage weiter so verlaufen, könnte aus der Anlage in Gretzenbach ein Symbol für die Kreislaufwirtschaft werden.