Manchmal denke ich, wäre das erste Gebot noch zu haben, so hiesse es: «Du sollst nicht mehr Kohlendioxid in die Luft blasen, als du wieder einfangen kannst.» Mir fällt das ein, weil Klimaneutralität inzwischen zu einer Religion geworden ist. Und zwar zu einer von der Sorte, die unbedingten Gehorsam fordert. «Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir», lautet tatsächlich das erste Gebot. Beiden gemeinsam ist, dass sie eine unmissverständliche Forderung aufstellen. Doch während im Fall des biblischen Gebots das Zeitalter der Aufklärung ein milderes Licht auf die Forderung geworfen hat, steht das Gebot der 1,5-Grad-Limite des Pariser Abkommens und der daraus geforderten Klimaneutralität eingemeisselt wie in den Stein der mosesschen Gesetzestafel über allem, was wir tun.
Jetzt sitzt hier weder ein Kant noch sonst ein aufklärerischer Philosoph an der Tastatur, sondern ein Journalist, der den Beruf gewählt hat, weil er seiner Neigung, alles Vorgesetzte nicht einfach so hinzunehmen, am meisten entgegenkommt. Der immer dann, wenn alle in eine Richtung unterwegs sind, misstrauisch wird. Der die eigene Erfahrung mit dem vergleicht, was ihm als Wahrheit serviert wird. Der gemerkt hat, dass die einfachsten Fragen am schwierigsten zu beantworten sind. Zum Beispiel die, wie sein herbstlich prasselndes Kaminfeuer mit Holz aus dem eigenen Garten die CO2-Bilanz beeinflusst. Oder wie viel Treibhausgas ein Kubikmeter Gas eigentlich schon erzeugt hat, der aus texanischem Tiefengestein gepresst, durchs Land und über eines der Weltmeere transportiert wird, bevor er in irgendeinem deutschen Ofen landet. Ich frage: Wer misst das eigentlich? Oder wenn es gar nicht zu messen ist: Wie in Stein gemeisselt darf das Gebot der Klimaneutralität eigentlich sein?
Deutschland vorneweg
Diese Geschichte erzählt meine persönliche Spurensuche. Sie beginnt wie viele Arbeitsgeschichten an einem Montag. Ich suche nach der Definition von Klimaneutralität. Ich finde sie bei einer dieser Beraterfirmen, die ihr Geld damit verdienen, Betriebe auf Klimaneutralität zu trimmen. Die Ingenieure sitzen im westfälischen Münster und bringen es gut auf den Punkt: «Klimaneutralität zu erreichen, bedeutet, dass durch die Aktivitäten eines Landes, Unternehmens oder einer Person keine zusätzlichen Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen. Ziel ist ein Zustand der Netto-null-Emissionen, bei dem die ausgestossenen CO2-Emissionen stark reduziert und der verbleibende Ausstoss durch geeignete Massnahmen ausgeglichen wird. Dazu zählen unter anderem Aufforstung, der Einsatz klimafreundlicher Technologien oder der Handel mit CO2-Zertifikaten.»
2045 soll es in Deutschland so weit sein, schreiben die Berater noch. Dass Deutschland damit fünf Jahre schneller sein will als der Rest der EU, dass dieses Ziel ein extrem kostspieliges Wettrennen auslöst, das die Industrie zwingt, in Deutschland mehr Geld als anderswo auszugeben, mit der Folge, dass sie lieber anderswo unterwegs ist – das lassen die Berater unter den Tisch fallen. Ihr Honorar fällt umso höher aus, je ambitionierter die politischen Ziele sind. Die Existenz von Heerscharen von Beratern hängt von dem Grad der Ambitioniertheit der Bundesregierung ab. Die Klimaschutzbranche, von der die Beratung ein Teil ist, erwirtschaftete in Deutschland nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts im Jahr 2023 einen Umsatz von 71 Milliarden Euro, was einem Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Klingt ambitioniert.
Mein zweiter Schritt an diesem Montag ist, eine Telefonliste anzulegen mit Menschen, an die ich die Frage mit meinem Kamin richten möchte. Ich nehme mir vor, ganz unten anzufangen und mich dann immer weiter durchzufragen bis hoch nach Brüssel. Ich beginne bei einer alten Bekannten: Agora Energiewende heisst die Denkfabrik, mit der ich einst einiges zu tun hatte, nachdem ihr ehemaliger Leiter Patrick Graichen wegen des Vorwurfs der Vetternwirtschaft sein Amt als Staatssekretär räumen musste. Er sitzt heute im Aufsichtsrat eines staatlichen ukrainischen Stromnetzbetreibers. Ich beschliesse, nicht weiter über diese Karriere nachzudenken, und rufe an: Die Agora-Sprecherin kennt mich noch, aber als ich mit meinem Kamin komme, winkt sie freundlich ab. Nichts für ungut und nichts für Agora, sondern eher fürs Umweltministerium, meint sie. Oder fürs Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Ich versuche es unmittelbar. Das Institut erhielt vom Land Brandenburg und vom Bund zuletzt knapp 15 Millionen Euro und warb weitere 25 Millionen Euro für Forschungsprojekte ein. Seine Aufgabe: «Die wissenschaftlichen Grenzen der Klimaforschung für globale Nachhaltigkeit fächerübergreifend erweitern und Lösungen für eine sichere und gerechte Klimazukunft anbieten.» Genau mein Ding. Für meinen Kamin hat trotzdem keiner der 466 Menschen Zeit, die dort arbeiten. Meine Anfrage läuft ins Leere. Auf die Antwort warte ich bis heute. Genauso geht es mir mit Anna-Kaisa Itkonen. Sie ist seit über einem Jahrzehnt Sprecherin der Europäischen Kommission für Klimapolitik und Energie. Davor war sie Leiterin der Kommunikationsabteilung im Büro des finnischen Ministerpräsidenten. «Danke für deine Anfrage», schreibt sie, sie komme darauf so schnell wie möglich zurück. Das war vor vier Wochen.
350 Jahre, bis es piepst
Es vergehen die Tage ohne Antworten, und ich beginne derweilen mit dem Selbststudium. Wie wird der CO2-Gehalt in der Luft gemessen? Entsprechende Geräte haben Sensoren, die die Eigenschaft von CO2-Molekülen nutzen, Infrarotlicht mit bestimmten Wellenlängen zu absorbieren. Je weniger durchkommt, umso höher die Konzentration. Der gemessene Wert wird in parts per million, ppm, angegeben. Für 68.85 Euro lassen sich solche Luftkontrollmaschinen bei Amazon bestellen. Bei einem Richtwert von 1000 ppm piepsen sie, was heisst: Jetzt wäre mal Lüften angesagt. In der Erdatmosphäre messen Forscher derzeit einen Wert von 420 ppm. Es wäre also noch Zeit mit dem Lüften, überlege ich.
Ich werde eines Besseren belehrt. Nicht die derzeitige Konzentration ist das Problem, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie steigt, lese ich. Das belegt die Keeling-Kurve. Der amerikanische Wissenschaftler Charles David Keeling hat 1958 ein CO2-Messgerät auf dem Vulkan Mauna Loa auf Hawaii montiert. 313 ppm lautete seine erste Eintragung ins Klimalogbuch. Ich rechne nach: Rund hundert Teilchen mehr in knapp siebzig Jahren – das macht 350 Jahre, bis es piepst. Bis dahin dürfte uns doch etwas einfallen, denke ich.
Die Messstation Mauna Loa wird betrieben von der US-Regierungsbehörde Noaa, einer zentralen Schaltstelle für Wetter- und Klimadaten weltweit. Seit Monaten ist die Behörde unter Druck, Hunderte Mitarbeiter wurden seit Ende Februar entlassen, denn Donald Trump hält sie für überflüssig und streicht ihnen das Geld. Die Klima-Community ist deswegen empört, merkwürdigerweise mit dem Argument, dass man die traditionsreichste Klimadatensammlung nicht einfach so dichtmachen dürfe. Ich denke an die 68.85 Euro fürs Messgerät und könnte mir vorstellen, dass es nicht so schwer ist, die Messungen auch ohne Trump fortzusetzen. Nicolas Gruber, Klimawissenschaftler von der ETH in Zürich, hat das jüngst im Gespräch mit der NZZ bestätigt: Während der vergangenen Jahre seien viele Anlagen weltweit dazugekommen, unter anderem das Sphinx-Observatorium auf dem Schweizer Jungfraujoch. Aber Mauna Loa sei eben das «Kronjuwel» des weltweiten Netzwerks. Werde die Anlage geschlossen, falle ein zentraler Datensatz weg.
Es ist mittlerweile Freitag, als mein Telefon in dieser Sache das erste Mal schellt. Es meldet sich ein freundlicher Mitarbeiter des Umweltbundesamts, einer Behörde, die dem Ministerium untersteht und an die meine Anfrage weitergereicht worden ist. Burkhard Huckestein ist Ökonom. «Ich plappere souverän nach, was ich von Klimaforschern gelernt habe», sagt er zur Einleitung und hört sich meine Kaminfrage an. Dann holt er aus.
Es geht ihm um die Unterscheidung zwischen einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und dem, was beim Einzelnen passiert. Auf nationaler Ebene liessen sich die Emissionen und Kompensationen ganz gut zusammenzählen, indem alles, was an fossilen Brennstoffen verbraucht wird, gemessen und dem gegenübergestellt wird, was zum Beispiel Waldflächen an CO2 umwandeln. Fehler im Detail werden statistisch über den dicken Daumen wieder ausgeglichen. Im Einzelfall allerdings wird es trickreich. Und da ist mein Kamin nur eine ganz kleine Nummer.
Ablasshandel der Neuzeit
Der Mann bringt mich auf andere Beispiele. So hat die klagefreudige Deutsche Umwelthilfe im Juli vor dem Landgericht Frankfurt am Main in einem Verfahren gegen Apple recht bekommen. Der Konzern bewirbt drei seiner Smartwatch-Modelle als «CO2-neutrales Produkt» und behauptet, dass Emissionen, die bei der Produktion der Uhren entstehen, durch «naturbasierte» Kompensationsprojekte ausgeglichen werden. Hinter den «Projekten» verbergen sich Eukalyptus-Anbauflächen in Paraguay.
Wer jetzt stutzt, der muss sich klarmachen, dass Klimaneutralität ganz viel mit Ablasshandel zu tun hat. Es war die katholische Kirche, die bis zur Reformation kostspielige Zertifikate verkaufte, auf denen sie den Erwerbern versicherte, in den Himmel zu kommen. Heute Konzerne wie Apple, die sich eine ausgeglichene Umweltbilanz erkaufen, indem sie Geld für Projekte ausgeben, die irgendwo auf der Welt CO2 einsparen oder in Sauerstoff umwandeln. Das Ganze nennt sich Emissionsrechtehandel. Tesla ist einer der grössten Nutzniesser davon. Elon Musks Konzern steht deswegen noch immer gut da, weil er durch seine strombetriebenen Autos das Recht hat, Emissionszertifikate zu verkaufen. Im Apple-Fall allerdings, so berichtet der Geschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch, hat sich der Konzern den Zugriff auf die Eukalyptus-Plantagen nur bis zum Jahr 2029 gesichert, was ein viel zu kurzer Zeitraum ist, um die bei der Smartwatch-Produktion entstehenden Emissionen zu kompensieren. Resch spricht von «Greenwashing», und das Gericht sieht es auch so.
Apple ist nicht allein. Auch ein deutscher Konzern, der sich als Vorreiter der Energiewende profiliert, ist mit von der Partie: die Deutsche Bahn. Der Staatskonzern bezieht einen grossen Teil seines Fahrstroms vom neuesten deutschen Kohlekraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln, das in diesen Tagen gerade an den Schweizer Energiehändler Resinvest verkauft worden ist. Das Kraftwerk wurde in seinen Ausmassen überhaupt nur für die Bahn errichtet, die allerdings unverdrossen verkündet, dass sie vor allem mit grünem Strom unterwegs sei. Um das zu unterstreichen, hat sie sogar die roten Zierleisten ihrer Schnellzüge durch grüne ersetzt. 2038 will sie klimaneutral sein. Dass das auf dem Papier gelingen kann, liegt an ebenjenen Emissionszertifikaten, die Sauberkeit in der Bilanz, aber nicht in der Luft sichtbar machen. Das Ganze sei so komplex, dass Laien es nicht verstehen und die ganze Idee für Schwindel und Täuschung halten, sagt mein Mann aus dem Umweltamt: «Viele Projekte sind zu Recht in Verruf gekommen und werden kritisch gesehen. Seriöse und gute Projekte leiden unter den unseriösen.»
Ich treffe mich mit Lucas Zaehringer. Der junge Elsässer ist Chef eines noch viel jüngeren Unternehmens, genauer: eines, das es erst seit diesem Jahr gibt und das auch noch dieses Jahr an die Börse will. Planet2050 heisst es, und Zaehringer hat sich vorgenommen, dem fragwürdigen Ablasshandel den Garaus zu machen. Er wäre in unsere Geschichte also eine Art Martin Luther, nur von schmalerer und jugendlicherer Gestalt. Was er will, erklärt er so: Der Handel mit CO2-Zertifikaten werde schon bis 2030 auf bis zu 250 Milliarden Dollar weltweit wachsen. «Das ist das neue Gold», sagt er. Und Planet2050 wolle die Projekte, die dahinterstehen, überprüfbar machen – auf dass sich nicht die nächste Eukalyptusplantage dazwischenmogelt. Planet2050 wolle entsprechende Zertifikate erwerben und verkaufen. Und damit alle etwas davon haben, geht das Unternehmen an die Börse. Je erfolgreicher Planet2050 im Zertifikatehandel ist, desto reicher werden seine Anleger. Zaehringer könnte also tatsächlich im besten Fall eine Messiasfunktion übernehmen und für Ordnung im Markt sorgen. Im schlechtesten Fall ist er nur ein weiteres Mitglied der Klimaneutralitäts-Community, das mitverdienen will.
Was, wenn wir das Ziel nicht einhalten?
Auf meiner Telefonliste bin ich inzwischen weit unten angelangt. Die Adresse von Bayern Innovativ, einer landeseigenen Agentur zur Förderung von Technologie und Start-ups in Nürnberg, steht darauf. Ein fränkisch-bayerischer Think-Tank sozusagen. Ich erreiche Oliver Mayer, Professor und Elektroingenieur, 62 Jahre alt. Er hat den abgeklärten Blick eines altgedienten Fahrensmanns, war Ingenieur bei Industriekonzernen wie General Electric und dem Maschinenbauer Krauss-Maffei. «Die Herangehensweise ‹Ich muss alles messen. Ich muss alles verstehen› ist nicht beherrschbar», räumt Mayer auf meine Kaminfrage ein.
Auch die menschliche Psyche ist ihm nicht fremd: «Es ist gar nicht notwendig, dass wir das 1,5-Grad-Ziel auf den Prozentpunkt genau hinbekommen. Aber der Mensch liebt es eben, wenn er ein Ziel hat. Dann unternimmt er alles dafür, es einzuhalten.» Und was passiert, wenn nicht? «Wir können das Ergebnis nicht exakt vorhersagen», antwortet Mayer, «aber wir haben das Wissen dafür, entscheidende Hebel zu identifizieren und in die richtige Richtung zu wirken.» Den Weltuntergang prophezeit er nicht. Aber das Leben werde eben nicht einfacher, wenn keiner etwas unternehme, sagt Mayer und zieht einen bildhaften Vergleich: «Was ist ein Haus anderes als eine Klimahülle, die gegen Nässe und Kälte schützt? Wir müssen inzwischen eine Menge Geld ausgeben, um uns darin unser eigenes Klima zu schaffen.»
Was bleibt nach diesen Wochen voller Fragen, Telefonaten und Schweigen? Dass Klimaneutralität auch ein Glaubenskonstrukt ist, auf das sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft verständigt haben. Die Aufklärung hat noch nicht eingesetzt. Wer nicht mitbetet, gilt als Ketzer. Ob mein Kamin, die Apple-Uhr oder die grünlackierte Bahn – am Ende sind es Geschichten, die uns erzählt werden, es sind keine Wahrheiten in Stein gemeisselt. Vielleicht ist es deshalb ehrlicher, Klimaneutralität nicht als göttliches Gebot zu sehen, sondern als offenen Versuch, eine Veränderung, die uns vor ungeahnte Probleme stellt, ein Stück hinauszuschieben. Ich nehme für mich mit: Misstrauen gegenüber den Untergangspropheten ist kein Klimaleugnen – sondern die Voraussetzung, dass wir nicht blindlings dem nächsten Ablasshandel hinterherlaufen.