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«Alles, was schnell ist»

Andrea Ferraresi, Designchef von Ducati, über die Ästhetik der Geschwindigkeit, die Philosophie der Evolution und die Frage, welches Motorrad er noch designen möchte.
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Der Weg für Besucher in die Designabteilung des legendären Motorradherstellers Ducati in Bologna führt am Museum auf dem Werksgelände vorbei. Das ist durchaus eine schöne Metapher. Denn gerade für gutes Design gilt der Satz der Schriftstellerin Maya Angelou: «If you don’t know where you’ve come from, you don’t know where you’re going.» Im Museum kann man die Geschichte von Ducati gewissermassen abschreiten: Sie fängt 1926 an mit den ersten Rundfunkempfängern der Società Scientifica Radiobrevetti Ducati der Brüder Adriano, Bruno und Marcello Ducati. Nach dem Krieg, 1946, beginnt die Zeit des Zweirads mit dem Cucciolo (italienisch für Welpe), einem kleinen Hilfsmotor für Fahrräder, und daraus entsteht eine Motorradmarke, die heute wie kaum eine andere für schöne, schnelle Maschinen steht. Seit über zwanzig Jahren sorgt Designchef Andrea Ferraresi mit seinem Team dafür, dass Ducati sich im Bewusstsein für die eigene Geschichte sich stetig weiterentwickelt.

MARCOCAMPELLI
«Ein Motorrad ist schwieriger zu designen als ein Auto»: Ingenieur Andrea Ferraresi.
MARCOCAMPELLI

 

Weltwoche: Signor Ferraresi, Sie sind offensichtlich fasziniert von Geschwindigkeit. War das schon immer so?

Ferraresi: Ja, absolut. Ich bin wenige Kilometer von hier aufgewachsen, im Herzen des «Moto Valley». Wenn man von dort kommt, ist es fast unnatürlich, wenn man nicht von Geschwindigkeit fasziniert ist. Ich bin ein typischer Italiener aus dieser Gegend. Mit vierzehn hatte ich mein erstes Moped, dann ein 125er-Motorrad. Mit vierzehn hatte ich diesen Traum: Mein Vater besass eine Vespa, und ich erinnere mich, wie ich mich auf die Vespa setzte und dort stundenlang sass – und darauf wartete, dass ich endlich den Führerschein machen durfte. Mit dieser Vespa hatte ich dann auch meinen ersten Sturz. Wer Motorrad fährt, stürzt irgendwann – das gehört dazu.

 

Weltwoche: Danach kamen die Flugzeuge?

Ferraresi: Genau. Erst Autos, dann Motorräder, dann Flugzeuge. Mein Onkel war Kampfpilot – wie in «Top Gun». Er war mein Held. Mit zehn, fünfzehn Jahren wollte ich Pilot werden. Deswegen bin ich Luftfahrtingenieur geworden, fasziniert von Flugzeugen. Aber das Motorrad habe ich nie vergessen. Deshalb habe ich mich auf die Aerodynamik von Fahrzeugen spezialisiert. Ich war ein Jahr bei Ferrari und habe dort ein Projekt im Windkanal entwickelt. So hängt alles zusammen.

 

Weltwoche: Von Ihnen stammt der Satz, «eine Ducati muss schnell aussehen, selbst wenn sie steht». Wie macht man Geschwindigkeit sichtbar?

Ferraresi: Das Element der Geschwindigkeit muss in allem präsent sein. Normalerweise beginnt man beim Design eines Fahrzeugs mit den Proportionen, arbeitet dann an den Formen und schliesslich an den Details. Ein Motorrad muss zunächst kompakt wirken. Manchmal sogar klein. Wenn Ihr Gehirn etwas Kompaktes sieht, assoziiert es das mit Schnelligkeit. Dann kommen die Formen: Schauen Sie sich die Panigale an – eine sehr schmale, hochgezogene, spitz zulaufende Front. Das erinnert an ein schnelles Objekt. Und schliesslich die Details: Oberflächen und Radien. Wenn Sie etwas mit vielen Kanten sehen, wirkt es nicht schnell. Alles, was schnell ist – Tiere, Flugzeuge oder Autos –, hat weiche, stromlinienförmige Oberflächen. Wenn man etwas Weiches und Stromlinienförmiges sieht, kommuniziert es sofort: Das ist schnell.

 

Weltwoche: Wie wichtig ist die Aerodynamik?

Ferraresi: Ducati ist heute führend in der Motorradaerodynamik. Wir arbeiten eng mit unseren Kollegen unseres Rennteams Ducati Corse zusammen. Aber es geht nicht nur um Performance bei Superbikes. Auch bei der Multistrada investieren wir viel Zeit in dieses Thema, da geht es um Kühlung, Komfort und Aeroakustik.

 

Weltwoche: Warum Kühlung?

Ferraresi: Wärme ist ein echtes Problem, besonders bei einem Modell wie der Multistrada mit ihrer aufrechten Sitzposition und der enormen Leistung. Wenn Sie einen ganzen Tag bei Hitze fahren – in Süditalien oder Spanien zum Beispiel –, ist die Wärme Ihr Problem Nummer eins und kann schnell Ihren Urlaub ruinieren. Wir verbringen viel Zeit damit, zu prüfen, wohin die heisse Luft vom Kühler geht, damit sie nicht zum Fahrer aufsteigt, sondern nach aussen abgeleitet wird. Das hat einen grossen Einfluss auf die Gesamtform des Motorrads.

 

Weltwoche: Wie viel Prozent des Designs werden durch die Aerodynamik bestimmt?

Ferraresi: Das hängt vom Modell ab. Bei einer Panigale resultiert die Hälfte des Stils aus aerodynamischen Anforderungen. Bei der Multistrada sind es vielleicht 30 Prozent.

 

Weltwoche: Was macht Ducati einzigartig?

Ferraresi: Wenn wir ein Motorrad verkaufen, verkaufen wir nicht einfach ein Motorrad. Wir verkaufen eine Art Eintrittskarte – die Möglichkeit, Teil der Familie, ein Ducatista zu sein. Und das ist übrigens kein rein italienisches Phänomen. Wir haben Klubs auf der ganzen Welt. Wenn Sie zu einem Ducati-Klub in Austin, Texas, gehen oder in Melbourne, Australien, oder hier: Der Geist ist überall derselbe. Alle sind unglaublich stolz, Ducatisti zu sein. Man hat keine Ducati – man ist ein Ducatista.

 

Weltwoche: Was ist schwieriger zu designen: ein Auto oder ein Motorrad?

Ferraresi: Ein Motorrad zu designen, ist schwieriger. Es ist viel kleiner, und alles ist sichtbar. Von zehn Stunden, die wir in das Design eines Motorrads investieren, verbringen wir sieben mit den technischen Bauteilen, die alle offen sichtbar sind. Beim Auto gibt es Exterieur- und Interieurdesigner, Farb- und Materialdesigner. Bei uns muss ein Designer beides gleichzeitig sein – Exterieur- und Interieurdesigner, weil wir uns sowohl um die Oberflächen als auch um jedes technische Detail kümmern müssen. Und wenn die Technik so sichtbar ist, gibt es natürlich viele Diskussionen zwischen Ingenieuren und Designern. Das ist unser Erfolgsgeheimnis: Die Designer haben echte technische Kompetenz, und die Ingenieure wollen das schönste Motorrad der Welt bauen.

 

Weltwoche: Und das leichteste . . . ?

Ferraresi: Absolut. Wir sind Besessene, wenn es darum geht, das letzte Gramm zu sparen. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Die Panigale V4 war komplett fertig. Dann stellten wir fest, dass wir den Tankdeckel noch optimieren konnten. Also liessen wir ihn aus einem Aluminium-Billett fräsen, statt ihn zu giessen. Ersparnis: sechzehn Gramm! Im Ducati-Museum sehen Sie eine Vitrine, in der dieser gefräste Wasserdeckel ausgestellt ist. Das sagt alles über unsere Philosophie.

 

Weltwoche: Bei Autos wird Licht immer wichtiger. Und bei Motorrädern?

Ferraresi: Wir waren die Ersten, die Tagfahrlicht an einem Motorrad eingeführt haben. Wir erachten Beleuchtung als sehr wichtig, auch als Erkennungsmerkmal der Marke. Wenn wir ein Motorrad designen, stelle ich mir immer vor: Eine Ducati kommt dir entgegen – du musst sie sofort erkennen. Oder sie erscheint in deinem Rückspiegel – du musst sofort sehen, dass das eine Ducati ist. Deshalb ist die Form der Scheinwerfer so wichtig. Gleichzeitig gilt eine unserer goldenen Designregeln: Essentialismus. Das beleuchtete Logo, aufwendige Lichtinszenierungen – das ist nicht Ducati. Wir halten das Design für essenziell.

 

Weltwoche: Was inspiriert Sie als Designer?

Ferraresi: Wir nehmen Inspiration von überall. Aus der Natur natürlich, aus Flugzeugen – aus allem, was schnell ist. Aber ehrlich gesagt, nehmen wir die meiste Inspiration aus unserer eigenen Geschichte. Im Ducati-Museum findet man bereits unendlich viel Inspiration. Unser evolutionäres Design ist in gewisser Weise auch revolutionär. Ich denke, wir schöpfen sehr viel aus unserer Vergangenheit.

 

Weltwoche: Lassen Sie uns über die Diavel sprechen. Es gibt kein vergleichbares Motorrad auf der Welt. Wie ist die Idee entstanden?

Ferraresi: Bei Ducati gibt es zwei Wege, wie ein neues Motorrad entsteht. Beim ersten identifiziert die Produktabteilung eine Möglichkeit in einem neuen Segment. Und dann gibt es einen Weg, der nirgendwo geschrieben steht: Eine Idee entsteht einfach. Bei der Diavel kam sie aus der Designabteilung. Der Projektname war «Big Monster». Wir wollten die Ducati unter den Cruisern bauen. Wir haben uns vorgestellt: Nimm das ikonische Modell Monster, schick es in die USA, lass es ins Fitnessstudio gehen und Muskeln aufbauen. Zusätzlich haben wir die DNA verschiedener Motorradtypen kombiniert. Die Diavel war ein komplett designgetriebenes Projekt.

 

Weltwoche: Welches Motorrad haben Sie noch nicht designt?

Ferraresi: Was mich wirklich reizen würde, ist, ein Rennmotorrad komplett von Grund auf neu zu denken. Oder nehmen wir die Elektrifizierung: Wenn der Verbrennungsmotor und der Tank wegfallen, die für Ducati so wichtig sind – der Klang des Motors, die Form des Tanks –, müsste man das Motorrad komplett neu gestalten. Das wäre faszinierend.

 

Weltwoche: Sehen Sie eine Zukunft für elektrische Motorräder?

Ferraresi: Ehrlich gesagt, sind sie bisher kein grosser Erfolg. Es gibt allerdings ein Segment, das vielversprechender für diese Technologie ist als alle anderen: Offroad. Das funktioniert aus zwei Gründen: Man fährt bei einem Motocrossrennen nur zwanzig Minuten, weil es für die Fahrer so anstrengend ist. Die begrenzte Reichweite ist also kein Problem. Oder stellen Sie sich vor, Sie fahren Enduro in einem Wald. Kein Lärm, keine Emissionen – ein stiller Motor in der Natur, das ist doch perfekt.

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