Jeder kennt die Szene: Ein Obdachloser im Tram, höflich, fast altmodisch im Ton, fragt: «Häsch Stutz?»
Ich sage, wie immer, sorry – nein.
Dann lächelt er, wünscht mir einen schönen Abend, kein Groll, kein Jammern – und da geht er weiter, zu einem anderen Fahrgast.
Ein stilles Ritual, wie es Zürich früher gepflegt hat.
Doch dieses Jahr ist anders.
Ich weiss nicht, ob es an einer neuen Droge liegt oder an einer alten Gleichgültigkeit. Aber die Gesichter haben sich verändert.
Jünger, leerer, kantiger. Zähne fehlen, Blicke flackern, Bewegungen sind fahrig. Manche wirken, als wären sie gestern noch Schüler gewesen.
Ich bin kein Statistiker. Ich zähle keine Konsumenten. Ich gehe einfach durch die Stadt – und was ich sehe, irritiert mich.
Im Niederdörfli sprechen dich Dealer an, als wollten sie dir einen Stadtplan verkaufen.
Bei der Bäckeranlage sitzen sie auf Parkbänken, unauffällig, bis man genauer hinsieht.
Und am Hauptbahnhof, Gleis 3, mitten im Pendlerstrom, hocken sie auf dem Bänkli und ziehen eine Linie ein.
Niemand sagt etwas.
Nur Kinder schauen stumm, ihre Eltern ziehen sie hastig weiter.
Securitas gehen vorbei, ohne hinzusehen – als wäre das alles schon lange Teil des Stadtbilds.
Ich frage mich, warum Kioske Glasröhrchen verkaufen, die aussehen, als kämen sie aus einem Chemielabor.
Hier liegen frische Zeitungen – NZZ, der Tages-Anzeiger –, falls sie überhaupt noch jemand kauft. Und gleich daneben, diskret im Regal: die Glaspfeifen.
Ich frage mich, warum die Stadt Zürich so tut, als sei das alles normal. Fast gilt auch hier das amerikanische Motto: Don’t ask, don’t tell.
Am Sonntagnachmittag gehe ich die Langstrasse entlang. Zwei Gestalten liegen auf dem nassen Pflaster, neben einer Pfütze, in der sich das Neonlicht der Bars spiegelt.
«We love drugs» steht in grellem Blau an einer Wand.
Ein Polizeiauto fährt vorbei, langsam, ohne Eile, ohne Blaulicht – und fährt weiter. Business as usual, scheint es.
Die Szene am Hauptbahnhof lässt mich nicht los. Gleis 3.
Sie warten dort auf einen Zug – nicht Richtung Winterthur, sondern Richtung Vergessen. Auf einen Atemzug, der vielleicht der letzte ist.
Und ich frage mich, ob ihr Zug nicht schon längst ohne sie abgefahren ist.
Noch ist Zürich nicht Los Angeles. Noch gibt es keine Zeltstädte, keine Fentanyl-Zombies.
Aber der Rauch liegt schon in der Luft. Und er riecht nach mehr als nur nach verbranntem Stoff.
Er riecht nach Zürich. Nach Züri, das brännt.
Dieser Text erschien zuerst auf dem Online-Portal Inside Paradeplatz. Wir bedanken uns für die Genehmigung zum Zweitabdruck bei Herausgeber Lukas Hässig.