Ein offizieller Untersuchungsbericht zur britischen Corona-Politik erhebt schwere Vorwürfe gegen die damalige Regierung von Premier Boris Johnson. Die Massnahmen gegen die Pandemie seien «zu wenig, zu spät» erfolgt, berichtet der britische Guardian. Eine frühere Reaktion, so heisst es im über 750 Seiten starken Report, hätte in der ersten Welle bis zu 23.000 Menschenleben retten können.
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Die Untersuchung beschreibt insbesondere den Februar 2020 als «verlorenen Monat», in dem Warnsignale aus Ländern wie Italien ignoriert wurden. Johnson selbst habe in dieser Zeit nicht ein einziges Mal die Krisensitzung des Cobra-Komitees geleitet – und sei während der entscheidenden Tage im Landsitz Chevening nicht einmal über das Virus informiert worden.
Kritik trifft neben Johnson auch seinen damaligen Berater Dominic Cummings. Dieser habe eine «Kultur der Angst» im Regierungssitz verbreitet. Entscheidungsprozesse seien von Lautstärke statt Fachverstand geprägt gewesen – Frauen seien systematisch übergangen worden.
Der Bericht zeigt, dass die Einführung eines Lockdowns zwar notwendig gewesen sei, dieser aber zu spät kam und dadurch eine Eindämmung des Virus entscheidend erschwert wurde. Auch spätere Öffnungen im Sommer 2020, die auf Druck von Ex-Finanzminister Rishi Sunak zustande kamen, werden als «unweise» kritisiert. Die Lockdowns hinterliessen «nachhaltige gesellschaftliche Narben», insbesondere bei Kindern.
Die Kritik beschränkt sich nicht auf Westminster: Auch die Regierungen Schottlands, Nordirlands und Wales hätten «Fehleinschätzungen und Verzögerungen» zu verantworten. Kommunikationsprobleme zwischen den Landesteilen seien zusätzlich hinderlich gewesen.