Manchmal erledigt sich Transparenz ganz leise. Ohne Gesetz. Ohne Verbot. Einfach, indem man sie für «noch nicht reif» erklärt. Genau das hat jetzt das Statistische Bundesamt getan. Vorläufige Insolvenzzahlen für Deutschland? Gibt es von diesem Jahr an nicht mehr. Begründung: fehlende «methodische Reife».
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Ein wunderbarer Ausdruck. Klingt nach Biounterricht. Nach Pubertät. Nach Zahlen, die erst noch zu sich selbst finden müssen. Offenbar braucht die Insolvenzstatistik jetzt Therapie, Coaching und einen geschützten Raum, bevor sie wieder an die Öffentlichkeit darf.
Dumm nur: Die Wirklichkeit hält sich nicht an pädagogische Konzepte. Die Firmenpleiten steigen in Deutschland – und zwar rasant. Das weiss jeder, der hinschaut. Und zum Glück schauen nicht alle weg. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle zählt weiter. Monat für Monat. Ohne staatlichen Schonraum, aber mit belastbaren Daten. Ergebnis: 1519 Insolvenzen im Dezember. 49 pro Tag. Feiertage eingerechnet. 75 Prozent mehr als im Durchschnitt der Vor-Corona-Jahre. Wer da noch von «unreifen Zahlen» spricht, hat ein sehr eigenes Verhältnis zur Realität.
Die letzte vorläufige Veröffentlichung des Bundesamts bestätigt diesen Trend sogar. Auch dort: zweistellige Zuwächse, klare Signale, keine Überraschungen. Nur will man diese Signale künftig nicht mehr monatlich senden. Die Zahlen stimmen – sie stören nur.
Natürlich, heisst es von der Behörde, liefere man weiterhin endgültige Daten. Später. Viel später. Etwa ein halbes Jahr nach dem Insolvenzantrag. Wenn der Betrieb abgewickelt ist, die Mitarbeiter entlassen, die Gläubiger erledigt. Statistik als Grabrede. Korrekt, aber folgenlos.
Man muss kein Freund von Verschwörungstheorien sein, um den Verdacht zu hegen, dass Schweigen manchmal bequemer ist als Zählen. Wenn das Thermometer hohes Fieber anzeigt, kann man es auch einfach weglegen. Der Patient wirkt dann ruhiger – bis er umkippt.
Insolvenzen sind kein Betriebsunfall, kein Randthema, kein Zahlenspiel. Sie sind der ehrlichste Indikator für den Zustand einer Volkswirtschaft. Sie zeigen, wer den Zinsanstieg nicht überlebt, an der Bürokratie erstickt oder an Energiekosten zerbricht. Wer diese Zahlen verzögert, beschönigt nichts – er vernebelt.
Der eigentliche Skandal sind nicht vorläufige Zahlen, die Unschärfen enthalten können. Der Skandal ist das organisierte Wegsehen. Eine Wirtschaft braucht Frühwarnsysteme, keine statistischen Wattepäckchen. Wer nur noch zählt, wenn alles vorbei ist, betreibt keine Aufklärung – sondern Nachlassverwaltung.