Der Verband der Bahnindustrie (VDB) warnt in einem internen Papier vor einem drohenden Kollaps des deutschen Schienennetzes. Wie gravierend die Lage ist, bleibt unklar – offenbar fehlen selbst der Bahn belastbare Daten. Im «Management Summary» vom 5. November 2025, das der Bild-Zeitung vorliegt, heisst es: «Wir brauchen eine valide Datengrundlage, die die Realität abbildet.»
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Sicher ist: Die Infrastruktur ist vielerorts marode. Vor allem Oberleitungen verrotten seit Jahren. Ohne rasches Gegensteuern drohten «sicherheitskritische Situationen». Tausende Kilometer erreichen ihre technische Lebensdauer von 75 Jahren und müssten ersetzt werden. Der VDB beziffert den notwendigen Austausch auf 1125 Gleiskilometer pro Jahr bis 2045 – insgesamt 22.000 Kilometer. Doch Baukapazitäten fehlen. Die Branche sei «zu 100 Prozent ausgelastet», teils sogar im «Stillstand», weil Projekte kurzfristig gestoppt würden. Planbarkeit? Gering.
Auch beim Klimaschutz wachsen die Zweifel. Das Ziel, 65 Prozent des Netzes bis 2025 zu elektrifizieren, sei «nicht mehr zu halten». Die Vision einer klimaneutralen Bahn 2040 sei «stark gefährdet». Beim Ausbau hinkt Deutschland weit hinterher: 2025 gehen lediglich vier Projekte mit 44 Kilometern neuer Strecke in Betrieb, während das Strassennetz um rund 9000 Kilometer wächst. Seit 2016 entstanden nur 540 Kilometer zusätzliche Schienenstrecke; 80 Prozent der Projekte seien noch nicht im Bau.
Die Bahn räumt ein: Die Infrastruktur sei «zu alt, zu voll und zu störanfällig». Man wolle das Netz modernisieren, aber «finanzierbar» und mit beherrschbaren Auswirkungen für Kunden. Bahn und Industrie wollen nun eine gemeinsame Datenbasis schaffen. Das Verkehrsministerium betont, man setze einen Schwerpunkt auf Sanierung: Von 170 Milliarden Euro Investitionen flössen mehr als 100 Milliarden in die Schiene.