Aufrüsten mit der «Friedenspartei». Das grüne Urgestein Joschka Fischer legt seine Sicht zur «neuen Weltlage» in einem aktuellen Interview mit dem Tagesspiegel dar, und dabei wird deutlich: Die Grünen und der Frieden – das war einmal. Fischer will die europäische Atombombe. Und beim Wehrdienst wäre er heute natürlich auch dabei. Im Interview sagt er: «Als junger Mann würde ich mich freiwillig melden. Die Zeit ist eine andere. Wir werden bedroht. Wir müssen uns verteidigen.» Auf die Frage: «Auch nuklear?» antwortet der ehemalige Aussenminister der Bundesrepublik mit den Worten: «Ich hielte es für einen grossen Irrtum, wenn Deutschland die atomare Bewaffnung als nationale Herausforderung sähe.»
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Mit anderen Worten: Soll sich Deutschland doch die Atombombe besorgen – ob Zwei-plus-vier-Vertrag aus dem Jahr 1990, ob Atomwaffensperrvertrag aus dem Jahr 1975: Was spielt es schon für eine Rolle, dass sich Deutschland vertraglich verpflichtet hat, auf die Herstellung, den Besitz und die Verfügungsgewalt von atomaren Waffen zu verzichten? Neues Spiel, neues Glück, neue Zeit, neue Regeln – Verträge hin, Verträge her. Schliesslich: Da ist doch Russland, das einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt und ganz Europa bedroht – in den Köpfen der Kalten Krieger.
Die Einlassungen Fischers lassen tief blicken. Im Alter von 77 Jahren lässt es sich offensichtlich leicht davon sprechen, wozu man alles bereit wäre, wenn man denn heute – schön theoretisch – jung wäre. Dann hiesse es: Wehrdienst! Selbstverständlich! Während des Golfkriegs 1991 war von Fischer laut Spiegel zu vernehmen, der Vorwurf, sich zu drücken, «ist nicht ehrenrührig, der adelt». Andere Zeit, andere Worte – oder wie? Fischer steht seiner Partei in nichts nach. 1990 hiess es vonseiten der Grünen noch: «Mit uns für ein Deutschland ohne Armee.» Oder in den achtziger Jahren: «Gewaltfreie Verteidigung», «Abrüsten statt nachrüsten», «Keine Atomraketen in Europa». Gewiss: All das ist lange her. Aber etwas Rückbesinnung würde den deutschen Grünen guttun, denn: Für den aktuell grassierenden oliv-grünen Militarismus gibt es keinen Grund – zumindest nicht dann, wenn man Frieden will.