Der Mainzer Historiker Andreas Rödder warnt vor einer «Überforderung der liberalen Demokratie». Im Gespräch mit der NZZ kritisiert er sowohl die linke Identitätspolitik als auch die rechtspopulistische Gegenbewegung.
«Zugespitzt kann man sagen, dass sich in den Augen vieler Linker die Qualität der liberalen Demokratie an der Anzahl Queer-Klubs pro Quadratkilometer misst», so CDU-Vordenker Rödder. Aus einer Bewegung der Toleranz sei ein staatlich gefordertes «Bekenntnis» geworden. Dies habe eine Gegenbewegung ausgelöst, die sich ihrerseits von den Prinzipien der Demokratie entferne.
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Besonders problematisch findet Rödder, der die Denkfabrik «Republik 21 für neue bürgerliche Politik» leitet, die woke «Deutungshoheit» über Fragen wie Migration, Geschlecht oder Klima.
Wer etwa Universitätsvorträge über biologische Geschlechter verhindere, überschreite den Rahmen legitimer Debatten. Der Historiker sieht darin die Ursache für den politischen «Pendelschlag nach rechts» – von Trump über Orban bis zur AfD.
Auch geopolitisch habe die Überdehnung der liberalen Demokratie Folgen. Die postmodernen Ideen von Foucault und Derrida hätten westliche Gesellschaften ihres Selbstbewusstseins beraubt, während rechtspopulistische Bewegungen teils Putin-freundlich agierten. Dass Kritik an Wokeness am Ende auf Putins Konto einzahlt, sei «ein kühner intellektueller Move», betont Rödder.
Mit Blick auf Europa diagnostiziert er Fehler: Die Nato habe 2008 der Ukraine eine Mitgliedschaft versprochen, ohne Schutz bieten zu können – die «schlechtestmögliche Variante». Deutschlands Energiepolitik mit Nord Stream 2 bezeichnet er als Ausdruck «knallharter nationaler Egoismen».
Trotz aller Probleme zeigt sich Rödder vorsichtig optimistisch. Europa habe zwar aktuell weder wirtschaftlich noch militärisch die Kraft, ohne die USA zu bestehen, doch politische Führung könne schnell Kräfte freisetzen. «Die Dinge sind weniger in Stein gemeisselt, als wir glauben», sagt er mit Blick auf die jüngste europäische Geschlossenheit im Ukraine-Krieg.