Wo Deutschland noch funktioniert, trägt man Krawatte – und baut zum Beispiel Fräsmaschinen
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Wo Deutschland noch funktioniert, trägt man Krawatte – und baut zum Beispiel Fräsmaschinen

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Wer wissen will, wie das noch funktionierende Deutschland aussieht, sollte nicht nach Berlin fahren. Man fährt besser in Schwäbische. Nach Gosheim. Zur Maschinenfabrik Berthold Hermle AG.

Hermle liegt da, wo man nicht zufällig landet. Und genau das ist der Punkt. Wer hier arbeitet, meint es ernst. Krawatte, dunkles Jackett – und keine Zeit. Weil man gerade mit Kunden spricht. Oder Maschinen verkauft. Oder beides zugleich. Hermle eilt von Rekord zu Rekord – ganz ohne die modischen Begleitgeräusche unserer Zeit.

© KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
CNC Fraesmaschinen in den Fertigungshallen von Phoenix Mecano in Stein am Rhein, fotografiert am 8
© KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER

Die aktuellen Zahlen sprechen eine Sprache, die man im Wirtschaftsministerium in Berlin erst übersetzen müsste, weil sie keiner mehr beherrscht: 487,9 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2024, ein Jahresüberschuss von knapp 66 Millionen Euro. So sieht konservative Stärke in Zeiten aus, in denen andere eher von Risiko reden als von Resultaten. 2025 präsentiert sich – wie man so sagt – «herausfordernd», doch die Prognose der Schwaben signalisiert Stabilität: Trotz eines erwarteten Umsatzrückgangs in einer schwierigen Weltwirtschaft könnte das Ergebnis leicht über dem des Vorjahrs liegen – ein Ausdruck von Anpassungsfähigkeit in global unberechenbaren Märkten. Die Schwaben von Hermle sind keine «Einhörner», haben keine Vision-Decks, sondern bauen Fräsmaschinen, die weltweit gefragt sind. Deutschland ist doch angeblich in der Krise? Bis nach Gosheim scheint sie den Weg nicht gefunden zu haben.

Hermle fräst Metall. Kein KI-Glamour, kein Purpose-Geschwurbel. Der Firmenslogan lautet schlicht: «Besser fräsen.» Marketingberater würden Wochen brauchen, um daraus «Wir gestalten die Zukunft der Präzision» zu machen. Die Schwaben sparen sich das. Ihre Kantine heisst «Verweilzeit». Mehr Poesie braucht es nicht.

Rund 1600 Mitarbeiter arbeiten hier. Mitarbeiter, nicht Mitarbeitende. Nicht aus Trotz, sondern weil sprachpolitische Debatten hier einfach nur die zweite Geige spielen. Wichtig ist etwas anderes: Es sind mehr geworden. Weil Arbeit da ist. Weil Aufträge da sind. Weil man liefert – auch dann, wenn andere in der Lieferkette schludern. Sonderprämien gibt es für gute Leistung auch ohne staatlichen Hinweiszettel. Anerkennung kommt vom Chef. Punkt.

Mehr als 100 Auszubildende lernen bei Hermle zehn Berufe, sieben davon dual, halb in der schule, halb im Betrieb. Prämiert werden Projekte mit Namen wie «Vorbeugende Wartung». Auch das ist schwäbisch. Es heisst übersetzt: reparieren, bevor es kaputtgeht. Nebenbei engagiert man sich ehrenamtlich, unterstützt krebskranke Kinder, fährt Mountainbike für den guten Zweck. Alles ohne Pressekonferenz. Drei Vorstände führen das Unternehmen. Seit Jahrzehnten. Einer heisst Hermle. Die Familie hält rund 35 Prozent der Anteile. Diversität sieht anders aus. Erfolg offenbar nicht.

Hermles Erfolgsformel ist altmodisch und deshalb radikal: Ausbildung, Qualität, Kunden. KI ja – aber nach der Qualitätssicherung. Investitionen ja – aber mit Verstand. Fotovoltaik auf dem Dach, Wärmepumpen im Keller. Nicht weil es verordnet wurde, sondern weil es sinnvoll ist.

Während Deutschland über sich selbst diskutiert, baut man in Gosheim Fräsmaschinen. Vielleicht ist das die unbequeme Erkenntnis: Das funktionierende Deutschland sieht nicht hip aus. Es trägt Krawatte. Und muss jetzt dringend zum Kunden.

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