Wie die reichen Länder die armen ruinieren: Zu Recht fordern die weniger entwickelten Staaten ein Ende der globalen Finanz-Apartheid. Das Problem liesse sich auf zwei Arten lösen
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Wie die reichen Länder die armen ruinieren: Zu Recht fordern die weniger entwickelten Staaten ein Ende der globalen Finanz-Apartheid. Das Problem liesse sich auf zwei Arten lösen

New York

Der Schlüssel zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Überwindung der Armut sind Investitionen. Im Prinzip sollte die Welt als ein zusammenhängendes System funktionieren. Die reichen Länder sollten den armen Ländern, die dringend ihr Human-, Infrastruktur-, Natur- und Wirtschaftskapital aufbauen müssen, reichlich Finanzmittel zur Verfügung stellen. Das Geld sollte von den reichen in die armen Länder fliessen. In dem Masse, in dem die Schwellenländer reicher werden, werden Gewinne und Zinsen als Rendite in die reichen Länder zurückfliessen.

Copyright 2017 The Associated Press. All rights reserved.
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Das ist eine Win-win-Situation. Sowohl reiche als auch arme Länder profitieren davon. Arme Länder werden reicher; reiche Länder erzielen höhere Renditen, als wenn sie nur in ihre eigene Wirtschaft investieren.

Endstation Notaufnahme

Seltsamerweise funktioniert das internationale Finanzwesen nicht so. Reiche Länder investieren hauptsächlich in reiche Volkswirtschaften. Die ärmeren Länder erhalten nur ein Rinnsal an Mitteln, das nicht ausreicht, um die Armut zu beseitigen. Das Problem ist, dass Investitionen in ärmere Ländern zu riskant erscheinen. Das ist richtig, wenn wir die kurze Frist betrachten.

Nehmen wir an, die Regierung eines einkommensschwachen Landes möchte Kredite aufnehmen, um das öffentliche Bildungswesen zu finanzieren. Die wirtschaftlichen Erträge der Bildung sind sehr hoch, aber es dauert zwanzig bis dreissig Jahre, bis sie sich einstellen, da die heutigen Kinder erst dann in den Arbeitsmarkt eintreten. Die Darlehen haben jedoch oft nur eine Laufzeit von fünf Jahren und lauten auf US-Dollars und nicht auf die Landeswährung.

Angenommen, das Land leiht sich zwei Milliarden Dollar, die in fünf Jahren fällig werden. Das ist in Ordnung, wenn die Regierung in fünf Jahren die zwei Milliarden Dollar mit einem weiteren fünfjährigen Kredit refinanzieren kann. Bei fünf Refinanzierungskrediten mit einer Laufzeit von jeweils fünf Jahren verzögert sich die Rückzahlung der Schulden um dreissig Jahre, bis die Wirtschaft genug gewachsen ist, um die Schulden ohne weiteren Kredit zurückzuzahlen.

Zusammenarbeit ist gefragt, statt endlose, zerstörerische und katastrophale Kriege zu führen.

Doch irgendwann wird es dem Land wahrscheinlich schwerfallen, die Schulden zu refinanzieren. Vielleicht werden die Investoren durch eine Pandemie, eine Bankenkrise an der Wall Street oder unsichere Wahlen verschreckt. Wenn das Land versucht, die zwei Milliarden Dollar zu refinanzieren, wird es vom Finanzmarkt ausgeschlossen. Da es nicht genügend Dollars zur Verfügung hat und keinen neuen Kredit erhält, kommt es zu einem Zahlungsausfall, und es landet in der Notaufnahme des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Was dann folgt, ist kein schöner Anblick. Die Regierung kürzt die öffentlichen Ausgaben, es kommt zu sozialen Unruhen, und die Verhandlungen mit den ausländischen Gläubigern ziehen sich in die Länge. Kurzum, das Land wird in eine tiefe finanzielle, wirtschaftliche und soziale Krise gestürzt.

Da sie dies im Voraus wissen, bewerten Rating-Agenturen wie Moody’s und S & P Global die Länder mit einer niedrigen Kreditwürdigkeit, die unter dem «Investment Grade» liegt. Dies hat zur Folge, dass ärmere Länder keine langfristigen Kredite aufnehmen können. Die Regierungen müssen langfristig investieren, aber kurzfristige Kredite zwingen die Regierungen zu kurzfristigem Denken und Investieren. Ausserdem zahlen die armen Länder sehr hohe Zinssätze. Während die US-Regierung für einen Kredit mit dreissig Jahren Laufzeit weniger als 4 Prozent pro Jahr zahlt, muss die Regierung eines armen Landes für einen Kredit mit fünf Jahren Laufzeit oft mehr als 10 Prozent zahlen.

Der IWF seinerseits rät den Regierungen der ärmeren Länder, keine grossen Kredite aufzunehmen, sondern lieber auf Bildung (oder Strom, sauberes Wasser oder befestigte Strassen) zu verzichten, um eine künftige Schuldenkrise zu vermeiden. Die Situation ist untragbar geworden. Der ärmeren Hälfte der Welt wird von der reicheren Hälfte gesagt: Dekarbonisiert euer Energiesystem, garantiert eine universelle Gesundheitsversorgung, Bildung und Zugang zu digitalen Diensten, schützt eure Regenwälder, sorgt für sicheres Wasser und sanitäre Einrichtungen und vieles mehr. Und doch sollen sie all dies mit einem Rinnsal von Fünf-Jahres-Krediten zu 10 Prozent Zinsen erreichen!

Zu Recht fordern die ärmeren Länder ein Ende der globalen finanziellen Apartheid.

Vier Chancen in diesem Jahr

Es gibt zwei Wege, um dies zu erreichen. Der erste besteht darin, die Finanzierung durch die Weltbank und die regionalen Entwicklungsbanken (wie die Afrikanische Entwicklungsbank) etwa zu verfünffachen. Diese Banken können Kredite mit einer Laufzeit von dreissig Jahren und einem Zinssatz von etwa 4 Prozent aufnehmen und zu diesen günstigen Bedingungen an ärmere Länder weiterverleihen. Doch ihre Aktivitäten sind zu klein. Damit die Banken aufgestockt werden können, müssen die G-20-Länder (darunter die USA, China und die EU) viel mehr Kapital in diese multilateralen Banken stecken.

Der zweite Weg besteht darin, das Kreditratingsystem, die Schuldenberatung des IWF und die Finanzverwaltungssysteme der Kreditnehmerländer zu verbessern. Wenn ärmere Länder in die Lage versetzt werden, Kredite für dreissig Jahre statt für fünf Jahre aufzunehmen, werden sie in der Zwischenzeit nicht mit Finanzkrisen konfrontiert.

Die grossen Länder werden in diesem Jahr vier Treffen zum Thema globale Finanzen abhalten: im Juni in Paris, im September in Delhi, ebenfalls im September bei der Uno in New York und im November in Dubai. Wenn sie zusammenarbeiten, können sie das Problem lösen. Das ist ihre eigentliche Aufgabe, anstatt endlose, zerstörerische und katastrophale Kriege zu führen.

Jeffrey Sachs ist Professor und Direktor des Center for Sustainable Development an der Columbia University und Präsident des UN Sustainable Development Solutions Network. www.jeffsachs.org

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