Von Schurkenstaaten spricht man, wenn Regierungen mit einer hohen Inflation oder einer massiven Abwertung ihrer Währungen die Einkommen und Vermögen ihrer Bürger vernichten. Eine hohe Teuerung trifft vor allem die inländische Bevölkerung.
Aber auch Abwertungen führen zu Kaufkraftverlusten, denn Ferien und Einkäufe im Ausland werden teurer, und Investoren, die in einem Abwertungsland investiert haben, müssen ihre Kapitalanlagen wertberichtigen.
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Die gleichen Politiker, die ihre Landsleute enteignen und ihren Wohlstand zerstören, spielen sich aber gerne als Moralapostel auf, wenn ihre Untergebenen versuchen, ihr Geld vor Kaufkraftverlusten zu retten, indem sie ihre Vermögen verstecken oder ins Ausland schaffen. Inflationieren und abwerten sind zudem nicht die einzigen staatlichen Massnahmen, die Einkommen und Vermögen vernichten.
Von dem, was den Bürgern nach den Kaufkraftverlusten noch übrig bleibt, kassieren die Staaten auch noch Einkommens- und vielerorts Vermögens- und Erbschaftssteuern. Diese Steuern führen zu weiteren Kaufkraft- und Vermögenseinbussen. Deshalb verwundert nicht, dass auch Leute aus Hochsteuerländern ihr Geld ins Ausland bringen, um dessen Wert zu erhalten, denn wertlose Vermögen führen im Alter zu einer Notlage.
Wie drastisch die Kaufkraftverluste allein seit der Einführung des Euro, das heisst seit dem 1. Januar 1999, ausgefallen sind, zeigt eine Auswertung der Inflationszahlen in den vergangenen 25 Jahren.
Konnte man Ende 1998 in der Schweiz noch für 100 Franken einen Warenkorb mit einem Inhalt im Wert von 100 Franken kaufen, so erhält man für die damaligen 100 Franken heute nur noch Waren im Wert von 84 Franken. Es gingen somit 16 Franken Kaufkraft verloren. Am besten schneidet bei diesem Vergleich Japan ab, wo die Kaufkraft heute immerhin noch 91 Prozent jener von 1998 entspricht. Aber diese Kaufkraftverluste sind vergleichsweise gering, wenn man sie mit dem Rest der Welt vergleicht.
Nach 25 Jahren beträgt die Kaufkraft des Euro noch 57 Prozent jener von 1998. Innerhalb des Euro erwies sich nicht Deutschland (verbleibende Kaufkraft: 60 Prozent) als Land mit dem geringsten Kaufkraftverlust. Frankreich (62 Prozent), Irland, Finnland, Zypern rangieren noch vor der Bundesrepublik.
Von den Nicht-Euro-EU-Ländern liegen Dänemark und Schweden vor Deutschland. Von den insgesamt betrachteten 80 Ländern, die einigermassen funktionierende Kapitalmärkte aufweisen, haben deren 46 die Kaufkraft ihrer Landsleute seit Ende 1998 mehr als halbiert. Wenn man die 176 vom IWF statistisch erfassten Länder auswertet, dann sind seit 1998 in 31 dieser Länder mehr als 90 Prozent der Kaufkraft verlorengegangen. Da muss man sich fragen, ob solche Schurken-Staaten oder die Kapitalflüchtlinge moralisch höher einzustufen sind.
Viele Regierungen wehren sich nicht gegen Kaufkraftverluste ihrer Bürger, denn der Staat ist meistens der Hauptnutzniesser einer Teuerung. Sie entwertet die staatlichen Schuldenberge. Die Einnahmen nehmen dank Mehrwertsteuern, die auf den nominellen Konsumausgaben basieren, zu, und selbst die Einkommens- und Kapitalertragssteuern steigen dank Inflations-Anpassungen der Löhne und der inflationär aufgeblähten Geschäftszahlen an.
Eine starke Inflation wirkt sich meistens negativ auf die Währungen aus, denn selbst hohe Zinsen vermögen eine Kapitalflucht aus Hochinflationsländern meistens nicht zu bremsen. Auch Währungsverluste werden unterschätzt. Wenn man die Abwertungen der Fremdwährungen zum Schweizer Franken seit Beginn des Euro betrachtet, dann stellt man fest, dass 36 der 53 betrachteten Währungen seit Ende 1998 bis heute mehr als 50 Prozent eingebüsst haben, darunter das britische Pfund mit einer Abwertung von 58 Prozent und der Yen mit einem Minus von 63 Prozent.
Als stabilste Währungen im Vergleich zur härtesten Währung der Welt, dem Franken, erwies sich bis anhin die Tschechische Krone mit einer Abwertung von nur 17 Prozent und der Singapur-Dollar mit einem Abschlag von 35 Prozent. Über 80 Prozent eingebrochen sind neunzehn Währungen. Aber auch die übrigen Leitwährungen haben massiv an Wert verloren, der Dollar 49 Prozent, der chinesische Renminbi 42 Prozent, gleich viel wie der Euro, der seit seiner Gründung zum Franken ebenfalls 42 Prozent entwertete.
Der Euro wurde am 1. Januar 1999 in Kraft gesetzt. Damals versprach man den Bürgern im Gegenzug zur Abschaffung der Deutschen Mark Preisstabilität und Fiskaldisziplin der Regierungen. Diese Versprechen wurden schriftlich, im Maastrichter Abkommen, festgehalten. Aber die Regierungen hielten sich nicht an die vertraglich festgelegten Beitrittsregeln und die Stabilitätsvorschriften. Da sich die Zinsen der damaligen Schwachwährungsländer, die meistens auch mit einer hohen Inflation zu kämpfen hatten, in Richtung der deutschen Tiefzinsen bewegten, wurden viele Staatsrechnungen entlastet. Statt dass die Regierungen diese Zinsersparnisse für die Tilgung ihrer Schulden nutzten, taten sie das Gegenteil. Sie missbrauchten die tiefen Zinsen dazu, noch mehr Schulden aufzunehmen.
Seit Beginn des Euro haben die EU-Länder ihre Schulden fast verdreifacht (Deutschland +112 Prozent, Italien +121, Frankreich +287, Spanien +347 Prozent). Diese Schuldenberge müssen nun verzinst werden. 2024 gaben die EU-Regierungen dafür 335 Milliarden aus. Das sind fast 3000 Euro pro vierköpfiger Familie. Japan und die USA weisen noch höhere Staatschulden in Prozent des BIP aus. Sowohl die riesigen Schuldenberge als auch die Zinslast überlassen die heutigen Regierungen den künftigen Generationen. Deshalb darf man auch solche Staaten ohne grosse Gewissensbisse als Schurkenstaaten bezeichnen.