Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sieht den Krieg in der Ukraine an einem Wendepunkt und wirbt offen für eine Wiederaufnahme direkter Gespräche mit Russland. Der Konflikt habe eine Phase erreicht, in der der militärische Abnutzungskrieg seinem Endstadium nahekomme, sagte Macron in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Europa müsse sich auf diese Lage einstellen und dürfe die diplomatische Initiative nicht allein den USA überlassen. Russland werde geografisch und politisch Teil Europas bleiben, unabhängig davon, wie der Krieg ausgehe.
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Macron betonte, es gehe nicht um Naivität, sondern um strategische Nüchternheit. Ziel sei eine strukturierte europäische Gesprächsführung mit Moskau, mit klaren Mandaten und wenigen Ansprechpartnern. Frankreich habe bereits diplomatische Berater entsandt und technische Gesprächskanäle wieder geöffnet. Ein solcher Dialog dürfe jedoch nicht auf Kosten der Ukraine geführt werden; Druck auf Kiew schloss Macron ausdrücklich aus. Innerhalb Europas stosse der Vorstoss allerdings auf Zurückhaltung, viele Partner hielten den Zeitpunkt für verfrüht.
Der französische Präsident verband seinen Vorstoss mit einer grundsätzlichen Warnung an Europa: «Wenn wir nichts tun, ist Europa in fünf Jahren weggefegt», so Macron. Der Kontinent müsse sich entscheiden, ob er Akteur oder Zuschauer sein wolle. Notwendig sei «ein Austritt aus dem Zustand der geopolitischen Minderjährigkeit», in dem Europa sich zu lange eingerichtet habe.
Deutlich nüchterner fällt die Einschätzung der deutschen Bundesregierung aus. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte, es sei wichtig, dass die Ukraine direkt mit Russland verhandle. Der Austausch von Gefangenen sei der erste seit mehreren Monaten und insofern ein kleiner Fortschritt. Gleichzeitig bleibe in Berlin jedoch der Eindruck bestehen, dass Moskau bislang nicht zu tragfähigen Kompromissen bereit sei. Deutschland fordere Russland auf, von seinen bisherigen Forderungen Abstand zu nehmen und ernsthaft an einer politischen Lösung mitzuwirken.