Javier Milei ist nicht Ludwig Erhard. Auch wenn manche den argentinischen Radikalreformer in die Nähe des deutschen Wirtschaftswunder-Vaters rücken, um zu sagen: «Guckt mal, es geht was, und wir haben das auch schon mal geschafft.» Aber nein, die beiden trennen Zeiten und Welten. Was nicht heisst, dass der Vergleich nicht interessant ist. Es ist wie bei Äpfeln und Birnen: Ich fand den Vergleich schon immer spannender als den zwischen zwei Äpfeln.
Der Argentinier ist ein Fan der Österreichischen Schule, der er noch einen Schuss Anarcho-Kapitalismus hinzufügt. Er propagiert die radikale Liberalisierung: Staatsabbau, Abschaffung der Zentralbank, Privatisierung nahezu aller Bereiche, Deregulierung, Ersetzung des Peso durch den US-Dollar – und sieht den Staat idealerweise lediglich für Sicherheit und Justiz zuständig.
Im Gegensatz dazu steht der Deutsche als Vertreter des Ordoliberalismus in der Tradition der Freiburger Schule. Erhards Modell der sozialen Marktwirtschaft setzt zwar auch klar auf marktwirtschaftliche Freiheit, aber in einem ordnungspolitischen Rahmen, der Wettbewerb schützt und soziale Ausgleichsfunktionen übernimmt. Um es auf den Punkt zu bringen: Milei will die radikale Deregulierung und den minimalen Staat, Erhard den marktfördernden Staat mit klaren Regeln und sozialen Elementen.
Dazu kommt: Milei wirkt wie ein politisches Erdbeben: «Schocktherapie» und «Mega-Dekrete», «Notverordnungen» heissen seine Instrumente. Er spaltet bewusst, nutzt radikale Sprache und die Symbolik mit der «Kettensäge». Damit mobilisiert er eine wütende Basis.
Erhard sah sich dagegen eher wie ein Bauer, der sät und erntet: Währungsreform, keine Preisbindungen mehr, Steuerentlastung und Einführung eines sozialen Sicherheitsnetzes. Über alles wurde gestritten, aber letztlich wurde alles über gewählte Parteien und Gesetzgebungsprozesse umgesetzt. Erhard war ein bedachter Wirtschaftsstratege, der unermüdlich daran arbeitete, eine Mehrheit für seine Reformen zu gewinnen.
Was haben sie erreicht? Javier Milei steckt mittendrin. Seine bisherige Bilanz: massive Einsparungen im Staatsapparat, was allerdings mit der Entlassung von Zehntausenden Angestellten einhergeht, die jetzt auch von etwas leben müssen, Rückkehr zu Haushaltsüberschüssen, Rückgang der Inflation, deutlicher Anstieg des Angebots und fallende Mietpreise.
Ludwig Erhard hat Geschichte geschrieben, die bis heute wirkt. Dank Währungs- und Wirtschaftsreformen blühte Westdeutschlands Wirtschaft auf, Industrieproduktion und Wohlstand stiegen dramatisch an. Das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft ist grundlegender Bestandteil der deutschen und der EU-Wirtschaftsordnung.
Was beide eint? Sie haben den Mut, alles anders zu machen. Es ist wie bei den Äpfeln und den Birnen. Schmackhaft können beide sein. Jedes zu seiner Zeit, und es kommt darauf an, wonach einem der Appetit steht.