Laut der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) waren im Mai 2025 weltweit 416 Atom-Reaktoren mit einer installierten elektrischen Gesamtnettoleistung von etwa 376 Gigawatt (GW) in Betrieb.
Diese produzieren heute rund 10 Prozent des Stroms. Gemäss der IAEA sind derzeit weitere 61 Reaktoren mit einer Kapazität von 64 GW im Bau. Weitere 88 Kernkraftwerke sind in Planung, und 347 sind andiskutiert. In China sind 57 Reaktoren (55 GW) in Betrieb und 28 mit einer Kapazität von 30 GW im Bau. Die durchschnittlichen jährlichen weltweiten Investitionen in Kernenergie lagen in den 2010er Jahren bei lediglich 30 Milliarden US-Dollar.
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Von 2017 bis 2023 stiegen diese auf 50 Milliarden. Eine Verdreifachung der Kernenergiekapazität würde bis 2050 jährliche globale Investitionen von über 150 Milliarden erfordern.
In den USA werden derzeit 94 Kernkraftwerke an 54 Standorten mit einer Kapazität von 97 GW betrieben. 2024 produzierten diese gemäss der US Energy Information Administration (EIA) rund 18 Prozent des gesamten amerikanischen Stroms. Diese Produktion reicht aus, um 72 Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen. Neubauten sind derzeit keine unterwegs. Die letzten neuen Reaktoren, Vogtle Units 3 und 4 in Georgia, kamen 2024 in den kommerziellen Betrieb. Das soll sich nun aber ändern.
Am 23. Mai 2025 hat US-Präsident Trump einen neuen präsidialen Erlass «Reinvigorating the Nuclear Industrial Base» (Wiederbelebung der Nuklearindustrie) unterzeichnet. Dabei ist die Begründung von speziellem Interesse. Die Vereinigten Staaten leisteten in den 1960er Jahren in der Kernenergie-Technologie Pionierarbeit, indem sie 1957 das erste Kernkraftwerk in Betrieb nahmen. Aber es dauerte fast vierzig Jahre, bis die USA die gleiche Menge an Kernenergie-Kapazitäten hinzufügte wie China in zehn Jahren. Die USA ständen nun vor neuen Herausforderungen, sei es der globale Wettlauf um die Vorherrschaft in der künstlichen Intelligenz oder der Ruf nach Energieunabhängigkeit und einer unterbrechungsfreien Stromversorgung.
Trump will den KI-Wettlauf gegen China gewinnen. Der Strombedarf von Rechenzentren wird in den nächsten fünf Jahren weltweit bis 2030 voraussichtlich um 160 Prozent steigen. In den USA soll der Bedarf dafür von 25 GW im Jahr 2024 auf über 80 GW zunehmen. Was Amerika in den nächsten fünf Jahren im Elektrizitätssektor unternehme, werde sich massiv auf die USA der nächsten fünfzig Jahre auswirken.
Die USA hätten allerdings den Anschluss an die Spitze der Nuklearindustrie verloren, denn seit 2017 basierten 87 Prozent der weltweit installierten Kernreaktoren auf Entwürfen zweier anderer Länder. Gleichzeitig sei die Infrastruktur des nuklearen Brennstoffkreislaufs der USA verkümmert, so dass die USA stark von ausländischen Uranquellen, Urananreicherungs- und -konversionsdiensten abhängig geworden seien. Diese Trends dürften sich nicht fortsetzen.
Im Erlass setzt Trump ambitiöse Ziele, diese Fehlentwicklungen rasch zu beheben und den Trend umzukehren. Das Energieministerium soll die Zusammenarbeit mit der Kernenergiebranche forcieren, um die Leistung bestehender Kernreaktoren um 5 GW zu erhöhen und bis 2030 den Bau von zehn neuen Grossreaktoren mit vollständiger Planung zu ermöglichen. Genauere Angaben zu den neuen Kapazitäten liegen nicht vor, aber sie sollen massgeblich dazu beitragen, die Produktionskapazität bis 2050 auf 400 GW zu vervierfachen.
Innerhalb von 180 Tagen nach Erlass dieser Anordnung soll der Energieminister in Abstimmung mit dem Leiter der Small Business Administration und vorbehaltlich der Verfügbarkeit von Mitteln die Finanzierung fortschrittlicher Nukleartechnologien durch Zuschüsse, Darlehen, Investitionskapital, Fördermöglichkeiten und andere Bundeshilfen priorisieren. Vorrang erhalten Unternehmen mit dem höchsten Grad an Design- und Technologiereife und Potenzial für einen kurzfristigen Einsatz ihrer Technologien.
Dazu gehört auch die Bereitstellung von Ressourcen für die Wiederinbetriebnahme stillgelegter Kernkraftwerke, die Steigerung der Leistung bestehender Kernkraftwerke, der Bau neuer moderner Kernreaktoren und die Verbesserung aller damit verbundenen Aspekte der Kernbrennstoff-Versorgungskette. Die Regierung will den verstärkten Einsatz neuer Technologien wie neuartige Reaktoren der sogenannten Generation III+ und IV, modulare Reaktoren und Mikroreaktoren fördern und die regulatorischen und kostenmässigen Markteintrittsbarrieren senken.
Mit diesem Erlass will Trump die USA wieder an die Spitze der globalen Nuklearindustrie zurückführen und den Weltmarkt nicht China, Russland, Japan, Korea und Frankreich überlassen.
Die zeitlichen Vorgaben erscheinen kurz, speziell wenn man sie mit den derzeit diskutierten Planungs- und Bauzeiten von Kernkraftwerken in der Schweiz vergleicht. Die nukleare Stromoffensive der USA könnte das längerfristige Wirtschaftswachstum beflügeln und die militärische und technologische Vormachtstellung der USA stärken, während viele Länder in Europa ihr Know-how auf diesem Gebiet nach und nach verlieren dürften.
Für chronischen Trump-Kritiker: Bereits die Regierung Biden wollte die Nuklearenergie-Kapazität bis 2050 verdreifachen.