Man mag von Wolodymyr Selenskyj halten, was man will: Auf jeden Fall ist er eine der bemerkenswertesten Figuren in der Geschichte des frühen 21. Jahrhunderts. Das kann man jetzt schon sagen. Und er hat sehr viel richtig gemacht in den vergangenen Jahren. Mehr richtig als falsch auf jeden Fall. Sonst wäre er nicht mehr im Amt. Und die Ukraine würde nicht mehr existieren.
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Denn allein dass die Ukraine inzwischen in das fünfte Kriegsjahr geht mit einem Präsidenten Selenskyj an der Spitze, ist ein Erfolg, den die meisten Analytiker dem ehemaligen Schauspieler kaum zugetraut hätten. Doch er hat es geschafft, den militärischen Widerstand der Ukraine zu organisieren, die mitunter müden Verbündeten zu motivieren, Waffenlieferungen einzufädeln, die eigene Bevölkerung zu stärken und sogar den schwer zu berechnenden Donald Trump halbwegs bei der Stange zu halten.
Dass insbesondere in den ersten Monaten des Krieges angesichts Selenskyjs damaliger Omnipräsenz und seines fordernden Auftretens viele genervt waren, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch diese Penetranz war, die dazu beigetragen hat, dass die Ukraine seit vier Jahren den Russen standhält.
Es verwundert daher nicht, dass Russland auch versucht, Selenskyj wegzuverhandeln, also einen möglichen Friedensschluss an den Amtsverzicht des ukrainischen Präsidenten zu koppeln. Es spricht wenig dafür, dass sich Selenskyj selbst oder die Ukrainer auf einen solchen Kuhhandel einlassen werden. Warum auch? Sollte es der Ukraine gelingen, zusammen mit den USA die Russen zu einem Friedensabkommen zu bewegen, bei dem Selenskyj im Amt bleiben kann und die Gebietsverluste sicherheitspolitisch vertretbar sind, wäre das auch der ganz persönliche Sieg des Wolodymyr Selenskyj.