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Was bleibt, wenn es nicht mehr knallt? Gedanken zum 1. August

Der 1. August. Früher war es der Moment, wo sich das Land erinnerte: an Mythen, an Höhenfeuer, an eine Wiese, auf der drei Männer einander ewige Treue schworen. Heute erinnert sich die Schweiz daran, dass sie sich eigentlich erinnern sollte. Und dann diskutiert sie über Feuerwerk.

© KEYSTONE / CHRISTIAN MERZ
Besucher bestaunen bei Bundesfeier der Gemeinde Fischenthal ZH eines der groessten Hoehenfeuer in der Schweiz
© KEYSTONE / CHRISTIAN MERZ

Es ist stiller geworden in diesem Land. Nicht wegen des Friedens, den wir längst als selbstverständlich betrachten. Sondern weil man sich nicht mehr sicher ist, ob der Knall überhaupt noch dazugehört.

«Ein 1. August ohne Feuerwerk ist für viele Schweizerinnen und Schweizer wie Weihnachten ohne Tannenbaum», schreibt der Blick im Editorial. Aber gleich darunter meint jemand: «Feuerwerk hat überhaupt nichts mit Schweizer Tradition zu tun!!!»

Was also ist Tradition? Die Wiederholung eines Geräuschs oder das Einverständnis, dass ein solches nicht mehr notwendig ist? Was ist Heimat – eine Rakete oder ihre Abwesenheit?

Die Schweiz, einst ein Land, das im Stillen gross wurde, beginnt sich vor dem eigenen Lärm zu fürchten. Der Lärm der anderen hat uns nie gefallen. Jetzt stört uns schon der eigene. Vielleicht ist das Fortschritt. Vielleicht ist es nur Müdigkeit.

In Rheinfelden bittet man darum, ganz aufs Knallen zu verzichten. In Uri «darf es knallen», ganz offiziell. Und der Vertreter der Pyroindustrie klagt: «Mit Vulkanen retten wir das Geschäft nicht.»

Vulkane retten keine Geschäfte. Aber in der Schweiz sind sie handlich verpackt, sprühen zwanzig Sekunden lang bunt und produzieren in etwa so viel CO2 wie ein Kleinwagen auf Parkplatzsuche. Vielleicht ist es das, was die Schweiz geworden ist: ein Vulkan mit Sicherheitszertifikat. Sprühend, aber garantiert ohne Folgen.

Früher fragte man am 1. August: Was ist dieses Land? Was macht uns aus? Man sprach von Neutralität, aber ohne sich dafür zu entschuldigen. Heute steht die Schweiz an der Schwelle zur Nato. In Brüssel wartet ein leerer Stuhl, in Moskau ein fragender Blick. In Kiew eine hohle Hand.

Neutralität war einmal ein Konzept. Heute ist sie ein Reflex.

Der 1. August hätte ein Tag der Fragen sein können: Was bleibt von der Schweiz, wenn man das Feuerwerk weglässt? Was bleibt von der Eidgenossenschaft, wenn man sie nicht mehr behauptet? Was bleibt von der Demokratie, wenn man sich jedes Jahr ein bisschen weniger traut?

Der Blick nennt es «Ein Feuerwerk der Demokratie». Die Aargauer Zeitung spricht von «Unart». Die Südostschweiz sorgt sich um Tiere. Und auf dem Rütli? Ach, dorthin verirren sich doch nur diese Ewiggestrigen.

Am 1. August 2025 diskutiert die Schweiz nicht über ihre Rolle in der Welt, sondern über Dezibelgrenzen. Kaum ein Wort über die EU, die Nato, die digitale Kontrolle, die Abhängigkeit von globalen Märkten, den Verlust des Vertrauens in die Institutionen. Kein Wort über Zuwanderung, über die schleichende Fremdheit im Eigenen. Nur: «Knallen – ja oder nein?»

Ein Volk, das so leise wird, dass man den Zweifel hört. Oder ist es schon Verzweiflung?

Es ist ein schönes Land. Vielleicht das schönste. Aber Schönheit reicht nicht. Sie schützt nicht vor Bedeutungslosigkeit.

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