Die AfD ist die neue SPD. Nicht programmatisch, nicht moralisch, aber sozial. Sie ist das geworden, was die SPD einmal war: Anlaufstelle für Leute mit Blaumann, Schichtplan und dem Gefühl, dass Politik grundsätzlich immer die anderen meint.
Die Zahlen sind eindeutig. In Rheinland-Pfalz kommt die AfD auf knapp 20 Prozent, das ist ein Rekord im Westen. Unter Arbeitern liegt sie mit 30 Prozent sogar vor der SPD (26 Prozent). In Bayern wächst sie bei den Kommunalwahlen auf mehr als 12 Prozent und rückt mancherorts zur zweiten Kraft auf. In Baden-Württemberg erringt sie fast 19 Prozent. Das sind also keine Ausreisser mehr, sondern so sieht ein Muster aus.
Thomas Frey/DPA/Keystone
Die SPD war einmal die Partei von Schraubstock und Stechuhr. Heute ist sie die Partei von Haltung und Heizgesetz. Sie spricht über Transformation, ihre ehemaligen Wähler über Strompreise. Sie redet über gesellschaftliche Verantwortung, der Facharbeiter über seine nächste Nebenkostenabrechnung.
Die AfD macht es einfacher. Sie erklärt nicht die Welt, sie vereinfacht sie. Früher musste Politik Probleme lösen. Heute reicht es, Schuldige zu benennen. Migration, Eliten, Amerika, Berlin – fertig ist das politische Menü. Hat die AfD Lösungen? Natürlich nicht. Ihr Wirtschaftsprogramm ist ein Wunschzettel mit Wutrand: billige Energie, starke Industrie, weniger Staat und am besten all das gleichzeitig. Das passt ungefähr so gut zusammen wie Feierabendbier und Diätplan. Aber das ist egal. Ihre Wählerinnen und Wähler erwarten keine konsistente Politik. Sie erwarten, dass endlich jemand ausspricht, was sie für Realität halten.
Und die SPD? Sie weiss es sogar, aber wirkt dabei wie ein Patient mit Diagnoseverweigerung. Ihre Spitzenkraft, Arbeitsministerin Bärbel Bas, erklärt, man müsse über den eigenen Weg reden, betont aber gleichzeitig, die SPD sei «wichtig in diesem Land». Das stimmt. Zahnseide ist auch wichtig. Nur bleibt man damit keine Arbeiterpartei.
Der Westen holt jetzt nach, was im Osten längst passiert ist. Die AfD wächst nicht wegen ihrer Stärke, sondern weil sich die anderen verheddert haben. Arbeiter wählen sie nicht, weil sie überzeugt sind, sondern weil sie sich sonst nirgends vertreten fühlen. Die SPD hat ihre Wähler nicht verloren. Sie hat sie freigestellt.