Wir schreiben den 9. Mai 2005. SVP-Bundespräsident Samuel Schmid steht auf dem Roten Platz in Moskau. Gedacht wird an diesem Tag der mehr als 25 Millionen Menschen in der Sowjetunion, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind.
Der Schweizer Verteidigungsminister zeigt sich ergriffen über den Anlass, der in Moskau dem Sieg über Nazideutschland gilt. Frieden sei «keine Selbstverständlichkeit» und müsse «täglich neu erarbeitet werden», mahnt der Bundesrat.
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Mitte April 2025: In Europa herrscht längst wieder Krieg. Kaja Kallas, EU-Aussenbeauftragte, warnt Staatschefs ausdrücklich davor, nach Moskau zu reisen. Dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic und dem slowakischen Premierminister Robert Fico droht sie inzwischen mit Konsequenzen. Beide planen, an den Gedenkfeierlichkeiten am 9. Mai teilzunehmen.
Wolodymyr Selenskyj, der starke Mann Kiews, geht noch einen Schritt weiter und hat gerade regelrechte Drohungen ausgesprochen. Er könne keine Verantwortung dafür übernehmen, was auf dem Roten Platz geschehe, sagte der ukrainische Präsident.
Moskau und Kiew werfen sich gegenseitig vor, am 9. Mai mit Anschlägen auf dem Roten Platz zu liebäugeln.
Wird die Gedenkfeier zum Sicherheitsrisiko?
Diese Frage zumindest muss sich die Schweiz nicht stellen. Denn aus Bern wird in der russischen Hauptstadt offiziell niemand zu Gast sein. Der Grund ist einfach: Die Schweiz ist nicht mehr willkommen. «Es liegt keine offizielle Einladung vor», sagt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) gegenüber der Weltwoche.
Präsenz zeigen wird die offizielle Schweiz umgekehrt am 9. Mai dieses Jahres dafür zum ersten Mal in Kiew. Dort wird der Schweizer Botschafter Félix Baumann nämlich «an einer Zeremonie teilnehmen», wie das EDA auf Nachfrage bestätigt.
Präsident Selenskyj, der den 9. Mai kürzlich zum «Europatag» erklärt hat, hat seinerseits Staatsgäste eingeladen, um der Opfer des Zweiten Weltkrieges zu gedenken, und dabei Unterstützung erhalten von EU-Funktionärin Kaja Kallas.
Die EU-Aussenbeauftragte hat die europäischen Regierungen unlängst dazu aufgerufen, in die ukrainische Hauptstadt zu reisen. Die Resonanz jedoch blieb bisher aus, selbst von den Staatschefs der engsten Verbündeten der Ukraine sind bisher keine gesicherten Zusagen bekannt – der französische Präsident Emmanuel Macron, der britische Premier Keir Starmer, der deutsche Neokanzler Friedrich Merz und der polnische Premierminister Donald Tusk haben allesamt abgesagt.
Russland wiederum erwartet mehrere Dutzend Mitglieder von Regierungen an dem Grossanlass. Eingeladen sind grossmehrheitlich solche aus den Brics-plus-Staaten. Nicht aber die Schweiz.
Ihr wird in Kiew der rote Teppich ausgerollt, während man in Moskau offenbar als état non grata gilt.
Was soll man davon halten?
«Das ist ein Zeichen dafür, dass die Schweiz für Russland keine besondere Rolle mehr spielt», sagt etwa Yves Rossier, ehemaliger EU-Chefunterhändler der Schweiz und bis 2020 Botschafter in Moskau. In der Wahrnehmung Russlands sei Bern längst Teil des kollektiven Westens, mit dem das Land im Krieg stehe. Der einstige Diplomat verweist etwa auf die Russland-Sanktionen, die die Schweiz eins zu eins von der EU übernommen hat.
Rossier selbst nahm zwischen 2017 und 2020 jedes Jahr an der Militärparade in Moskau teil. Bis 2022 soll man jeweils noch Einladungen erhalten haben. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine nahm üblicherweise ein Schweizer Botschafter an dem Anlass teil.
Anders Krystyna Marty Lang, die heutige Botschafterin der Schweiz in Moskau. Sie wird dem Anlass 2025 fernbleiben. Dass gar ein Bundesrat, wie einst Samuel Schmid, in Russland auftaucht, ist inzwischen ein Ding der Unmöglichkeit. Das dürfte die Quittung für die Schweizer Aussenpolitik der letzten Jahre sein, mit der man die Neutralität mehr und mehr aufgegeben hat.