Bill Gates versucht kurz vor dem Uno-Klimagipfel in Brasilien für sich selber die Klimakurve zu kriegen. Dieser Tage vollzog er eine Kehrtwende und sprach sich öffentlich gegen den Alarmismus aus, wie er für die ganze vom Uno-Weltklimarat geprägte Klimapolitik typisch ist.
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Der Klimawandel, so der bisherige Treibhausgaswarner Gates, werde nicht zum Untergang der Menschheit führen. Deutlich kritisierte er die Weltuntergangsvision, wonach ein katastrophaler Klimawandel die Zivilisation dezimieren werde – mit Hitzewellen, Stürmen, globalem Temperaturanstieg – und die Begrenzung des Temperaturanstiegs zur überragenden Priorität mache.
«Zum Glück für uns alle ist diese Sichtweise falsch», meint er.
Er wechselt damit zumindest teilweise auf eine Argumentationslinie, wie man sie seit je von Alarmismus-Kritikern wie dem dänischen Statistiker Bjørn Lomborg oder dem US-Wissenschaftspublizisten Michael Shellenberger kennt. Und auch von Wissenschaftlern wie Judith Curry oder Steven Koonin, die kürzlich mit Kollegen im Auftrag von US-Präsident Donald Trump die Klimawissenschaften kritisch angeschaut haben.
Der Klimawandel sei ein ernstes Problem, so Gates, aber man habe grosse Fortschritte erzielt. Die Null-Emissions-Marke sei wichtig, aber man dürfe dafür nicht die Mittel für Gesundheits- und Entwicklungs-Programme kürzen, die den Menschen hälfen, widerstandsfähig zu bleiben. Mit 2 bis 3 Grad Erwärmung sei wohl zu rechnen.
Es sei jetzt an der Zeit, das Wohlergehen der Menschen in den Mittelpunkt der Klimastrategien zu stellen, wozu auch die Verbesserung der Landwirtschaft und Gesundheit in armen Ländern gehörten.
Das klingt wie Lomborg, der sich seit Jahren mit der Frage befasst, wie ein Budget von beispielsweise fünfzig Milliarden Dollar pro Jahr einzusetzen wäre, um das Leben der Menschen maximal zu verbessern. Zur Beurteilung fragte er wiederholt einen Kreis von Topwissenschaftlern (Copenhagen Consensus), die ermittelten, welche Investitionen am meisten Nutzen pro eingesetztem Dollar bringen können. Unter den besten Investitionen waren jeweils Immunisierungen, bessere Ernährung, Mutter-Kind-Gesundheit oder Handel. Klimaschutz rangierte weit hinten, es gibt eben wichtigere Probleme auf der Welt.
So argumentiert nun auch Gates. Er fragt: «Wie können wir sicherstellen, dass die Hilfsgelder die grösstmögliche Wirkung für die am stärksten gefährdeten Menschen erzielen? Werden die für den Klimaschutz vorgesehenen Gelder für die richtigen Dinge ausgegeben? Ich glaube, die Antwort lautet nein.» Es passe gut, dass die brasilianische Führung des Uno-Gipfels die Anpassung an den Klimawandel und die menschliche Entwicklung ganz oben auf die Traktandenliste gesetzt habe.
Dann kommt ein Satz, der den Netto-null-Fanatikern und politisierten Wissenschaftlern das Geschäft verdirbt: «Aus Sicht der Verbesserung der Lebensqualität ist ein höherer Energieverbrauch eine gute Sache, da er eng mit dem Wirtschaftswachstum korreliert.» Ein höherer Energieverbrauch sei ein wichtiger Faktor für Wohlstand. Und im Klimawandel helfe vor allem technischer Fortschritt.
Gates geht es auch um die eigenen Geschäfte. Nachdem Trump die Klimapolitik umgekrempelt hat, wird es schwieriger, öffentliches Geld zu erhalten fürs Abwürgen der Wirtschaft durch Emissionsreduktionen. Gates hat bessere Chancen, für seine Engagements in Landwirtschaft und Gesundheit – auch in armen Ländern – Mittel zu mobilisieren, wenn er sich von den Dekarbonisierungs-Fanatikern abwendet.
In der Schweiz gibt es ähnliche Anzeichen. Eine im Auftrag von Avenergy Suisse durch das Institut Sotomo durchgeführte Umfrage deutete kürzlich darauf hin, dass 85 Prozent der Bevölkerung es nicht für wahrscheinlich halten, dass das Netto-null-Ziel bis 2050 erreicht werden kann.