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«Vier Jahre sinnloses Blutvergiessen»: Erich Vad, Brigadegeneral a. D., über den Ukraine-Krieg, die Rolle Deutschlands und warum Frieden mit Russland möglich ist

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«Vier Jahre sinnloses Blutvergiessen»: Erich Vad, Brigadegeneral a. D., über den Ukraine-Krieg, die Rolle Deutschlands und warum Frieden mit Russland möglich ist
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Erich Vad, Brigadegeneral a. D. und ehemaliger militärpolitischer Berater von Angela Merkel, fordert seit Kriegsbeginn in der Ukraine mehr Diplomatie und europäisches Engagement für Frieden. Was er nach vier Jahren Krieg und über einer Million Toten heute sagt.

Herr Vad, vor drei Jahren haben Sie uns ein Interview zum Ukraine-Krieg gegeben und darin eindringlich vor einem sogenannten Abnutzungskrieg gewarnt. Wie sieht es nun aus?

Copyright 2023 The Associated Press. All rights reserved
19Februar 2023: Arbeiter senken in Brovary bei Kiew den Sarg eines 29-jährigen ukrainischen Soldaten in die Erde.
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Wir sehen noch immer einen vernichtenden Zermürbungs- und Abnutzungskrieg. Sämtliche erfolgreichen Offensiven der Ukraine, vor allem 2023, sowie unsere massiven Waffenlieferungen bis zum heutigen Tag haben letzten Endes nichts gebracht. Sie waren zu keinem Zeitpunkt ein medial oft beschworener game changer und konnten die militärische Gesamtlage zugunsten der Ukraine nicht verändern. Dieser Krieg war aufgrund der Kräfteverhältnisse nie auf dem Schlachtfeld zu gewinnen. Unsere Politik der puren Waffenlieferungen ohne Verhandlungen war und ist unsinnig. Das ist nun deutlich zu sehen. Aber weiterhin fallen täglich die Soldaten. Wir sehen vier Jahre sinnlosen Blutvergiessens.

Präsident Selenskyj sprach von 50.000 gefallenen Soldaten.

Ich halte die Zahl für schwer untertrieben. Selbst wenn es sich um die tatsächlich registrierten, freilich nur ukrainischen, Toten handelt, kommen noch all die Vermissten hinzu. Ganz zu schweigen von den Verkrüppelten und schwer Verwundeten. Hinter jedem Soldaten steht zudem eine Mutter, die ihren Sohn, eine Frau, die ihren Mann, ein Kind, das seinen Vater verloren hat. Unter dem Strich bekämpfen und töten sich namenlose ukrainische und russische Soldaten, die nicht das Geld hatten, sich ins Ausland abzusetzen. So wie es Hunderttausende andere getan haben. Allein in Deutschland befinden sich 300.000 ukrainische Männer im wehrfähigen Alter.

Was menschlich zu verstehen ist.

Ja, natürlich. Wer will schon in einen Krieg ziehen, von dem alle wissen, dass es keine militärische Lösung gibt? Aber wenn gleichzeitig über die Entsendung deutscher Soldaten diskutiert wird, ist das hoch unmoralisch. Weil die ukrainische Armee aufgrund Hunderttausender Fahnenflüchtiger nicht mehr genug Soldaten hat, kommt es sogar zu verzweifelten Zwangsrekrutierungen, über die im Westen kaum berichtet wird. Und deutsche Politikerinnen und auch einige Leitmedien befeuern diesen sinnlosen Krieg immer noch. In Debatten, in Talkshows, selbst auf Kirchentagen wird der Krieg angeheizt, von Leuten, die nicht in die Todeszone hineinmüssen und sich das Inferno weder vorstellen können noch wollen.

Und wie sieht es nun, vier Jahre später, in der Ukraine aus?

Das Gebiet der Ukraine ist macht- und wirtschaftspolitisch aufgeteilt. Amerikaner und Russen verhandeln ja seit eineinhalb Jahren. Die Amerikaner haben lukrative Abkommen über Bodenschätze im westlichen Teil abgeschlossen, die Russen sichern sich den östlichen Teil, der industriell eine Schwerpunktregion der Ukraine ist. Europa hat bei alledem nur zugesehen. Ausser dem vielgescholtenen Viktor Orbán in Ungarn ist niemand aktiv geworden. Orbán hat das gemacht, was ich von deutschen Politikern erwartet hätte: Er ist während der EU-Ratspräsidentschaft Ungarns nach Kiew, nach Moskau, nach Peking und nach Washington gereist. Er hat versucht, eine europäische Friedensinitiative auf den Weg zu bringen. Davon gab es ja mehrere. Der Vatikan hat es ebenfalls mehrfach versucht, auch der neue Papst sagt: «Wir müssen endlich raus aus diesem Krieg.» Es gab chinesische und brasilianische Friedensinitiativen. Nur aus Europa und auch Deutschland kam rein gar nichts. Die Europäer waren und sind sogar stolz darauf, nicht mit den Russen zu reden.

Was wären denn die deutschen Interessen?

Ein Land wird angegriffen, man will helfen. Das ist verständlich. Aber warum wir entgegen unserer nationalen Interessenlage für ein anderes Land dermassen all-in gehen, erschliesst sich mir nicht. Wir stellen deutsche Sicherheitsinteressen hintan und nehmen sogar die Eskalation in einen europäischen Krieg in Kauf. Ein möglicher Krieg in Europa, vor allem mit Deutschland als Aufmarschgebiet und logistische Drehscheibe der Nato, würde alles zerstören, was wir uns in den letzten achtzig Jahren aufgebaut haben. Krieg ist aus der deutschen Sicht und aus der Sicht Zentraleuropas überhaupt keine Option.

Stichwort: Operationsplan Deutschland.

Das ist kein Plan, der Deutschland schützt. Das ist ein Plan, wie Deutschland im Rahmen einer Nato-Verteidigung funktionieren soll. Wenn aus diesem Plan Wirklichkeit würde, gingen wir damit in den Untergang. Weil die Aufmarschzentren und Bewegungsachsen, die quer durch Deutschland führen, im Falle eines Krieges auch angegriffen würden. Wir stehen dann flächendeckend unter Feuer. In Deutschland bliebe kein Stein auf dem anderen. Wenn im Kalten Krieg die Abschreckung versagt hätte, wäre von Deutschland nichts mehr übriggeblieben. Es gab zum Beispiel damals diese Wintex-Übungen. Das waren Stabsrahmenübungen der Nato, die das Zusammenspiel zwischen militärischer Verteidigung, Zivil- und Katastrophenschutz im Falle einer nuklearen Eskalation in Europa proben sollten. Helmut Kohl ist als Kanzler aus einer solchen Übung ausgestiegen und hat gesagt: «Schluss damit! Das ist für unser Land nicht tragbar.» Auch Helmut Schmidt hat gesagt: «Das kommt nicht in Frage.»

Und was sagt Kanzler Merz?

Tja, ich habe nichts gehört, und wir hören nichts. Wir Europäer, wir Deutschen befinden uns im wirtschaftlichen Abstieg. Wir sind scheinbar froh, dass die Wirtschaft auf Kriegsökonomie umgestellt wird. Die Kriegsrhetorik verschleiert übrigens viele andere kritische Themen wie zum Beispiel die Migrationskrise der deutschen Innenpolitik oder unseren wirtschaftlichen Abrutsch. Der Umstieg auf Kriegsökonomie ist kurzgedacht und wird am Ende mehr Wohlstand vernichten, als er bringen könnte. Man verspricht sich davon wirtschaftliche Impulse. Diesen Fehler haben wir in den 1930er Jahren schon einmal gemacht. Da hat man die Arbeitslosen auch durch Kriegswirtschaft von der Strasse bekommen – und stand im Ergebnis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kurz vor dem Staatsbankrott.

Was sollte also nun passieren, aus Ihrer Sicht?

Russland wird auch nach dem Ukraine-Krieg nicht von der Landkarte verschwinden und bleibt uns als Nachbar erhalten. Wir müssen – viel dringlicher, als es uns die Amerikaner vorexerzieren – mit den Russen in den Dialog kommen! Die Russen wollten keine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine und keine westlichen Waffen an ihren Grenzen. Sie wollen keine westlichen Soldaten in der Ukraine, und sie wollen ein Mindestmass an Kontrolle über die Ukraine als Pufferstaat gegenüber dem Westen – aus ihrer Sicht betrachtet. So wie die anderen Grossmächte es an ihren Grenzen auch wollen. Deswegen haben die Amerikaner zum Beispiel in Venezuela interveniert. Sie wollten nicht zulassen, dass die Chinesen und Russen dort politisch und wirtschaftlich Fuss fassen. Ähnlich verhalten sie sich aktuell gegenüber Panama oder Grönland. Und darum ging es auch schon 1962 während der Kuba-Krise. Deswegen wird China niemals eine stärkere amerikanische Einflussnahme auf Taiwan oder das Südchinesische Meer akzeptieren. Die Grossmächte stecken ihre Gebiete ab. Sie wahren ihre sicherheitspolitischen und strategischen Interessen. Und das ist Geopolitik. Da geht es um nationale Sicherheit, Interessen und Macht. Nicht um Moral. Und nur wenig ums Völkerrecht.

Mit Blick auf die aktuellen Verhandlungen, haben Sie da Hoffnung?

Ich halte es für durchaus möglich, dass es einen Waffenstillstand geben wird. So wie ich höre, laufen die trilateralen Gespräche gut und konstruktiv. Das wird in deutschen Medien so nicht vermittelt. Mit einer EU-Mitgliedschaft der Ukraine hätte ich hingegen ein grosses Problem. Ich traue den Amerikanern zu, dass sie den Europäern die Sicherheitsgarantien für die Ukraine aufbürden. Wir haben aber im EU-Vertrag die Beistandsverpflichtung, die sogar weitergehend bindet als der Nato-Vertrag. Wenn wir die Ukraine aufnehmen, importieren wir das russische Problem nach Europa. Das könnte Europa sprengen.

Können wir denn die Beziehungen zu Russland noch wiederbeleben?

Ausgeschlossen ist das nicht. Dazu müssen sich natürlich auch die Russen bewegen. Nach 1945 dachte man nach rund 27 Millionen Kriegstoten und einem verwüsteten Land auch, dass das nie wieder was wird. 1955, zehn Jahre später, ist Konrad Adenauer, als Deutschland im Frühjahr in die Nato eintrat, im Herbst nach Moskau gereist. Mit einer starken Delegation von rund 150 Parlamentariern, mit Beratern aus dem Kanzleramt und dem Deutschen Bundestag. Konrad Adenauer hat damals den Grundstein gelegt für die neuen deutsch-russischen Beziehungen. Das führte unter anderem zur Entlassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Von Willy Brandt bis Angela Merkel haben alle deutschen Kanzler einen direkten, wenn auch nicht immer spannungsfreien Draht in den Kreml gehabt. Da müssen wir mit Blick auf unsere Interessenlage wieder hinkommen.

Dieses Interview erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe der Emma.

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