Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Dies galt wohl auch für Ursula von der Leyen, die sich unter dem Eindruck der prächtigen Feierlichkeiten zu Indiens Unabhängigkeitstag schier nicht mehr einkriegen konnte.
Und dann war da das Handelsabkommen – «eine Geschichte zweier Giganten», wie sie triefend vor Pathos lobhudelte, die «Mutter aller Deals». Eine eher unglückliche Wortwahl. War es doch Saddam Hussein, der die Metapher für seine glücklose «Mutter aller Schlachten» prägte.
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Aber die EU braucht dringend einen Erfolg, nun, da sowohl der Deal mit den USA als auch der mit Lateinamerika in der Schwebe ist. Notfalls redet man ihn sich schön.
Zeit, an die Fakten zu erinnern. Der Handel der EU mit Indien macht gerade einmal 2,5 Prozent des gesamten Warenverkehrs der Europäer aus. Gerechnet wird nun mit einer Steigerung um 50 Prozent. Klingt toll, wären dann aber auch nur 3,75 Prozent.
Heikle Themen wie Rohstoffe und Landwirtschaft wurden vorsichtshalber ausgeklammert. Auch der Rest ist noch lange nicht in trockenen Tüchern. Es stehen jahrelange Gespräche über Details und juristische Spitzfindigkeiten an. Und am Ende natürlich die Zustimmung durch EU-Rat und Parlament. Vor 2030 wird sich nichts tun.
Sicher ist, dass Indien mehr Vorteile gewonnen hat. Textilien und Lederwaren werden noch reichhaltiger in die EU strömen. So wie demnächst junge arbeitslose Männer. Dafür sorgt der «One-step Hub». Inder sollen so gut wie ohne Kontrolle in der EU studieren und arbeiten können.
Schlechte Nachrichten birgt das Abkommen für Europas Ärzte und Patienten. Medikamente und Impfstoffe dürften sich drastisch verteuern. Indien produziert 20 Prozent der weltweiten Generika und 62 Prozent der Vakzine. Das war Europas Pharmafirmen stets ein Dorn im Auge. Sie haben sich durchgesetzt: Ihre Patente werden länger gültig bleiben.