Der deutsche Historiker Volker Reinhardt sieht in der aktuellen Weltlage keinen Anlass für Alarmismus. «Nein, überhaupt nicht», antwortet er im Interview mit der NZZ auf die Frage, ob ihm die Gegenwart Sorgen bereite, und warnt vor überzogenen Vergleichen mit den Weltkriegen.
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Geopolitisch erkenne er «keine Konstellation, die auch nur entfernt so mörderisch ist» wie damals. Die oft beschworene «Zeitenwende» hält er für ein menschliches Ordnungsbedürfnis: Geschichte verlaufe nicht in klaren Epochen, sondern sei «immer wieder ein Aufbruch ins Ungewisse».
Auch das vermeintliche Ende der regelbasierten Ordnung relativiert er: In der Politik habe stets das «Gesetz des Dschungels» gegolten, nationale Egoismen seien nur früher besser kaschiert worden. Das Auftreten von US-Präsident Donald Trump sei vor allem eine Akzentverschiebung.
Für die Schweiz sieht Reinhardt historisch bewährte Muster. Der «Schweizer Weg» bestehe aus «einer Mischung aus Selbstbehauptung und Anpassung» an Hegemonialmächte. Immer wieder habe sich das Land so positioniert, dass es für Grossmächte nützlich gewesen sei – von den Söldnerdiensten bis zum Finanzhandel im Zweiten Weltkrieg. Realpolitik gehe meist vor Moralpolitik.
Auch die Methode, sich diplomatisch zu ducken, verteidigt der Historiker: «Diese Unterwürfigkeit ist nicht schön. Sie ist aber hilfreich für das Land.» Wer mit kleinen Zugeständnissen Schaden abwenden könne, solle sie machen. Andernfalls drohten hohe Kosten, etwa in Form von Strafzöllen. Mit Verweis auf Machiavelli betont er: Der Zweck könne die Mittel rechtfertigen, solange keine verheerenden Folgen entstünden.
Zugleich warnt Reinhardt vor moralischen «Sonntagsreden» und erinnert an die lange Tradition der dissimulatio, der diplomatischen Heuchelei. Die Schweiz solle sich ihrer Stärken bewusst bleiben, insbesondere der direkten Demokratie. Diese ermögliche es dem Volk, politische Fehlentwicklungen zu korrigieren.