Dieses Wochenende kommt der von Amazon produzierte Dokumentarfilm «Melania» über die First Lady in die amerikanischen Kinos. Er schildert die zwanzig Tage bis zur Amtseinführung Donald Trumps aus der Sicht der Gattin. Lesen Sie hier das Porträt unserer Autorin Julie Burchill über die unterschätzte First Lady aus dem Weltwoche-Archiv.
JOSE LUIS MAGANA / KEYSTONE
Sie dürfen sich nicht wehren», lautet die Antwort von Verteidigern der britischen Königsfamilie, wann immer ihre geliebte Monarchie kritisiert wird. Es stimmt, dass Prinzessin Catherine nicht einfach so «F*ck U H&M» posten kann auf ihrem offiziellen X-Account @Kensingtonroyal. Doch sind die Windsors eine grosse Familie und können sich an Weihnachten treffen und sich gemeinsam lustig machen über das Gaunerpärchen in Montecito. Zieht man ausserdem in Betracht, welche Unmengen an Geld und Ehre ihnen zuteilwerden, dann leuchtet ihr Motto «Sich nie beschweren und nichts erklären» durchaus ein.
Melania Knaus Trump darf sich auch nicht wehren. Sie hat keine Leute um sich, vor denen sie über ihre Kritiker lästern kann, denn mit grosser Wahrscheinlichkeit würde dies der Presse gesteckt: In den Klatschkolumnen wimmelt es nur so von «Insidern» und «gutunterrichteten Quellen», die sich oft als Freunde tarnen. Kommt hinzu, dass Melanias Mann liebend gern zurückschlägt. Und jedes Mal, wenn er dies tut, bekommt sie erst recht eins auf den Deckel, denn allen ist klar, dass Trump unverletzbar ist, ja sich über Angriffe geradezu freut, da er weiss: Wenn er sich auf Querelen einlässt und diese unbeschadet übersteht, steigt er in der Wählergunst. Das war schon während seiner ersten Amtszeit so, und nun, da er so klar gewonnen hat, wird er sein Maul noch weiter aufreissen. Melania wird deshalb gleich für zwei schweigen müssen.
Wieso eigentlich?
Alle ausser diejenigen, deren Trump-Wahnvorstellungen absolut unheilbar sind, räumen ein, dass Melania ein nachdenklicher Mensch zu sein scheint, der das Rampenlicht scheut und sich für wohltätige Zwecke einsetzt. Insofern ist es verständlich, wenn Hasser hämisch fragen, was sie wohl zu diesem vulgären, kaltschnäuzigen Milliardär hingezogen haben mag. Doch wenn es ihr nur ums Geld gegangen wäre, warum verhält sie sich dann so, wie sie es tut? Die meisten trophy wives reichen so rasch wie möglich die Scheidung ein oder halten ihr Opfer im Würgegriff. Melania und Donald dagegen (in dieser Reihenfolge geschrieben, klingen ihre Namen, als handle es sich um eine teure Tapetenmarke) haben sich im Lauf ihrer 26 Jahre währenden Beziehung oft getrennt und wieder zusammengetan. Es ist bezeichnend, dass Melania ihren Ehevertrag erst dann neu auszuhandeln versuchte, als sie mit ihrem Sohn schwanger war und ihr klarwurde, dass sie dessen Zukunft sichern musste.
Es wäre logisch gewesen, wenn sie Donald dazu gebracht hätte, ihr ein Modehaus zu kaufen.
Ging es ihr um die Förderung ihrer Karriere? Eher nicht. Als junges Model wollte Melania berühmt werden, und kreuz und quer durch Europa bemühte sie sich darum. Doch als sie sich mit dem grossen D zusammentat, war sie schon 28 und wusste, dass es wohl nicht lange so weitergehen würde. Vielleicht hatte sie wie so viele gedacht, vom Modeldasein zu Bedeutenderem schreiten zu können; doch ihre Filmstarträume hatte sie begraben, nachdem ein italienischer Produzent sie auf der Casting Couch niederzuringen versucht hatte.
Ihre Leidenschaft (das Wort wirkt angesichts ihres entschlossen ausdruckslosen Gesichts noch übertriebener als sonst, aber es ist wohl das, was sie selbst verwenden würde) hat immer schon dem Modedesign gegolten. Insofern wäre es logisch gewesen, wenn sie Donald dazu gebracht hätte, ihr ein Modehaus zu kaufen, wie Victoria Beckham eines hat; doch auch das geschah nicht. Als sie dann ihren eigenen Schmuck lancierte, bestand sie vielmehr darauf, dass beim Bewerben desselben der Name Trump nicht erwähnt werden dürfe, und sie verkaufte ihn auf dem Fernsehsender QVC.
Wer die Trumps kennt, sagt, Melania sei der einzige Mensch, der Donald zu etwas raten könne, ohne angeschnauzt zu werden, und sie sei eine der wenigen, die er je um ihre Meinung frage. Sie habe ihn dazu bewogen, damit aufzuhören, die Familien legaler und illegaler Einwanderer auseinanderzureissen, um so das Überschreiten der Grenze zu Mexiko unattraktiv zu machen.
2016 fand ein Frauenmarsch statt, auf dessen Transparenten stand: «Melania, zwinkere zweimal, falls du Hilfe brauchst.» Ein Jahr später trug sie eine billige Jacke mit der Aufschrift «Mich lässt das völlig kalt. Und dich?», als sie ein Zentrum besuchte, in dem von ihren Eltern getrennte Kinder festgehalten wurden. Sie schreibt darüber in ihren Memoiren: «Ich war entschlossen, mich von den falschen Darstellungen in den Medien nicht von meiner Mission abbringen zu lassen, den Kindern und Familien an der Grenze zu helfen. Ich beschloss vielmehr, ihnen zu zeigen, dass ihre Kritik mich nie davon abhalten würde, das zu tun, was ich für richtig halte. Um das deutlich zu machen, trug ich beim Besteigen des Flugzeugs eine bestimmte Jacke, eine Jacke, die dann schnell berühmt wurde.» Das Aufheulen der Medien spielte ihr direkt in ihre schönen Hände.
Schöne Stimme
Während ihres letzten Aufenthalts im Weissen Haus galt Melania Umfragen zufolge als die am wenigsten populäre First Lady, seit es solche Umfragen gibt – aber auch als das populärste Mitglied der Familie Trump. Es scheint, als bedeute ihr beides ausgesprochen wenig. Es wäre erfreulich, sie reden zu hören, denn sie hat eine schöne Stimme; doch in diesem Zeitalter verrückten Geplappers und wo jeder jedem seine Einschätzung aufdrängen will, hat ihre stumme Auflehnung etwas Erfrischendes.
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer