Ist Italien eigentlich Freund oder Feind? Seit der Brandkatastrophe in Crans-Montana ist das nicht mehr klar. Die Art, wie Italiens Regierung seit der fatalen Silvesternacht mit unserem Land umspringt, ist an Selbstherrlichkeit kaum mehr zu überbieten.
Noch nie hat eine italienische Staatsführung die Schweiz mit so eisiger Verachtung bestraft wie unter der Fuchtel von Giorgia Meloni – weil die Eidgenossenschaft ein gemeinsames Ermittlungsteam zur Untersuchung des Feuerinfernos ablehnt. Obschon wir den Italienern sehr entgegengekommen sind, operieren sie weiter im «Streitmodus», wie Sonntagsmedien berichteten.
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Was soll dieses unwürdige Theater, signora Meloni?
Zuerst hat man den Botschafter in Bern abberufen, angeblich weil Italien mit dem Verlauf der Untersuchungen nicht zufrieden war. Und die Schweiz belohnte dies auch noch mit der Zustimmung zu einem Treffen zwischen italienischen Ermittlern und der Walliser Staatsanwaltschaft in Bern – inklusive Einblicke in die laufenden Akten.
Dann beschloss der Bundesrat im Parlament umstrittene Solidaritätsbeträge in Höhe von je 50.000 Franken für die Opfer und Opferfamilien dieser Katastrophe. Auch wenn Justizminister Beat Jans (SP) im Interview mit CH Media (Aargauer Zeitung usw.) sagte, man habe dabei nicht auf Drängen Italiens gehandelt, sieht es genau danach aus.
Trotzdem macht die Regierung Meloni weiter Druck, und deren Botschafter bleibt Bern weiterhin fern.
Drangsalieren kann man nur jemanden, der sich drangsalieren lässt. Mit laschen Erklärungen, wie sie Beat Jans im oben genannten Interview formulierte, die Reibereien zwischen der Schweiz und Italien seien völlig unnötig, kann man vielleicht auf dem Schulhof operieren, aber sicher nicht gegenüber anderen Staaten. Es ist Zeit, dass auch wir Zähne zeigen. Warum rufen wir nicht ebenfalls unseren Botschafter zurück? Zudem: Jeden Tag fahren Zehntausende Italiener ins Tessin zur Arbeit. Vielleicht könnte man die Kontrollen an der Grenze intensivieren. Und was ist mit den Hunderten Asylgesuchen, die wir für Italien jährlich behandeln und die uns laut NZZ am Sonntag sechzig Millionen Franken kosten? Warum stellen wir Italien diesen Aufwand nicht in Rechnung? Aber einfach nur den Kopf hinhalten und dann ja und amen sagen, von dieser Duckmäuser-Strategie sollten wir uns definitiv verabschieden.