Zu den bekanntesten Schweizer Israelkritikern gehört der geschlechtlich schillernde Sänger Nemo. Seine Boykottaufrufe gegen Israel angesichts der Situation in Gaza machten Schlagzeilen auf der ganzen Welt. Unser Kollege Christoph Mörgeli beleuchtet diesen Umstand unter einer bisher noch unbekannten Perspektive, nämlich der Familiengeschichte des Bieler Künstlers, einer Familiengeschichte, die dunkle, ziemlich braune Schatten aufweist. Einige von Nemos direkten Vorfahren, darunter ein bekannter Industrieller, waren überzeugte Schweizer Nationalsozialisten. Vor diesem Hintergrund muten die selektiven Einlassungen Nemos zu Israel zumindest fragwürdig an. Sie lassen einen erstaunlichen Mangel an historischem Bewusstsein erkennen.
© KEYSTONE / ENNIO LEANZA
Der Staat Israel wurde als Zufluchtsort für jüdische Überlebende nach dem Holocaust gegründet. Nemos Boykottaufrufe gegen Israel sind Ausdruck mangelnder Sensibilität für die historische Kontinuität, vor allem dann, wenn der sich so moralisch und sensibel gebende Künstler die eigene Geschichte nicht öffentlich reflektiert, wohl aber die unmittelbare Geschichte Israels in sehr einseitiger Hinsicht. Im Wissen, dass im Nationalsozialismus der Holocaust seinen Anfang mit Boykottaufrufen nahm, wirken die Äusserungen Nemos nicht nur heuchlerisch, sondern ignorant und taktlos.
Nemo setzt sich dem Vorwurf aus, er wolle die historische Schuld seiner Verwandten relativieren, indem er Israel jener Verbrechen beschuldigt («Völkermord»), an denen seine Vorfahren zumindest geistig und indirekt beteiligt waren. Man könnte auch auf den Gedanken kommen, dass Nemo im Tarnkleid der Israelkritik und humanitärer Bedenken die ideologische Tradition antisemitischer Vorurteile seiner Vorfahren in die Gegenwart verlängert. Von einem international bekannten Künstler, der Einfluss ausübt, darf erwartet werden, dass er sich mit dem heiklen Thema, zu dem er sich äussert, vertieft auseinandersetzt. Im Fall Israels ist eine speziell fundierte Kenntnis geschichtlicher Zusammenhänge erforderlich, in denen auch die Rolle des eigenen Landes und insbesondere die Rolle der eigenen Familie mitbedacht werden muss.
Wenn Nemo kein familiär geprägter Antisemit ist, was hoffentlich der Fall ist, so ist er zumindest ein weiteres bedauerliches Beispiel für die schreckliche Oberflächlichkeit, für das geschichtsblinde Schwätzertum, mit dem sich Prominente auf Kosten Israels moralisch wichtigmachen. Nemo inszeniert sich als Vertreter einer «achtsamen» und «wachsamen», «woken» Schweiz. Achtloser und taktloser wie er kann man sich angesichts des eigenen Familienhintergrunds zu Israel kaum äussern. Seite 10
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