1984 schrieb «The Boss» Bruce Springsteen sein bekanntestes Lied «Born in the USA». Der explosive Refrain machte es zur Patrioten-Hymne. Hörte man genauer hin, war es ein Amerika-kritischer Song.
Die Zeiten der Mehrdeutigkeit sind vorbei. Am Mittwoch veröffentlichte Springsteen, 76, seinen Anti-Trump- und Anti-ICE-Song «Streets of Minneapolis». In der amerikanischen Stadt kam es während der Proteste gegen die Einwanderungspolizei ICE am 7. Januar und am 24. Januar zu je einem Todesfall. Beamte erschossen die Aktivistin Renée Good und den Aktivisten Alex Pretti.
Invision
Springsteen, seit langem ein Trump-Kritiker, ging ins Aufnahmestudio und brachte vier Tage nach Prettis Tod den viereinhalbminütigen Protestsong heraus; 24 Stunden später folgte ein entsprechendes Musikvideo. Es ist im Meme-Stil gehalten: Man sieht Springsteen mit Gitarre und dokumentarisches Bildmaterial der Demonstrationen. Darunter sind die lyrics – weiss auf schwarzem Hintergrund – zum Mitsingen angebracht.
«ICE out!», heisst es da. Zudem singt Springsteen von «König Trumps Privatarmee», die «unsere Rechte mit Füssen tritt» – «im Winter 26 streiften sie durch unsere Heimat und töteten». Weiter beklagt der Superstar «schmutzige Lügen», «Glassplitter und blutige Tränen», er nennt Minneapolis eine «entflammte Stadt, die unter den Stiefeln der Besetzer gegen Feuer und ICE kämpfte» – «wenn deine Haut schwarz oder braun ist, mein Freund, kannst du vernommen oder auf der Stelle ausgeschafft werden». Und: «Wir werden die Namen jener in Erinnerung behalten, die in den Strassen von Minneapolis gestorben sind.»
«Streets of Minneapolis» klingt unverkennbar nach Springsteen und seiner E-Street-Band; die Melodie erinnert indes stark an «The Ballad of Lucy Jordan» von Marianne Faithfull. Es musste alles schnell gehen.
Der New Yorker Songwriter und Journalist Jeff Slate, der eigentlich Sympathien für Springsteens Aktion hegt, äusserte sich auf Amerikas drittgrösstem Nachrichtensender MS Now (früher MSNBC) kritisch zum Song: «‹Streets of Minneapolis› spricht mich einfach nicht an, der Text ist holprig und die Produktion ist wenig ausgefeilt.» Es sei «kaum Springsteen in Bestform». Und: «In 24 Stunden hatte es bloss drei Millionen Klicks auf Youtube und knapp 200.000 auf Spotify.» Aber: «Vielleicht spielt es auch keine Rolle, dass ‹Streets of Minneapolis› höchstwahrscheinlich in ein paar Tagen vergessen sein wird. Vielleicht ist es genau das, was wir gerade brauchen.»
Das Weisse Haus äusserte sich ebenfalls zum Protestsong vom «Boss». «König» Trumps Sprecherin Abigail Jackson erklärte, dass «die Trump-Regierung sich darauf konzentriert, Demokraten auf staatlicher und lokaler Ebene zu ermutigen, mit Bundespolizeibeamten zusammenzuarbeiten, um gefährliche kriminelle illegale Einwanderer aus ihren Gemeinden zu entfernen – und nicht auf zufällige Songs mit irrelevanten Meinungen und ungenauen Informationen».
Springsteen erhielt seine Spitznamen «The Boss» in den siebziger Jahren übrigens, weil er derjenige in der Band war, der die Gagen unter den Mitgliedern verteilte. Es gibt auch Leute, die behaupten, «The Boss» gehe auf Springsteens liebe zum Spiel «Monopoly» zurück.