Es ist ein Muster, das sich mit beklemmender Regelmässigkeit wiederholt. Ein prominentes Paar trennt sich, es fliegen die Fetzen, Vorwürfe der Gewalt stehen im Raum, und noch bevor ein einziger Richter eine Akte aufgeschlagen hat, ist das Urteil im digitalen Pranger bereits gefällt. Der Fall um den Schauspieler Christian Ulmen und die Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes ist dabei mehr als nur eine weitere Episode im unendlichen Fortsetzungsroman des Promi-Tratsches. Er ist das Symptom einer gesellschaftlichen Verirrung, in der das Private zur ideologischen Allzweckwaffe im Geschlechterkampf umgeschmiedet wird.
CLEMENS BILAN / KEYSTONE
Was wir derzeit erleben, ist die totale Politisierung des Schlafzimmers. Sobald Vorwürfe der häuslichen Gewalt die Sphäre der Boulevardmedien erreichen, setzt ein Mechanismus ein, der den Einzelfall sofort ins Überdimensionale hebt. Das Ziel der medialen Begleitmusik ist dabei selten die Wahrheitsfindung im konkreten Fall Ulmen. Vielmehr dient das prominente Beispiel als Treibstoff für eine grössere Erzählung: die des «toxischen Mannes».
In grossen deutschen Leitmedien wird der Fall längst nicht mehr als individuelle Tragödie behandelt. Beim Spiegel etwa ist die Rede von einem «strukturellen Problem» – nämlich des «Patriarchats». Damit ist die Richtung vorgegeben: Wenn ein prominenter, vermeintlich «sensibler» Intellektueller wie Ulmen unter Verdacht gerät, dann – so die implizite Logik der Kommentatoren – muss die Gefahr bei jedem Mann lauern. Der Einzelfall wird zur Statistik, die Emotion zur Evidenz.
Rechtsstaat im Rückzug
Das Problem an dieser Dynamik ist nicht die Berichterstattung über Gewalt an Frauen – diese ist ein reales Problem, das konsequente rechtsstaatliche Antworten erfordert. Das Problem ist die Vorverurteilung, die den Rechtsstaat zur Bedeutungslosigkeit degradiert. In den sozialen Netzwerken gilt die Unschuldsvermutung längst als lästiges Hindernis. Wer zur Differenzierung mahnt, gerät sofort in den Verdacht des «Victim Blaming».
Dabei zeigen die Fakten ein weitaus komplexeres Bild. Der Kriminologe Michael Bock weist seit Jahren darauf hin, dass Gewalt in Partnerschaften oft in Form von «situativer Paargewalt» auftritt, an der beide Partner beteiligt sind. Doch solche wissenschaftlichen Einordnungen stören das Narrativ vom «Monster im Mann». Stattdessen liest man in Blogs und Kolumnen Sätze wie: «Wir müssen aufhören, Ausreden für Männer zu finden, die ihre Macht missbrauchen» – eine Formulierung, die Schuld bereits voraussetzt, während die Ermittlungen noch laufen.
Die Instrumentalisierung folgt einem Drehbuch, das Individualschuld in Kollektivschuld transformiert. Wenn Medienformate wie Zeit Online den Fall zum Anlass nehmen, um über das «Gaslighting» zu dozieren, tun sie weder der Wahrheit noch den tatsächlichen Opfern einen Gefallen. Es wird suggeriert, dass hinter jeder verschlossenen Tür im bürgerlichen Milieu ein potenzieller Täter lauert. Damit wird Misstrauen in das Fundament der Gesellschaft gesät: die Beziehung zwischen Mann und Frau. Ein konkreter Ehekrach wird zur systemischen Krise erklärt.
Belege einer Überreaktion
Die Absurdität der Debatte zeigt sich in der Geschwindigkeit der Urteilsbildung. Während die Justiz Monate braucht, produzieren Online-Plattformen im Stundentakt Analysen über die «Anzeichen für toxische Männlichkeit». Es werden Psychologen zitiert, die das Paar nie getroffen haben, um Ferndiagnosen über eine zerstörte Beziehungsdynamik zu stellen.
Diese massive Überinterpretation muss kritisiert werden. Ein eskalierter Konflikt zwischen zwei Individuen ist kein Beweis für das Scheitern einer ganzen Geschlechterordnung.
Man muss Christian Ulmen nicht mögen, und man muss Vorwürfe der Gewalt ernst nehmen. Aber man muss sich weigern, diesen Fall als Munition für einen gesellschaftlichen Feldzug zu akzeptieren. Wenn jeder Mann unter Generalverdacht steht, sobald eine Ehe scheitert, verlassen wir den Boden des Rechtsstaats.
Die Weltwoche plädiert für eine Rückkehr zur Sachlichkeit: Überlassen wir die Urteilsfindung den Gerichten. Alles andere ist kein Journalismus, sondern die Teilnahme an einem medialen Lynchmob, der am Ende nur Verlierer kennt – vor allem die Gerechtigkeit.