Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk lobt in der Neuen Zürcher Zeitung die einzigartige Demokratie der Schweiz – und er warnt zugleich vor einer institutionellen Anbindung an die Europäische Union mit ihrer Pseudodemokratie.
«Die direkte Demokratie der Schweiz ist der Stachel im Fleisch der repräsentativen Demokratien – sie sollte es meines Erachtens bleiben», sagt Sloterdijk.
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Er leitet das auch historisch her. «Eine Eidgenossenschaft ist etwas anderes als ein Nationalstaat.» Ihr Name deute «auf die Zusammenkunft mündiger Personen, die – um im Bild zu sprechen – auf einer weiten Lichtung stehen und sich versprechen, gegenseitig für sich zu sorgen. Ein ziemlich ungewöhnlicher Vorgang, würde ich meinen.»
Als einziges Land der Welt habe die helvetische Konföderation den Gedanken der Genossenschaft wirklich ernst genommen – und damit die Französische Revolution auf nichtfranzösischem Boden vollendet, indem sie das Bürgertum als politisches Subjekt souverän gemacht habe.
Diese Schweiz sei schon rein analytisch betrachtet unvereinbar mit der EU – und es brauche sie als Gegenbild zu Brüssel: «Ohne die Schweizer Ausnahme wäre der gesamte Raum politischer Theorie und Praxis in Europa sehr verarmt. Die EU geriete noch tiefer in den alltäglichen Zynismus ihrer Demokratie-als-ob-Spiele, und mit noch besseren Gründen könnte sie ihr Mantra aufsagen: Es gibt keine Alternative. Aber die existiert.» Man müsse «die Schweizer Ausnahme bewahren», so Sloterdijk.
Die «klügeren europäischen Staatslenker» würden das erkennen. Doch aus dem gleichen Grund fürchteten sie sich vor der Eidgenossenschaft: Sie demonstriere allzu deutlich, dass es auch anders gehe.
Vermutlich würden die EU und die Schweiz sich nie darüber einig werden, was das Konzept Souveränität bedeuten solle. Und solange dieser Dissens bestehe, wäre es «fatal, die Schweiz in den EU-Suppentopf zu werfen. Das helvetische Konzentrat würde sich in der dünnen europäischen Brühe auflösen.»