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SRG-Initiative: Wo die Befürworter irren

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Die Initianten der SRG-Halbierungsinitiative erkennen zu Recht, dass der publizistische Wettbewerb für unsere Demokratie konstitutiv ist. Sie irren jedoch in der Annahme, dass der Entzug von 600 Millionen aus dem Schweizer Mediensystem und die Schwächung der SRG zu mehr Wettbewerb führe.

Christian Beutler/Keystone
Ja-Komitee der SRG-Halbierungsinitiative.
Christian Beutler/Keystone

Im Medienmarkt haben wir es mit sogenannten öffentlichen Gütern zu tun. Diese unterscheiden sich von den letzten drei Gipfeli, die uns in der Bäckerei anlachen. Spätestens durch deren Kauf sind andere Gluschtige von deren Konsum ausgeschlossen.

Im Unterschied dazu gilt im Medienmarkt das Prinzip der «Nichtausschliessbarkeit im Konsum». Die teilbare Information «Der Papst ist tot» haben alle, sobald sie draussen ist. Je mehr Informations-Produzenten im Wettbewerb, umso besser, zumal es im Unterschied zum Gipfeli für die Konsumenten schwierig ist, die Qualität der Information einzuschätzen.
«Was ich nicht ess’, bezahl’ ich nicht!», rufen die Befürworter der Initiative. Klar, ich profitiere nicht davon, wenn meine Nachbarin beim Bäcker vor mir das letzte Gipfeli wegschnappt. Anders verhält es sich im publizistischen Wettbewerb. Wir profitieren alle von dem positiven Effekt, dass auch unsere Nachbarn vielseitig informiert sind – sei es als Bürger oder als Unternehmerinnen. Ausserdem gilt im Medienbereich: Nach dem Essen kommt der Appetit auf mehr. Wer konsumiert, nimmt niemandem was weg. «Nichtrivalität im Konsum» nennen das die Medienökonomen.

Beim Gipfeli erkennen wir, welche Hälfte links und welche rechts ist – welche oben und welche unten. Nun wettern die Initiantinnen, dass die Medienschaffenden weiter links stehen als die Gesamtbevölkerung – übrigens alle Medienleute, nicht nur die der SRG. Das lässt sich erklären.

Die Aufgabe der Medien besteht nicht einfach darin, die Herrschaftsverhältnisse abzubilden oder zu bewahren. Sie üben auch eine Kritik- und Kontrollfunktion gegenüber den Mächtigen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft aus. Wir sollten damit leben, dass diese journalistische Rolle eher links tickende Menschen anzieht. Von der rechts stehenden Polizistin erwarten wir auch, dass sie ihren Job professionell ausübt. Warum sollten wir diese Fähigkeit den Journalisten absprechen?

Die Konfliktlinien verlaufen heute nicht mehr zwischen den Polen katholisch versus reformiert oder im Muster des Klassenkampfs. Vielmehr polarisieren heute Themen wie Klima, Umwelt, Inklusion oder kultureller Liberalismus (zum Beispiel Frauenrechte, Minderheiten). Es ist die Aufgabe des Journalismus, hier auch neue Ideen zu thematisieren. Und Hand aufs Herz: Wo stünden wir heute in Sachen Frauenrechte, wenn das journalistische Prinzip das Bewahren wäre?

Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik. Er lehrt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

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