Das Transparente ist das wirklich Durchsichtige. Weil nachlässige verhüllte Nacktheit in der Vorstellung ein Versprechen ist und reine Nacktheit bloss eine Wahrheit. Naked dress heisst der Trend, den, wer sonst, Marylin Monroe erfunden hat und bei dem sich Sternchen und Sexbomben wie unlängst Sydney Sweeney, Dakota Johnson, Rihanna, Bianca Zensori versuchen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit am verführerischsten nackt angezogen zu sein. Die kleine Kulturgeschichte der Transparenz lesen Sie im Weltwoche-Artikel, der erstmals am 5. November 2025 erschien.
2025 Invision
Es gibt, vorerst noch hauptsächlich bei jenen Damen, die sich hin und wieder auf roten Teppichen räkeln, einen sich verstärkenden Modetrend: Naked dress heisst er, plump übersetzt also «Nacktkleid». Da stehen sie dann, die von Scheinwerfern Beschienenen und Ausgeleuchteten aus Film- und Unterhaltungsindustrie, die gerade angesagten Vertreterinnen einer Celebrity-Kultur, und sind nicht nackt, vermitteln aber Nacktheit, und der Betrachter sieht ein wenig vom Ganzen und vom Ganzen ein wenig. Das ist nicht neu, galt aber schon bei den Ägyptern und den Römern als raffiniert.
Transparenz ist stets verführerisch, weil sie das Nackte nur suggeriert, während Nacktheit nackte Tatsachen schafft. Transparente Kleider, könnte man sagen, entblössen paradoxerweise mehr als blosse Nacktheit, weil der Betrachter zwar einen Hauch von Nacktheit sieht, das ganze Bild aber stets ein Versprechen bleibt und vor allem eines der Vorstellung. Und, das kennt jeder, in der Vorstellung sind die Dinge meist verführerischer als dann in der Wirklichkeit. Das Paradies funktioniert ja auch so – in der Vorstellung ist es in den allermeisten Fällen paradiesischer als in der Wirklichkeit.
Als ob von Michelangelo ziseliert
Das mag auch daran liegen, dass die Wirklichkeit nicht anders kann, als sich stets nackt zu zeigen. Da sind nur wir, die ihr den Stoff der Transparenz so überstreifen, wie das die gegenwärtigen Halbgöttinnen des Showbiz tun, wahrscheinlich damit wir weiter träumen können, dass das unverhüllte Reale vielleicht doch nicht ein derart schonungsloses Ding ist. Transparenz lässt Spielraum für das Makellose.
Gesehen hat man das unlängst am Busen von Sydney Sweeney, 28. Sie trug ein silberfarbenes, halbtransparentes Kleid mit eingewebtem Hightech-Korsett, und ihre ziemlich fabelhaften Brüste im C-Körbchen-Format, wie spekuliert wird, also mittlere Grösse, lagen da und schwebten doch, als ob sie von Michelangelo ziseliert worden wären. Als sie nicht mehr auf dem roten Teppich für ein klein wenig Atemlosigkeit sorgte und für eine Handvoll Männerträume, hielt sie eine Rede über Powerfrauen.
Der Betrachter sieht ein wenig vom Ganzen und vom Ganzen ein wenig.
In Grunde ermunterte sie die anwesenden Frauen, sich einfach selbst zu leben, sich nicht zu verkleiden, sich nicht von aussen definieren zu lassen, und als sie sprach, war ihr Busen ein wenig vom Rednerpult verdeckt oder von ihren Händen. Was sie sagte, war zwar nicht neu, aber unbedarftes Blabla war es auch nicht, nur erinnert sich die Welt natürlich an ihren durch dünnen Stoff verhüllten Vorbau und nicht an ihre Botschaft.
Das Ganze ist äusserst ambivalent. Ihr Kleid, um es einfach zu sagen, reduzierte sie auf ihre Titten, was natürlich dem Anspruch des Feminismus auf Anerkennung von weiblichem Körper und Hirn als entdiskriminierte Ganzheit zuwiderläuft. Auf der anderen Seite zeigt es ein erweitertes feminines Bewusstsein, das hüllenlos fast die ästhetischen Waffen einer Frau ins Feld führt, eine Attitüde, die sich nicht einzwängen lässt und die sich, vor allem, nicht verstecken will hinter rigiden Vorstellungen von Anstand und Moral. Zur Schau gestellter Sex-Appeal, so könnte man hineininterpretieren, verhindert die Selbstverwirklichung der Frau keineswegs.
Das ist der Weg der Befreiung und Selbstfindung, den der Feminismus in fünfzig Jahren gegangen ist: vom symbolischen Verbrennen von Büstenhaltern in den 1960ern bis zum naked dress dieser Tage.
Mag sein, dass diese semisoziologischen Erklärungsversuche viel zu weit gehen. Dass die Freude am Körperzeigen bloss ein Produkt oder ein Ausdruck jener grassierenden Optimierungsindustrie ist, deren zwanghafte Doktrin Fitness, Lifting und injectables sind und die gerade der vorherrschende, inzwischen fast klassenlose gesellschaftliche Lifestyle sind. So dass das leicht verschleierte Zeigen körperlicher Hotspots wenig mit Emanzipation und Freiheit und solchen Dingen zu tun hat, sondern nur mit einem unverhüllten Hedonismus.
Mechanik des Verschleierns
Wie auch immer, das Spiel mit der Nacktheit funktioniert im Grossen und Ganzen. Es wird bemerkt, registriert und diskutiert. Und zwar seit fast 65 Jahren, als Marilyn Monroe im damals bisher dünnsten, hautengsten Kleid der Welt beim Dessert zum 45. Geburtstag von John F. Kennedy «Happy Birthday, Mr President» sang und hauchte.
Inzwischen sind naked dress-Auftritte zwar nicht inflationär, aber doch schon nahe an der Tagesordnung. Meist nicht um eine politische Botschaft zu untermauern, sondern um ein wenig Marketing in eigener Sache zu betreiben. Da waren Cher, natürlich, Kate Moss, Rihanna, Bella Hadid und unlängst auch Dakota Johnson in Zürich, die in einem wallenden, vorne knapp über die Scham, hinten knapp über den Anus reichenden Gucci-Kleid samt fast freier Sicht auf ihre Brüste die Schweiz da und dort etwas in kleine Hitzewallungen à la «Fifty Shades of Grey» versetzte.
Um den Hype des naked dress von seiner sexuellen Komponente zu entkleiden und ihn als gängige Mechanik des allgemeinen Verschleierns zu erklären, könnte man anmerken, dass er auch nicht gross anders funktioniert als etwa eine Bundesverwaltung. Dort wird ebenfalls mit Transparenz gearbeitet, gewuchert und zur Schau gestellt, werden Teile ihres Körpers halbwegs sichtbar gemacht, um all das Unschöne darunter zu verbergen.