Journalistin Michèle Binswanger wirft dem SP-Co-Präsidenten Cédric Wermuth vor, den Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein politisch zu «instrumentalisieren». In einem Kommentar im Tages-Anzeiger kritisiert sie, Wermuth deute die Verbrechen Epsteins einseitig als Folge «neoliberaler Eliten» und blende dabei zentrale Fakten aus.
Wermuth hatte in einem Gastbeitrag argumentiert, es handle sich nicht um «individualpsychologische Störungen», sondern um ein strukturelles Problem der «neoliberalen Eliten», die durch «Steuersenkungen, Deregulierung, Sonderprivilegien» in den Glauben versetzt worden seien, für sie gälten keine Regeln mehr.
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Binswanger widerspricht dieser Analyse. Zwar habe es in den vergangenen dreissig Jahren eine entsprechende wirtschaftspolitische Entwicklung gegeben. Diese jedoch zur Ursache der Verbrechen Epsteins zu erklären, sei unredlich.
Der Epstein-Skandal sei von Beginn an parteiübergreifend instrumentalisiert worden – von US-Demokraten ebenso wie von Republikanern. Zudem seien unter Epsteins Kontakten nicht nur Politiker wie Bill Clinton oder Lord Mandelson gewesen, sondern auch linke Intellektuelle wie Noam Chomsky.
Stossend sei, so Binswanger, dass Wermuth für seine klassenkämpferische Argumentation die Opfer sexuellen Missbrauchs heranziehe. Organisierter Menschenhandel und die Ausbeutung von Frauen seien keine Frage des Parteibuchs oder des Einkommens. Missbrauch komme in allen gesellschaftlichen Schichten vor.
Wer sich glaubwürdig gegen Gewalt an Frauen engagieren wolle, dürfe Täter nicht nach ideologischen Kriterien auswählen. «Alles andere sei Zynismus», schreibt Binswanger.